Welternährung Brot allein macht nicht satt

Kühe als Klimafaktor, stiller Hunger als Bedrohung: Ein Gespräch mit dem Ernährungsexperten Joachim von Braun

Genügend Nahrung zu gewinnen, ist oft mühsam

Genügend Nahrung zu gewinnen, ist oft mühsam

DIE ZEIT: Die Landwirtschaft muss wachsen, um den Welthunger zu stillen. Zugleich muss sie aber auch klimafreundlicher werden. Wie soll das gehen?

Joachim von Braun: Auf der einen Seite erzeugt Landwirtschaft Treibhausgase, auf der anderen Seite werden durch den Klimawandel Armut und Hunger zunehmen. Ohne Klimawandel rechnen wir im Jahr 2050 mit 113 Millionen unterernährten Kindern auf der Welt. Berücksichtigt man die Klimaszenarien, werden es mehr als 140 Millionen sein. Sieben Milliarden Dollar sind allein erforderlich, um den zusätzlichen Hunger zu verhindern.

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Der Weltlandwirt
Der Weltlandwirt

Der Agrarwissenschaftler Joachim von Braun (59) führte seit 2002 das International Food Policy Research Institute (Ifpri) in Washington. Seit Januar 2010 leitet Joachim von Braun das Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung.

ZEIT: Mehr Geld! Das ist eine wohlfeile Forderung. Was konkret soll denn damit geschehen?

Von Braun: Mittelfristig ist Wasser das wichtigste Thema. Die Welt ist bei den Wasservorräten am allerungleichsten: Afrika muss beispielsweise Tausende kleiner Staudämme bauen, um Wasser aufzufangen. Schaut man sich an, wie viel Wasser pro Kopf gespeichert wird, unterscheiden sich Amerika und Europa von Afrika um den Faktor hundert.

ZEIT: Und wie lassen sich die Emissionen in der Landwirtschaft reduzieren?

Von Braun: Die Bodenbewirtschaftung hat den größten Einfluss darauf, wie viele Treibhausgase erzeugt werden. Die Haut der Erde hat Krebs. Viele Böden werden falsch genutzt und ausgebeutet, sie sind versalzen, haben Nährstoffdefizite. Diesen Hautkrebs zu heilen muss als globale Aufgabe verstanden werden, auch in Deutschland. Der neue Bio-Ökonomierat der Bundesregierung nimmt sich dieser Frage an.

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ZEIT: Eine weitere Bedrohung des Klimas stellen die weltweiten Rinderbestände dar. Die sondern gewaltige Mengen des Treibhausgases Methan ab.

Von Braun: Wir müssen die Haltung von Wiederkäuern im großen Stil auch in den Entwicklungsländern verändern. Die klimafreundlichste Kuh ist – so paradox das klingt – diejenige mit den höchsten Milcherträgen. Bezogen auf den Liter Milch, erzeugt sie weit weniger Methan. Auch in der Futter- und Weidewirtschaft steckt Einsparpotenzial. Nicht zuletzt ist die Züchtungsforschung gefordert. Der Verdauungstrakt einer Kuh des 21. Jahrhunderts muss nicht notwendigerweise viele methanproduzierende Mikroben enthalten.

ZEIT: Bleiben als dritter großer Klimafaktor die Reisfelder der Welt. Auch sie setzen Methan frei.

Von Braun: Beim Reisanbau gibt es gute Ideen: die Staunässe auf den Feldern vermeiden, weniger Pflanzenteile vermodern lassen und damit weniger Methan erzeugen.

ZEIT: Wer soll das bezahlen?

Von Braun: Aus dem Kopenhagener Klimainnovationstopf müssen entsprechende Mittel fließen.

ZEIT: Reicht es denn, Geld zu geben? Bauern gelten doch landläufig als traditionsverhaftet, manche beschimpfen sie sprichwörtlich als stur.

