Martenstein "Ich kenne doch Kurkuma"
Harald Martenstein gibt sich alle Mühe, mit exotischen Zutaten zu kochen. Doch was um alles in der Welt ist Kokum?
Nicht genug damit, dass ich ein Mitarbeiter des ZEITmagazins bin – nein, ich lese es auch. Unter anderem lese ich die Kochrezepte. Schon vor vielen Jahren kochte ich Rezepte von Wolfram Siebeck nach. Wir saßen im Keller unseres zerbombten Hauses, im Kofferradio liefen Hits von Duke Ellington und Maurice Chevalier, der Propangaskocher warf sein schütteres Licht auf die von gescheiterten Weltmachtträumen und übereilten Feldzügen gezeichneten Gesichter unserer Familie. Wir kochten den Pichelsteiner Eintopf von Wolfram Siebeck, mit schlechtem Gewissen, weil wir, bitterarme Leute, statt des von Siebeck dringend empfohlenen halben Pfunds Butter ein Viertelpfund Katzenfett nehmen mussten, das mein Vater auf dem Schwarzmarkt gegen sein letztes Ritterkreuz eingetauscht hatte.
In einem der jüngeren Hefte fand ich ein reizvolles Rezept für Kashmiri-Curry (nicht von Siebeck). Eine Zutat, deren Namen ich noch nie gehört hatte, hieß "Kodampoli oder Kokum". Ich ging zu dem asiatischen Lebensmittelladen bei mir an der Ecke. Der Händler hatte alles, bis auf die Zutat, die "Kodampoli oder Kokum" hieß. "Sie meinen sicher Kurkuma", sagte der Händler nach einigem Nachdenken. Ich sagte, "nein, ich kenne doch Kurkuma, jeder kennt Kurkuma", also, sagte ich: "Kodampoli oder Kokum muss schon was anderes sein als das gute alte, strunznormale Kurkuma." Ich misstraute dem Händler, weil er kein Inder war, sondern, ich tippe mal, Syrer oder so etwas. Was weiß ein Syrer schon von Kodampoli? Oder von Kokum?
Ich ging zu dem indischen Restaurant, wo ich manchmal esse. Der Wirt trägt Turban und einen weißen Bart, an seiner indischen Identität kann nicht der Hauch eines Zweifels bestehen. Der Wirt schaute sich meinen Einkaufszettel an, auf dem alles durchgestrichen war bis auf drei Wörter, "Kodampoli", "Kokum" und das Wort "oder". Er sagte: "Das kenne ich nicht." Er fragte, ob ich sicher sei, dass es sich nicht um ein ähnlich klingendes Gewürz handele, welches Kurkuma heiße. Er holte seinen Sohn. Sein Sohn ist der Koch. Der Sohn trocknete seine Hände ab, nahm den Zettel, las ihn und gab ihn wieder zurück. "Das gibt es nicht", sagte der Koch und ging kopfschüttelnd zurück in die Küche.
Dem Vater war die Sache peinlich. Ich habe da schon oft gegessen. Ich glaube, ich hatte ihn bei seiner indischen oder seiner Gastronomenehre gepackt. Oder bei beidem. Er sagte, kein Problem, einer seiner Brüder lebe in Kaschmir. Ich sagte, dass er sich bitte keine Umstände machen solle. "Wieso Umstände?", antwortete der Wirt. "Wir haben die Telefon-Flatrate." Nun hörte ich einem längeren Gespräch in einer mir unbekannten Sprache zu, das in seinem Verlauf heftiger und lauter wurde und von dem ich nur die Wörter "Kodampoli" und "Kokum" verstand. Dann hörte das Gespräch auf. Der Wirt strich sich über seinen Bart, er musste sich beruhigen. Dann sagte er: "Mein Bruder versteht nichts von Kochen. Seine Frau ist keine gute Frau. Sie weiß gar nichts. Nehmen Sie einfach Kurkuma. Ich gebe Ihnen welches."
Zu Hause googelte ich "Kodampoli oder Kokum". Es gab nur acht Rückmeldungen, eine davon war das Rezept aus der ZEIT, die anderen waren auf Englisch. Ein Blogger aus Malaysia berichtete, wie schwierig diese Zutat in Malaysia aufzutreiben sei. Eine Susheela Raghavan schrieb, dass es sich bei Kokum – in Kerala Kodampoli genannt – um die getrocknete Rinde eines immergrünen Baumes handele, der in der Provinz Gujarat sowie in der Region Maharashtra vorkomme. Das Rezept ist übrigens sehr gut, es geht aber auch mit Kurkuma.
- Datum 06.01.2010 - 12:50 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 07.01.2010 Nr. 02
- Kommentare 11
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Wie gut, dass Sie bis zu den wirklichen Quellen recherchiert haben. Vielleicht schenkt Ihnen ein Malaye auch die seltene Zutat "Kodampoli" [oder "Kokum"] Sehr stimmungsvoll auch der Einstieg in Ihren Text dieser Woche. Man kann hoffen, dass das Jahr 2010 kein so charakterlich mieses Jahr wie 2009 werden wird. Auf zu neuen Zielen. Zu den wirklichen Quellen und weltumspannenden Kontakten!
Pardon, mein "F" haengt.
...Indiens Kaffeeplantagen werden beschattet von mächtigen Baumriesen, die faustgroße, gerippte, sehr sauer schmeckende Früchte tragen, die in der lokalen Sprache „Kodampoli“ heißen...clik here
http://www.arte.tv/de/Der...
Ich bin zur Zeit in Indien und habe heute zufaellig von dieser Frucht genascht! Ich komm gar nicht drauf klar! whaa!
1. Eintrag http://tinyurl.com/y8bqsoo
an Nr 5 (maks) Der DIREKTE Kontakt zu den lebendigen Quellen ist wichtig, auch, wenn sich die Inder nicht an alles erinnern koennen. Da springt eben jemand anderes ein. Man kann sich ja nun nicht ALLES merken, sogar, wenn es das selbe nur mit einem anderen Namen ist.
Koks für den Ofen. Was mache ich denn, wenn ich nur die strunznormalen Briketts oder Eierkohlen für meinen Koks-Ofen vom Trödelmarkt finde? Ich will aber Koks! Keinen in Brikettform gepressten Restmüll oder Eier vom Schornsteinfeger, nein, ich will Koks. Kokskokskoks. Wo kann man denn überhaupt noch Koks kaufen? Alles gibt es mittlerweile im transparenten Schrumpfschlauch - Holz, Briketts, Netzgeräte, Pizzen und Bücher. Nur Koks, den gibt es nirgendwo. Muss ich denn wirklich auf Buchenholz umsteigen? Die Äußerung meines Nachbarn war jetzt auch nicht über die Maße hilfreich: "Das ist ja so, als wie wennste in dein Koks-Ofen direkt dat Kokain fabrennst." Während ich noch darüber nachdachte ihn zur Frühstücks-Eierkohle mit Braunkohlenbrot einzuladen kam mir ein Werbespot vor die Augen, der mein Problem ja geradezu winzig erscheinen lässt. Also wie von Zauberhand weg, fort, automatisch und völlig unbefriedigend aber irdendwie doch schön:
http://www.youtube.com/wa...
...aber Martenstein schreibt besser.
So ist das Leben.
...war das Thema des vergangenen Blogs....
...aber Martenstein schreibt besser.
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