Ausstellungen in Neapel Ein Tritt in die Wade

Von grandiosen Caravaggio bis zum schaurigen Ur-Kitsch: Mit Ausstellungen in sechs Museen feiert Neapel seinen barocken Kunstschatz und überstrahlt die düstere Gegenwart

Subtil schockierender Realismus: Die »Geißelung Christi«  von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio

Subtil schockierender Realismus: Die »Geißelung Christi« von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio

Am Anfang das Licht. Das Strahlende. Das Gold. Und die Schatten, das Dunkel. Wer nach Neapel reist, dann mit der Seilbahn den Berg mitten in der Stadt hinauffährt, weiter bis zur Festung Sant’ Elmo läuft und die vielen Stufen in dieser sternförmigen Burg emporsteigt, der landet mitten im 14. Jahrhundert. Der Boden, die fensterlosen Wände, die gewölbten Decken – alles hier drinnen ist geschlemmter Backstein, schlicht und sandfarben. Dann öffnet sich am Ende der Treppen ein hoher Raum, und die Augen sind geblendet. Hell und golden strahlt da ein anderes Jahrhundert, eine andere Epoche. Zwischen den sandfarbenen Wänden haben sie hier – temporär – einen Altar aufgestellt, nein, keinen Altar, eine Explosion aus versilbertem und vergoldetem Holz. Da fliegen die Engel und die Tauben, da sind die Architektur und die Figuren voller Schwung.

Selbst Gegenwartskünstler wie Jeff Koons werden als barock deklariert

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Es ist die Kunst, mit der man im 17. Jahrhundert die Reformation bekämpfen wollte, jener Stil, den spätere Beobachter mit dem Wort Barock verächtlich machen wollten. Denn barock meinte schief, unregelmäßig, sinn- und traditionslos verschnörkelt. In Neapel hat man sich jetzt dieser scheinbar schiefen Vergangenheit besonnen und in sechs Museen, Klöstern und Palästen eine große, die Anreise lohnende Ausstellung unter dem Titel Ritorno al Barocco organisiert (bis 11. April). Hunderte von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen wurden aus den Kirchen, den öffentlichen und privaten Sammlungen zusammengetragen und aufwendig restauriert. Parallel zu den Ausstellungen werden Dutzende von geführten Spaziergängen zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten in Neapel und Umgebung angeboten. Und das Museum Madre zeigt zeitgenössische Kunst von Damien Hirst über Jeff Koons bis Maurizio Cattelan, die vermeintlich in der Tradition des Barock stehen. Es scheint, als wollte Neapel mit dieser kulturellen Großanstrengung nach all den Berichten über Müllberge, Arbeitslosigkeit und Mafiamorde endlich einmal für gute Schlagzeilen sorgen.

Oben in Sant’ Elmo und in der nahen Klosteranlage San Martino spürt man wirklich nichts von Verbrechen und Chaos der Gegenwart. Jetzt, im Winter, sind kaum Touristen in der Stadt, ungestört wandert man durch die Museen, selbst die Aufpasser treffen sich draußen am Eingang zum Rauchen und Debattieren und lassen den Besucher allein mit der alten Kunst. Jenem strahlenden Altar etwa, der eigentlich gar kein Altar ist, sondern ein Bühnenbild, ein Apparat für die Quarantone-Andacht, bei der man in den katholischen Kirchen Italiens 40 Stunden lang die Hostie anbetete.

Die Quarantone-Andachten fanden nicht ohne Grund während der Karnevalszeit statt: Mit diesen liturgischen Spektakeln sollte das Volk von der Straße in die Kirche gelockt werden, damit es nicht auf dumme Gedanken kam, sexuell ausschweifte oder gar die Ordnung infrage stellte. Gegen das Spektakel der Straße setzte die Kirche seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert auf das Spektakel der Kunst. Beispielhaft dafür ist die Ausgestaltung der Klosteranlagen San Martino gleich neben der Festung Sant’ Elmo. Unter der Leitung des Architekten Cosimo Fanzago lernte der Marmor hier, wie man sich eindrucksvoll faltet und wölbt. Und beim Anblick der Gemälde und Deckenfresken von Jusepe de Ribera und Massimo Stanzione bleibt einem der Mund nicht nur deshalb offen stehen, weil man den Kopf so weit nach hinten streckt.

Neben dem Licht herrscht das Dunkle – und die ganz reale Brutalität

Neapel war im barocken Italien sicherlich nicht das Zentrum des künstlerischen Fortschritts, nicht das Labor der Avantgarde. Den größten Einfluss auf die hier tätigen Künstler übte Caravaggio aus, der 1606 nach einem Streit mit tödlichem Ausgang für den Kontrahenten von Rom nach Neapel kam, um ein knappes Jahr zu bleiben. Neben einer großformatigen Darstellung der Sieben Werke der Barmherzigkeit für den Hauptaltar der Kirche Pio Monte della Misericordia schuf er hier auch eine Geißelung Christi, die nun im Museum Capodimonte hängt und dort den überwältigenden Ausgangspunkt für die gesamte Barockausstellung bildet. 

Auf dieser Leinwand ist keine Spur von Gold und Prunk, hier herrschen neben dem Licht das Dunkle, die Schatten, die ganz reale Brutalität. Jesus ist am Ende, seine Augen sind geschlossen, sein Gesicht dem Boden zugeneigt. Einer seiner drei Peiniger, ein Typ, dem man gestern in der U-Bahn begegnet sein könnte, fesselt ihn, der Lederriemen hinterlässt rote Striemen an den Oberarmen. Doch damit nicht genug, der Mann tritt Jesus auch in die Wade, damit er die Fesseln noch fester ziehen kann. Während der zweite Peiniger an den Haaren reißt, erkennt man von einer dritten Figur vor lauter Schatten nur einen Fuß, einen muskulösen Arm und die Hände, die gerade ein Rutenbündel zusammenbinden. Die Pein – das sieht man anhand dieses Details nicht nur, man spürt es auch – wird noch schlimmer werden.

Leser-Kommentare
  1. Eine einstige KULTUSTADT ist zur Müllhalde verkommen. Alle Bemühungen, da wieder raus zu kommen, sind als positiv zu werten!
    UND: Wie Amanda Donata andeutet, lohnt es sich für jeden Caravaggios im Original zu sehen. Das ist die wirkliche Messlatte für alle Limbotänzer auf den unterschiedlichsten Malböden.

  2. ...jemals in Neapel? Oder gründet sich seine Einschätzung Neapels als Stadt, „in der Passanten achtlos über einen Ermordeten steigen“ auf die Meldungen in den Medien, die sich vorzugsweise auf blutrünstige Mafiamorde stürzen? Solche Äußerungen sind unter dem Niveau der sonst so überlegten „Zeit“. Und schaden – ganz nebenbei – einer Stadt, in der so viele „gute“ Menschen sich Tag für Tag gegen den Ruf ihrer Stadt wehren. Wie kann sich Neapel jemals ändern, wenn die ganze Welt ausschließlich diese Erwartung an sie stellt?

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