Pop Schiller, Warhol und all die anderen

Was ist Pop? Thomas Hecken rekonstruiert die verschlungene »Geschichte eines Konzepts«

Ist sie Pop? Die Sängerin Lady Gaga

Ist sie Pop? Die Sängerin Lady Gaga

Pop ist, wenn es knallt, pufft, rawummst und alle ihren Spaß dabei haben. Nein, Pop ist ein Gegenstand, der gerade in seiner vollkommenen Oberflächlichkeit intellektuelle Deutungen herausfordert. Pop, unterm Licht der Stroboskoplampe gelesen, verhilft unterdrückten Individuen zu ihrem Ausdruck, ist also antikapitalistisch. Alles Unsinn, Pop herrscht gerade, indem er dem Hedonismus das Wort redet, er dient den Gesellschaften des Westens zur Ummantelung ihrer kulturellen Leere. Was Pop ist oder sein sollte, darüber gibt es so viele Meinungen wie Theoretiker. Und täglich kommen neue hinzu.

Dass es sich in den meisten Fällen um Urteile handelt, die rein situativ getroffen werden, entspricht dem beschleunigten, journalistischen Charakter der Debatte. Poptheoretiker ist, vereinzelten universitären Aneignungsversuchen zum Trotz, kein Ausbildungsberuf, man ernennt sich selbst dazu, indem man ein in Szenen kursierendes Wissen aufgreift und thesenhaft zuspitzt. Mit der Folge, dass Poptheorie bis heute eine Stegreifdisziplin geblieben ist. Genau wie im Sport hat jeder Berufene wie Unberufene gleichermaßen ein Wörtchen mitzureden, frei nach der Devise des in Vergessenheit geratenen Sängers und Sloganisten Andreas Dorau: Das ist Demokratie, langweilig wird sie nie.

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Dabei hat das Reden über Pop längst selbst eine Geschichte. Ein halbes Jahrhundert reicht sie zurück, Vorläufer nicht mitgerechnet – so lange schon umkreisen Intellektuelle und Künstler fasziniert die Frage nach der Beschaffenheit einer Kultur der Oberflächen. Im Zuge dieser oft aggressiv geführten Debatten wiederholen sich nicht nur die Argumente und rhetorischen Figuren, sie sind selbst Teil eines Verständigungsprozesses, der die Durchsetzung des Populären begleitet. Pop, mit anderen Worten, ist ein Diskurs, der in Klubs, Galerien, auf Tanzflächen und angeschlossenen Medien geführt wird, dabei aber eine Wirklichkeit eigener Art generiert. Die verschlungenen Wege dieser Rede freizulegen, hat Thomas Hecken, Privatdozent für Deutsche Philologie an der Ruhr-Universität Bochum, zu seinem Projekt gemacht.

In Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009 unternimmt er den ebenso verzichtreichen wie anspruchsvollen Versuch, den Gegenstand einmal nicht apodiktisch in den Raum zu klotzen, sondern aus seinen Selbstzeugnissen heraus zu entwerfen. Auf mehr als 500 Seiten geht Hecken sie alle noch mal durch, die zahllosen Manifeste, Pamphlete, Zeitungsartikel rund um ein diffuses Phänomen. Was aus den Archiven heraufklingt, ist ein Chor der Stimmen, der zu zwei Zeitpunkten – Mitte der Sechziger und Anfang der Achtziger, als Punk und Postpunk die enttäuschten gegenkulturellen Hoffnungen erneut befeuerten – signifikant anschwillt, um schließlich in ein postmodernes Stadium der Reformulierungen und Verfeinerungen überzugehen: Theorie-Sampling après la lettre. Es kommen aber auch einige Avantgardisten zu Wort, die man nicht auf Anhieb als Männer des Pop identifiziert hätte.

Bereits Friedrich Schiller machte sich – unter idealistischen Bauchschmerzen freilich – Gedanken, wie der Anspruch, das Volk zu den Höhen der Dichtkunst hinaufzuziehen, mit dem partikularen Alltag zu versöhnen sei. Seine Überlegungen zur Erziehung des Menschen sind der Musterfall einer bürgerlichen Ästhetik, gegen die im 19. Jahrhundert antibürgerliche Kräfte aufbegehren: Baudelaire und Huysmans feiern die künstlichen Paradiese des L’art pour l’art. Dada und Futurismus schließlich stellen erstmals das Reizende, Maschinelle in den Mittelpunkt: Berühmt geworden ist Filippo Tommaso Marinettis Satz, ein Automobil sei schöner als die antike Statue der Nike. Einigermaßen zwanglos lässt sich aus diesen Entwürfen und Geschmacksurteilen der Umriss einer Poptheorie vor der Poptheorie herauslesen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts allerdings wird Pop zum Kampfbegriff.

Es sind (anti)künstlerische Strategien der Moderne, die den Kern von Heckens Bestandsaufnahme bilden: Verfahren der Dekomposition und Verfremdung, wie sie von Andy Warhol propagiert werden, aus der Hüfte geschossene Versuche, die Kluft zwischen High und Low zu schließen, beim ersten Popstar unter den Akademikern, Leslie A. Fiedler, Aufwertungen des hedonistischen Lebensstils im Britpop der Swinging Sixties, ein den Dandykulten der Décadence abgeschautes Verständnis von Selbststilisierung als Selbsterschaffung. Gemeinsam ist diesen Attacken auf den bürgerlichen Kunstbegriff, dass sie Impulse der Vorkriegsavantgarden aufnehmen und verstärken. Während die Manifestationen der historischen Avantgarde jedoch auf esoterische Künstlerzirkel beschränkt blieben, heften sich die Programmatiken von Pop und Pop-Art an einen gesellschaftlichen Umbruch.

»Mit dem erstaunlichen Zeitabschnitt der 60er Jahre hat man bereits fast alle wesentlichen Punkte zusammen, die auch in den kommenden Jahrzehnten für die Popdebatten von entscheidender Bedeutung sind«, schreibt Hecken auf halber Strecke und nennt im Vorübergehen einige der Hintergründe: die Herausbildung eines neuen Konsum-Ethos, die Zunahme technisch produzierter Abbilder, die damit verbundene Betonung des Knalligen und Signethaften. Das Ergebnis aufseiten der Kritik ist ein durchgängiges Lob der Oberfläche, das allerdings mit dem Niedergang der Gegenkulturen rasch an Strahlkraft verliert. In den Siebzigern ist es bereits wieder der authentische Rock, der die Diskussionen bestimmt. »Pop« sinkt vom Schlachtruf zum Schimpfwort herab, um erst eineinhalb Jahrzehnte später wieder aufzutauchen, diesmal unter postmodernen Vorzeichen.

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