Von Braun: Bauern gehören zu den weltweit am meisten unterschätzten Innovatoren. Ich war neulich in Gujarat, einer Region Indiens, die jedes Jahr zehn Prozent Ertragssteigerung aufweist, die höchste Rate weltweit. Ich habe dort mit jungen Kleinbauern unter einem Baum gesessen und diskutiert. Was machen sie besser als andere? Sie nutzen ihr Wasser optimal und setzen auf das beste Saatgut. Woher sie davon wussten? Aus dem Fernsehen. Die Männer fahren auf ihren Mopeds bis zu 300 Kilometer weit, um das beste Saatgut zu bekommen. Ich könnte viele solcher Geschichten erzählen, etwa von den Frauen in Afrika, die für mich zu den erfolgreichsten Innovatoren überhaupt gehören.

Leser-Kommentare
  1. Als jemand, der schon seit dem frühen Teenager-Alter aus Überzeugung Vegetarier ist (ich bin jetzt fast 30), tue ich mich immer ein bisschen schwer, wenn einererseits händeringend die Nahrungsmittelverknappung, unzureichendes landwirtschaftliches Produktivitätswachstum und die Klimaproblematik beklagt werden, gleichzeitig aber noch genug Menschen in den westlichen Industrieländern meinen, zu einer richtigen Mahlzeit gehöre Fleisch (und dieses solle es täglich reichlich und am Besten umsonst geben).
    70% der weltweiten Ackerfläche werden für die Fleischaufzucht verschwendet, davon könnte man alle Hungernden der Welt füttern (die Nahrungskette ist nun mal ineffizient; der Mensch mag ein Allesfresser sein aber bei den jetzigen Zuständen mit Klimaproblematik/Überbevölkerung funktioniert das nun mal nicht mehr), vom drastisch reduzierten Methanausstoß mal ganz zu schweigen.
    Es wäre politischer Selbstmord, das vorzuschlagen, aber ich fände es richtig, wenn Fleisch so besteuert werden würde, dass es wieder zum Sonntagsbraten wird anstatt zur alltäglichen Völlerei. Dann würde die Nachfrage genug nachlassen, dass man die Ackerfläche und das Wasser für Wichtigeres verwenden könnte (vom Leiden der Tiere durch Massenhaltung mal ganz abgesehen; das interessiert ja niemanden).

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    • joG
    • 08.01.2010 um 15:25 Uhr

    ...wenn man Klimagase effizient reduzieren will, ist vermutlich wahr. Auch Benzin müsste das weit mehr und Reis und Kerosin... Alle Klimagasträger müssten das. Auch alle Subventionen dieser Tätigkeiten müssten weg. Klar. Das wäre der effiziente Weg. Stattdessen haben wir Kopenhagen gemacht.

    • joG
    • 08.01.2010 um 15:25 Uhr

    ...wenn man Klimagase effizient reduzieren will, ist vermutlich wahr. Auch Benzin müsste das weit mehr und Reis und Kerosin... Alle Klimagasträger müssten das. Auch alle Subventionen dieser Tätigkeiten müssten weg. Klar. Das wäre der effiziente Weg. Stattdessen haben wir Kopenhagen gemacht.

  2. „Die klimafreundlichste Kuh ist – so paradox das klingt – diejenige mit den höchsten Milcherträgen“

    Das ist falsch! Die klimafreundlichste Kuh ist die, die gar nicht erst von uns gezüchtet, von uns genutzt (Milchproduktion) und für uns sterben muss.

    Und auch der von der ZEIT genannte, Ernährungskrise provozierende Faktor „platzraubender Energiepflanzenanbau“ sollte genauer betrachtet werden:

    35% der Getreidewelternte wird zu Nutztierfutter verarbeitet! Um eine einzige tierische Kalorie zu produzieren, bedarf es je nach Tierart 5 bis 30 pflanzliche Kalorien.

    Wenn ein ernsthaftes Interesse an der Beseitigung des Welthungers bestünde, wäre eine Konsequenz, das Ablegen der Gewohnheit tierische Produkte zu essen. Aber weder die Industrie noch der Einzelne hat in der Regel ein Interesse daran, diese Gewohnheit abzuschaffen!

