Eigentlich muss man Pariserinnen hassen. Sie haben diese besondere Art, sich schick zu kleiden, und sie gehen auf High Heels, als ob sie in ihnen zur Welt gekommen wären. Und das in einer Stadt, die gespickt ist mit Gullys, Metallgittern, Kopfsteinpflaster und – da haben bislang alle Vorschriften nichts genützt – Hundehaufen. Ganz zu schweigen von den Treppenfluchten, die in fast jeder Metrostation zu überwinden sind. Wer aber sind dann die neun Damen, die sich an diesem Dezemberabend in einem Pariser Best Western Hotel neben dem Gare Saint-Lazare zusammengefunden haben? Provinzlerinnen? Ausländerinnen? Frauen mit Höhenangst? Pas du tout, es sind außer mir alles Pariserinnen, die die Kunst des erhöhten Gehens lernen wollen.

Wir haben einen Kurs der neu gegründeten Talons Academy gebucht, der "Absätze-Akademie" von Marine Aubonnet und Eugénie Bret. "Wir lieben High Heels", sagt Marine, "aber wir konnten nicht darin laufen." Bei Nachfragen im Freundeskreis erfuhren sie, dass es vielen Frauen ähnlich ging. Eine Geschäftsidee war geboren. Mittlerweile bieten Marine und Eugénie zehn Kurse pro Monat an.

Unsere Schulstunde beginnt mit einer Unterschrift. "Hiermit akzeptiere ich alle Risiken, die mit der Schulung des Gehens auf hohen Absätzen verbunden sind." Jede Teilnehmerin hat Übungsschuhe mitgebracht, passend zum Thema. Unser heutiger Kurs Talons le jour behandelt das Gehen in nicht zu hohen Alltagsschuhen. Der Fortgeschrittenenkurs Talons la nuit lehrt das abendliche Ausgehen in eleganten Stöckelschuhen. Im Frühjahr soll auch im Freien geübt werden, mit echtem Kopfsteinpflaster als Sparringspartner.

Wir stellen unsere Schuhe vor uns auf den Tisch. "Die sehen aber unbenutzt aus", sagt Marine, als sie die Pumps von Delphine, einer Teilnehmerin Mitte zwanzig, begutachtet. "Ich habe sie bis jetzt auch erst dreimal getragen", antwortet Delphine, "auf Hochzeiten." Irène, eine schlanke Asiatin, erzählt, dass ihre sechzehnjährige Tochter langsam ins High-Heel-Alter komme. Da wolle sie als Mutter mithalten können. Die blonde Claire ist bereits zum zweiten Mal hier. Sie ist Hobbyschauspielerin und die Älteste im Kurs. "Ich möchte nicht so steif wirken, wenn ich auf der Bühne Absätze tragen muss", sagt sie. Ich schlüpfe in meine grauen Lackpumps mit dem Acht-Zentimeter-Absatz, stöckle durch die Hotellobby und schaue mich um: Bin ich die Einzige, die verkrampft herumstakst?

Die Trainerin an diesem Abend ist eine hochgewachsene Schönheit vom Durchmesser eines herkömmlichen Zeigefingers. Ika ist professionelles Model. Sie musste das Gehen in hohen Schuhen auch erst lernen, beruhigt sie uns. "Das Geheimnis ist: viel üben."

Unsere Trainingsstrecke ist der breite Flur neben der Hotelbar. Er ist mit einem dunkelgrauen, glatten Steinboden ausgelegt. In High Heels fühlt er sich an wie eine Eisbahn. Ika lässt uns im Kreis laufen und entlarvt unsere Schwachstellen: Ich lasse meine Arme steif neben dem Körper hängen. Claire sollte lockerer in den Knien werden. Delphine darf nicht dauernd auf ihre Füße blicken. Irène muss die Arme hinter dem Rücken verschränken, um aufrechter zu gehen. Und ganz prinzipiell sollten wir alle ein bisschen mehr die Hüften schwingen und ein bisschen weniger trampeln. "Man soll euch gehen sehen, aber nicht hören!", brüllt Marine. Wir grinsen uns an, halb unsicher, halb amüsiert.

