Organisierte Kriminalität Ist das eine Käsesorte?
Die Regierung in NRW verschließt die Augen vor der Mafia
Als der Boss Gerlando Alberti in den siebziger Jahren in Mailand verhört wurde, fragte er: »Mafia? Was soll das sein? Eine Käsesorte?« Die Antwort der Düsseldorfer Landesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion der SPD zum Thema »Bedrohung Nordrhein-Westfalens durch die Mafia« klingt ähnlich.
Oder was soll man sonst davon halten, wenn auf die Frage, welche Gefährdung von der Mafia für Nordrhein-Westfalen ausgehe, wie folgt geantwortet wird: »Dem LKA liegen auch keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass Gruppierungen der italienischen OK (Organisierte Kriminalität, Anm. d. Red.) in NRW ebenso tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, wie dies von der Antimafiakommission des italienischen Parlaments sowie den italienischen Sicherheitsbehörden dargestellt wird.« Das ist eine kühne Behauptung. Nicht nur, weil sie von einer groben Unkenntnis des Phänomens »Mafia« zeugt – deren vornehmste Eigenschaft ist es, stets Teil der Gesellschaft zu sein, nie ein Fremdkörper –, sondern auch, weil sie sämtlichen Erkenntnissen der Ermittler widerspricht. Nicht nur der geschmähten italienischen, sondern auch der deutschen Fahnder: Allein in den BKA-Berichten über die kalabrische Mafia ’Ndrangheta in Deutschland tauchen unzählige deutsche Helfershelfer auf, ohne deren Unterstützung die Mafia hierzulande gar nicht existieren könnte – Rechtsanwälte, Steuerberater, Bankangestellte, Geschäftsführer, ehemalige Stasimitarbeiter, Ehefrauen.
Nordrhein-Westfalen ist nicht erst seit den Morden in Duisburg ein Zentrum der italienischen Mafia, sondern schon seit 40 Jahren, als mit den ersten Gastarbeitern auch die ersten Berufsverbrecher kamen. Sizilianische Mafiosi, neapolitanische Camorristi und kalabrische ’Ndranghetisti. Laut BKA macht die ’Ndrangheta Geschäfte in Moers, Wesel, Xanten, Kevelaer, Hilden, Bochum, Essen, Dinslaken, Bonn und Kaarst: Geldwäsche, Rauschgifthandel, Waffenhandel.
Von den 62 Restaurants in Deutschland, die den Clans aus der kalabrischen Mafiahochburg San Luca gehören, befinden sich laut BKA allein 30 in Nordrhein-Westfalen. Die Landesregierung merkt dazu an: »Das Betreiben eines Gastronomiebetriebes allein begründet keinen Anfangsverdacht für das Vorliegen einer Straftat, auch nicht, wenn Betreiber oder Mitarbeiter polizeilich bekannten kalabrischen Familien angehören.«
Nun ist die Blutsverwandtschaft speziell für die Clans der kalabrischen ’Ndrangheta von grundlegender Bedeutung. Die italienischen Antimafiastaatsanwälte bemerkten schon in ihrer im Jahr 2000 veröffentlichten Untersuchung über illegale Güter in Deutschland: »Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass viele von jenen nicht vorbestraften Familienmitgliedern, die mit bekannten Bossen verwandt sind, ebenfalls in einem mafiösen Unternehmen tätig sind. Und dass es im Wesentlichen dieser legale Anschein der Organisation ist, der es ermöglicht, sich im Gastgeberland als unbescholtener Bürger zu präsentieren – mit allen sich daraus ergebenden Nutzen.« Was sehr dezent ausgedrückt ist. Man könnte auch sagen: Verwandte verraten einander nicht.