  3. ... mit versteckter Gentechnik-Werbung. Bitte, bitte, die einschlägigen Konzerne propagieren diesen Unsinn doch schon seit Ewigkeiten, mittlerweile weiß doch jeder: Pharmasaatgut macht die Bauern abhängig und treibt in die Verschuldung, schon deshalb weil es in jeder Saison neu gekauft werden muss und weil das Erbgut teilweise in alte Sorten einstreut und deren Ergiebigkeit durch Fehlentwicklungen senken kann (siehe Genmais).

    Und auch hier wieder: das Problem ist nicht die Menge an Nahrungsmitteln oder die Produktivität, wer das behauptet hat nicht den geringsten Schimmer, lieber Herr von Braun, das Problem ist die VERTEILUNG. Wie kann es sein, dass Indien Nahrungsmittel exportiert und die Leute gleichzeitig wieder hungern? Während bei uns, in der hochproduktiven EU Stilllegeprämien gezahlt werden und die Leute an Übergewicht leiden? Das ist pervers, das ist unverantwortlicher Kapitalismus, das ist Weltmarkt und bedingungsloser Freihandel, so wie ihn die ZEIT immer wieder gerne predigt. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

    Wer finanziert eigentlich das "International Food Policy Research Institute"? Die Erfahrung lehrt, dass solche möchtegern-"Wissenschaftsinstitute" die Drehtüren zwischen Wirtschaft und Politik liefern und so gut wie nie ideologiefrei operieren. Leider habe ich keine brauchbaren Angaben dazu gefunden, weiß jemand mehr?

  4. laut von braun ist nun also die "optimierung der milchkuh" angesagt, in welcher welt leben wir eigentlich:

    Von Braun: (...)Die klimafreundlichste Kuh ist – so paradox das klingt – diejenige mit den höchsten Milcherträgen. Bezogen auf den Liter Milch, erzeugt sie weit weniger Methan. Auch in der Futter- und Weidewirtschaft steckt Einsparpotenzial. Nicht zuletzt ist die Züchtungsforschung gefordert. Der Verdauungstrakt einer Kuh des 21. Jahrhunderts muss nicht notwendigerweise viele methanproduzierende Mikroben enthalten".

    solche kommentare können wirklich nur von "krone-der-schöpfung-schreibtischtätern" produziert werden. denn eines vergisst Herr von Braun wohl völlig:
    schon heute würden wir die milch aus den eutern von kühen aus massentierhaltung kaum noch vertragen, wenn der darin enthaltene eiter nicht durchs pasteurisieren bakteriell "neutralisiert" würde. viele kühe sind von der jetzigen un-artgerechten milchproduktion (abgesehen von ihren oftmals chronisch vereiterten eutern) bereits so geschwächt, dass sie ohne routinemäßig beigefügte antibiotika-futtermittel-zugaben nur noch vor erschöpfung krank wären.
    von der natur her gesehen, ist die milch von kühen ursprünglich für nichts anderes als das säugen ihrer kälbchen gedacht. diese wiederrum bekommen heute milchpulver mit wasser aufgemischt. ist kostengünstiger.

  5. weitere wissenswerte details, was der einzelne im positiven sinner zur verbesserung der welternährungslage und des klimaschutzes durchaus beitragen kann finden interessierte unter:

    http://welternährungsorganisationUN/fleischundklimaschutz

  6. sorry, der oben angegebene link funktionniert nicht mehr,

    dieser hier ist korrekt:

    http://209.85.129.132/sea...

    • joG
    • 08.01.2010 um 15:25 Uhr

    ...wenn man Klimagase effizient reduzieren will, ist vermutlich wahr. Auch Benzin müsste das weit mehr und Reis und Kerosin... Alle Klimagasträger müssten das. Auch alle Subventionen dieser Tätigkeiten müssten weg. Klar. Das wäre der effiziente Weg. Stattdessen haben wir Kopenhagen gemacht.

    Antwort auf "Ackerland"
  7. ...der der "grünen" gentechnik irritiert vor allem die tatsache, daß das problem der überbevölkerung überhaupt nicht thematisiert wird. dieses anzugehen scheint zwar nicht so wahnsinnig politisch korrekt zu sein, ist aber grundvoraussetzung dafür, hunger und armut zumindest langfristig einzudämmen. außer china scheint das aber kein entwicklungsland/schwellenland so richtig hinzubekommen.

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