 

Ika zeigt uns Modeltricks. Wir sollen auf einer gedachten Linie laufen, das lasse den Gang eleganter erscheinen. Prompt fixieren alle den Boden. Falsch, ihr müsst selbstbewusst geradeaus blicken, sagt Ika. Aber wie soll man auf diese Weise Hundehaufen und Kanalgitter erkennen? "Viele Frauen heften den Blick auf ihre Füße. So sehen sie gerade mal fünfzig Zentimeter weit", belehrt uns Marine. "Wenn sie aber den Blick heben, vergrößern sie ihr Gesichtsfeld und sehen Gullys frühzeitig genug, um ihnen ausweichen zu können."

Wir blicken also starr nach vorn und versuchen, mit lockeren Knien und schwingenden Hüften auf einer Linie zu gehen. Müssen Autofahrer nicht auf ähnliche Weise zeigen, dass sie nicht betrunken sind? Wir wären unseren Lappen jedenfalls längst los.

Das nächste Kommando lautet, die Schritte über Kreuz zu setzen. Model Ika macht es vor. Unsereins kommen die eigenen Knie in die Quere.

Vor dem großen Glasfenster der Hotelbar sammeln sich immer wieder Schaulustige. Lieber macht man sich ohne Zaungäste zur Äffin. Nur der Barkeeper, der am Tresen neben unserer Übungsstrecke Gläser poliert, legt ein Pokerface an den Tag. Bemerkenswert, schließlich können wir selbst kaum noch ernst bleiben. "Ich frage den jetzt mal, was er gerade denkt", sagt Delphine. Kein Kommentar. Kluger Mann.

Nach einer knappen Stunde und gefühlten 20 Kilometern Imkreisgehen mit Hüft- und Armschwung, mit Handtasche und ohne, mit Rollkoffer oder Einkaufstrolley versammeln wir uns vor dem Fernseher zur Videoanalyse. Und gerade als uns die Druckstellen auf den Fußballen überlegen lassen, was eigentlich so schlimm an flachen, bequemen Schuhen ist, sehen wir uns selbst zu Beginn des Kurses in unseren Alltagsschuhen. Ein Seemann könnte nicht breitbeiniger gehen. Und selbst Delphine sieht nicht mehr so hochgewachsen aus. "Ein Zentimeter mehr – ein Kilo weniger" lautet ein Spruch, vermutlich von Manolo Blahnik in Umlauf gebracht, dem Créateur jener Wolkenkratzer-High-Heels, die eigentlich mit Stützrädern ausgeliefert werden müssten.

Ika gibt uns noch ein paar Tipps. Nicht versuchen, in hohen Schuhen genauso schnell unterwegs zu sein wie in flachen. Und sie nicht allein nach coup de cœur kaufen, also dem Herzen folgend. Besser sei es, eine Freundin mitzunehmen, die prüft, ob man in den Schuhen auch gerade steht. Und auf jeden Fall einige Minuten im Geschäft herumzustolzieren, um sicherzugehen, dass sie nicht drücken. Wir blicken Ika an, als ob sie nicht ganz dicht wäre. Genauso gut könnte sie uns raten, nur Croissants zu essen, die nicht dick machen. Na gut, gibt Ika zu, "mir tun die Füße auch nach spätestens drei Stunden weh". Sie ist ja doch eine von uns. Wenn auch nur eine halbe.

Wir legen die Trainingsgeräte wieder ab, ein kaum hörbarer Seufzer geht durch die Gruppe. Marine rät uns, immer Ballerinas zum Wechseln in der Tasche zu haben. Der Pariser Alltag ist eben besser in flachen Schuhen zu bewältigen.

www.talonsacademy.fr, einstündige Kurse um 15 Euro, Organisatorinnen und Trainerinnen sprechen auch Englisch