Wenigstens zeigt sich die Landesregierung von den logistischen Fähigkeiten der italienischen Mafia beeindruckt, der sie »hohe Finanzkraft« attestiert. Und hebt hervor, dass Giovanni Strangio, einer der mutmaßlichen Täter des Duisburger Massakers, in Amsterdam mit 500.000 Euro festgenommen wurde. Auch Beziehungen zu anderen kriminellen Organisationen schließt die Landesregierung nicht aus – etwa zu südamerikanischen Drogenbossen, wie die Beschlagnahmung von 130 Kilogramm Kokain im Hafen von Rostock vermuten lasse. Auch geht sie von der »Nutzung legaler Geschäftsstrukturen« aus, etwa wenn die Baumafia ihre Geschäfte dank der Zusammenarbeit mit legalen Unternehmen macht. Aber: Geldwäsche? »Verdachtsunabhängige Finanzermittlungen sind rechtlich nicht zulässig und werden nicht durchgeführt.« Rauschgifthandel in Zeiten der Globalisierung? Internet? Abhörsicheres Skype? Nicht in Nordrhein-Westfalen. Da gilt die Mafia immer noch als in archaische Blutfehden verstrickter Geheimbund. »Die Ausnutzung der Digitalisierung, insbesondere die Ausbreitung des Internets und das Verschmelzen von Kommunikations- und Informationstechnologie ist für die Erscheinungsformen italienischer OK bisher nicht festgestellt worden.«
Insgesamt seien OK-Ermittlungsverfahren gegen italienische Täter rückläufig – was angesichts der Tatsache, dass in Deutschland der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus Vorrang hat, auch nicht verwundert: Um »Bärtige zu belauern«, wie es Staatsanwälte und Polizisten nennen, wurden die OK-Dienststellen ausgedünnt. Also gibt es weniger Ermittlungen, und weniger Ermittlungen ergeben weniger Delikte, jedenfalls in der Statistik. Angst vor der Mafia soll in NRW niemand haben: Die Landesregierung stellt beruhigend fest, dass sich die Gewalttätigkeit der Mafia ohnehin »vorwiegend gegen italienische Landsleute« richte. Na, Gott sei Dank. Der Sechsfachmord von Duisburg? Lediglich Italiener, die Italiener umgebracht haben.
Und wer dann immer noch uneinsichtig ist und behauptet, dass die Mafia in NRW existiert, der wird in den Ruhestand versetzt. So wie Thomas Wenner, Polizeipräsident von Bochum, dem vorgeworfen wird, zur Vorbereitung der Anfrage Informationen zum Thema italienische Mafia an die SPD weitergegeben zu haben. Es ist also müßig, sich über Berlusconi zu mokieren und über Italiens vermeintliche Unfähigkeit, die Mafia zu bekämpfen. Deutschland macht es kaum besser.
- Datum 08.01.2010 - 18:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
- Kommentare 12
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Bildzitat:" Nordhrein-Westphalen ist nicht erst seit den Morden in Duisburg ein Zentrum der Mafia."
Diese Schreibweise ist mir auch neu..... :)
zu komisch xD
Kein Wunder, dass es angeblich keine Mafia geben soll. Schließlich ist die Verquickung zwischen Mafia und politischer Prominenz weit fortgeschritten, wie die Männerfreundschaft zwischen Oettinger und seinem kallabrischen Pizzabäcker zeigt. Der damalige Justizminister Schäuble war es, der Oettinger informierte, dass gegen den Mafioso demnächst ermittelt würde, und riet ihm, mehr Abstand zu wahren.
Der BKA-Mitarbeiter, der diese Verbindung entdeckt hatte, wurde von den Behörden daran gehindert, weiter zu ermitteln,wurde von seinen Vorgesetzten unter Druck gesetzt und hat schließlich entnervt seiner Versetzung zugestimmt.
Noch Fragen?
Geht nur beim Normalbürger.
Sehr interessant. Deswegen hat man auch die Erpresser anderer Herkunft weitgehend ungeschoren gelassen.
Nur, wo investieren die das unrechtmäßg erworbene Geld. Auch nur bei den Landsleuten? Vermutlich nicht. Und so existieren vielleicht bald ein paar Branchen, die sich irgendwann monopolisieren können.
Bedingungen stellen, Leute verschwinden lassen (Jimmi Hoffa) und die Preise diktieren. Aber gut, solange die Steuern zahlen ist ja alles in Ordnung.
Vielleicht sollten die sich zur Wahl stellen. Angeblich sorgt die Mafia ja für ihre Leute. Arbeitsplätze, Sozialleistungen und Gemeinsinn. Würde die Regierung entlasten. Und wenn egal ist, wer die Steuern zahlt, ist es auch egal, wer einen ausbeutet. Und wenn man 50% abgibt und kriegt was dafür?
Werde mal recherchieren. Man hat dann auch als Bürger und nicht nur als Politiker bei einer Schweinerei verlässliche Verbündete.
Wenn der Artikel wirklich so stimmt, was bleibt einem dann anders übrig, als die Zeichen der Zeit zu erkennen. Den Kopf schütteln allein reicht nicht.
Entlastend sei gesagt, dass die Jagd auf Schwarzarbeiter, Verkehrssünder, Hartz IV Betrüger und "Bärtige" natürlich eine Menge Kräfte bindet. Und die haben es auch verdient. Die zahlen schließlich weniger Steuern und ihre Attacken richten sich schließlich indirekt gegen deutsche Politiker und damit gegen eigene Landsleute.
