Medien »Bedrückt Sie das?«

Josef Joffe wundert sich über die neue Gefühligkeit der Medien beim Interview

Auch der Journalismus war früher besser – denken wir an die devote Distanz, welche die fragende Klasse einst den Mächtigen gewährte. Charles de Gaulle, zum Beispiel. Der erste Präsident der Fünften Republik durfte sogar die Fragen verfassen, die die Reporter in der Pressekonferenz ablasen. Unvergessen bleibt jene vom 14. Januar 1963, als er dem Erzfeind Britannien die Tür zur EU, damals noch EWG, vor der Nase zuschlug.

Er möge »explizit die Haltung Frankreichs« zum Beitrittsgesuch erläutern. Eine »sehr klare Frage«, lobte mon Général sich selbst, um dann 20 Absätze lang sein non zu deklamieren. Dieser präzise vorbereitete Dialog hebt sich in seiner profunden Sinnhaftigkeit vorbildlich von jener Szene vor dem Bundeskanzleramt ab, in der ein TV- Reporter Gerhard Schröder in der ersten Amtszeit das Mikro vorhielt und brüllte: »Und?!«

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Das war aber nur ein Zwischenschritt zum wirklich Neuen Journalismus, der de Gaulle abermals ins Londoner Exil getrieben hätte. Die ersten drei Fragen im jüngsten stern -Interview mit Guido Westerwelle lauten: »Hat Sie die Diskussion verletzt?«, »Hat Sie die Kritik getroffen?«, »Sie haben sich nicht über die Häme gewundert?«

Bild fragt Finanzminister Schäuble: »Bedrückt Sie das?« Die Berliner Zeitung will von F.-W. Steinmeier wissen: »Wie fühlt es sich denn an?« Dezidiert therapeutisch wird es im stern- Gespräch mit Guttenberg: »Haben Sie Angst vor dem Augenblick, an dem auf dem Flugfeld in Köln-Wahn die Särge ausgeladen werden?« Ob ihm Müntefering »leid« tue, erkundigt sich die FAZ beim Nachfolger Gabriel. Ein beliebter Klassiker lautet: »Wie gehen Sie damit um?«

Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Der Alte Journalismus wollte wissen, was ist. Der Neue stochert in der Seele, die der Politiker noch grimmiger schützt als die Staatsgeheimnisse. Aber sie spielen mit, statt »Abseits« zu schreien. Warum kontern sie nicht: »Wollten wir nicht über Haushalt und Afghanistan reden?« Die Journalisten tun so, als interessiere sie der Mensch, die Politiker, als gäben sie offenherzig Antwort. Tatsächlich entsteht Pseudo-Intimität: vorgestanzte Fragen hier, Formeln von der Festplatte dort. Das Spiel klärt nichts und klärt nicht auf. »Wie gehen Sie damit um?« triumphiert über das Was und Warum.

Und der Leser wird zum Voyeur, der aber nicht mehr zu sehen bekommt, als der Pressesprecher erlaubt. Was scheinbar »menschelt«, ist sorgfältig berechnetes Image-Engineering – Reality-TV auf Papier, aber mit der Redigierschere. Der Einwand liegt auf der Hand. Wir leben doch in einer Demokratie; Ihro Majestät ist unser Diener; wir haben das Recht, Löcher in die Fassade zu bohren.

Bloß sind die Löcher schon vorgebohrt, und wir sehen nicht mehr, als der Medienberater will. Warum lassen wir’s dann nicht? Weil Politik als solche langweilig ist? Sie ist das aufregendste Metier auf Erden, weil sie das Leben von Millionen bestimmt. Aber nicht, weil Guido W. mit einem Mann zusammenlebt oder Wolfgang Sch. »bedrückt« wäre. Durch de Gaulles ausgefeilte Antwort haben wir komischerweise mehr über die Triebfedern seiner Politik erfahren, als wenn wir ihn gefragt hätten: »Hatten Sie damals Angst, als die Wehrmacht Paris einnahm?«

 
Leser-Kommentare
  1. Danke, Herr Joffe. Schreiben Sie ruhig öfter über die peinlichen Entwicklungen der öffentlichen Akteure. Ich wünschte, Ihre Redakteure hätten mehr Mumm.

    Es ist ein interessantes Phänomen, nicht wahr? Der Politiker wird vermenschlicht, verpersönlicht und damit seiner politischen Funktion beraubt, da er auf seine öffentliche Aura reduziert wird. Er wird zum sentimentalen Popstar. Er hört damit auf die Gesellschaft als Politikum zu vertreten.

    Ich frage mich, ob dem Politiker damit nicht zugespielt wird. Denn der Journalist befragt den Politiker nicht nach seinen politischen Positionen oder Taten, sondern nach den privaten Umständen seiner Person. Es ist, als würde der Richter, der ein weiterer öffentlicher Akteur, ein Dritter ist, der eine Person ver-handelt, den Verurteilten nicht nach den öffentlichen Dingen befragen, die ihn in das Rampenlicht der Öffentlichkeit stellten, sondern nach seinen persönlichen Befinden. Doch das persönliche Befinden ist Teil von Erinnerungs-, Kunst- und Kulturbeiträgen.

    Wahrscheinlich sollte man den Einfluss der Kulturbeiträge, Reiseberichte in Massenmedien wie Die Zeit auf den Umgang mit „fachliche Persönlichkeiten“ gar nicht unterschätzen.

    Ein schlechter Journalist interpretiert den Politiker als öffentliche Person wie Künstler oder Wissenschaftler, und nicht als Politikum. Man denke an Wissenschaftler, die nicht nach den Gegenständen ihrer Arbeit befragt werden, sondern nach der Herkunft ihrer Schuhe (das habe ich bereits erlebt).

  2. sollte man es nicht kaufen respektive umschalten. Ich nehme solche Fragen ehrlich gesagt genauso wenig wahr wie die Antworten darauf. Das sind Dinge, die in der Autobiographie stehen sollten und ansonsten nur bei großen Persönnlichkeiten in großen Momenten wie etwa bei Nelson Mandela interessant sind. Ansonsten müssen wir alle die Verantwortung für das Absacken des Journalismus übernehmen. Irgendjemand schaltet ja bei JB Kerner, RTL aktuell und dem ganzen Schmoder ein, irgend jemand findet es ganz interessant, was Sarah Connor so erzählt und am Ende wills niemand gewesen sein?
    Die Politiker spielen da natürlich deshalb mit, weil das ihr Job ist: Kritischen Fragen auszuweichen, wenn sie gestellt werden. Da sie aber selbst zu Pseudoprominenten werden, stellt niemand mehr kritische Fragen.

  3. Lieber Herr Joffe,

    wie recht Sie haben mit Ihrem Artikel!!!
    Was halten Sie davon, Society-Experten (ein "Beruf" der so notwendig ist, wie die Formate die er hervorbringt) über Politik berichten zu lassen?
    Dann werden Inhalte und Zusammenhänge noch besser verständlich gemacht: Empathie ist alles!!

  4. [...] (Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion /ft)

  5. Entfernt. Richten Sie Beschwerden über die Moderation bitte an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/sh

  6. 6. [...]

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke. Die Redaktion/sh

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