...wird in ganz Deutschland nicht wirklich ernst genommen. Der große Aufschrei nach den Vorkommnissen in Duisburg ist vorbei, schon widmet man sich anderen Problemen. Dabei weiß man bereits, dass nicht nur in NRW, sondern gerade auch im Osten die Mafia sehr viele Clans und Geschäfte hat. Doch wie im Artikel erwähnt, wird durch den Sparzwang und der Angst der Politiker vor negativen Folgen von Steuererhöhungen schön viel Polizeipersonal in den Ländern abgebaut. Allein in Sachsen-Anhalt sollte bei der sowieso schon gestutzen Polizei noch einmal 1/4 an Stellen gekürzt werden. Dabei wird schon in meiner Heimatstadt Schutzgeld professionell in vielen Innenstadtkneipen eingetrieben und diverse Buttersäureanschläge gegen sich weigernde Diskotheken ausgeführt, damit die Gäste ausbleiben. Naja, ist wurscht. Ermittlungen eingestellt. Wenn sich dann jemand traut, Anzeige zu erstaaten können unsere aus allen Nähten platzende Polizisten sowieso nur die Anzeige aufnehmen und archivieren. Ermittlungen sind viel zu teuer und daher nicht lohnenswert. Gilt auch bei Jugendkriminalität.
Auch in Hessen, Raum Korbach, hat die Mafia einige schöne Wurzeln geschlagen, gerade auch die Russen sind hier aktiv. Aber das interessiert keinen, sonst müsste man ja handeln...
...Steuern die die Mafia bei der Geldwäsche zahlt - die fließen in die Staatskasse.
Und so ist der Politik die "friedliche Mafia" (die nicht regelmäßig Menschen ermordet) ganz genehm.
Ebenso heißt es dass die deutsche Wirtschaft ohne die Maffia (italienisch, russisch etc.) gar nicht funktionieren würde... (in ihrem aktuellen Zustand)
Das Problem der Mafia ist ein Gesellschaftsproblem. Wir sehen das in Italien. Wenn der Staat seinen Verpflichtungen dem Bürger nicht mehr nachkommt, entstehen solche Strukturen
Ein Beispiel. Ein Hartz IV Empfänger hat die Möglichkeit, einen Imbiss zu kaufen oder zu eröffnen und benötigt dafür 6000 Euro. In Deutschland unmöglich, keine Bank finaziert das,also bleibt er Hartz IV Empfänger. In Italien ist das etwas anderes. Er bekommt zwar von der Bank auch kein Geld, aber er kennt jemanden, dieser kennt wiederum jemanden und der könnte helfen. Dieser meist mit Don angeredete, eine "respektable" Persönlichkeit hilft auch gegen kleine Gefälligkeiten und vielleicht muß man ihm auch noch einen kleinen Anteil aus dem Imbis zukommen lassen und man sollte sich an die abgesprochen Vereinbarungen halten. In Italien leben die Leute damit und solange man sich an gewisse Regeln hält, ist das alles auch kein Problem.
Ich befürworte die Mafia nicht, will damit nur aufzeigen,
wie so etwas entsteht, wenn ein Staat gegen sein Volk arbeitet. Hartz IV sollte nur als Beispiel sein.
Die Mafia zu instrumentalisieren, um gegen Hartz IV zu wettern, ist schon etwas plump.
Aber wie es schon andere geschrieben haben: In Italien spricht man von Mafia, bei uns ist es der politische Filz, der Rechtsbrecher vor der Strafe schützt. Einen grossen Unterschied gibt es nicht. Und ob man die Schutzgebühren der Mafia oder dem Staat zukommen lässt, spielt je länger je weniger eine Rolle - die Gegenleistung tendiert gen Null, der Batzen fliesst in die Taschen von Bankern, Grossunternehmern oder sonstiger Schwerreicher.
Dieser Staat sollte sich langsam Gedanken machen, wie er wahrgenommen wird. Dass eine Nostalgie-Partei wie die "Linke" so gut ankommt, hat man sich selbst zuzuschreiben.
Die Mafia zu instrumentalisieren, um gegen Hartz IV zu wettern, ist schon etwas plump.
Aber wie es schon andere geschrieben haben: In Italien spricht man von Mafia, bei uns ist es der politische Filz, der Rechtsbrecher vor der Strafe schützt. Einen grossen Unterschied gibt es nicht. Und ob man die Schutzgebühren der Mafia oder dem Staat zukommen lässt, spielt je länger je weniger eine Rolle - die Gegenleistung tendiert gen Null, der Batzen fliesst in die Taschen von Bankern, Grossunternehmern oder sonstiger Schwerreicher.
Dieser Staat sollte sich langsam Gedanken machen, wie er wahrgenommen wird. Dass eine Nostalgie-Partei wie die "Linke" so gut ankommt, hat man sich selbst zuzuschreiben.
...und hat sich ebensowenig wie die ZEIT um das Thema gekümmert.
Ihr Wahlkampf nimmt an Plumpheit zu und an Niveau ab.
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