Kulturhauptstadt Ruhrgebiet "Ey, Kundschaft!"
Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt. Schöne Sache. Da freut sich der Einheimische und erklärt uns schon mal ein paar Dinge vorab
»Liebling, wir haben Gäste!«
»Ach du meine Güte! Wer kommt denn?«
»Alle.«
»Oh. Und wann?«
»Ab jetzt.«
»Und wie lange bleiben die?«
»Das ganze Jahr.«
»Ach je, und ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen!«
»Macht nix. Bei denen sieht es auch nicht besser aus.«
»Na meinetwegen. Dann fang ich mal an mit die Mettbrötchen und die Frikadellen.«
»Und ich stell dat Bier kalt.«
Herzlich willkommen, Europa! Wir im Ruhrgebiet sind vorbereitet, und wenn nicht, dann wird improvisiert. Kulturhauptstadt. Schöne Sache. Wissen Sie, was Sie erwartet? Macht nichts, wir sind uns auch nicht ganz sicher. Damit Sie aber nicht so völlig ahnungslos hierherkommen, wollen wir mal vorab ein paar Dinge erklären und klarstellen.
Wir Einheimischen stehen bisweilen auf unseren Eisenbahnbrücken, schauen auf die halbherzigen Skylines unserer zusammenwuchernden Gemeinden und denken: Boah! Schön is dat nich.
Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ’ne geile Gegend!, das muss man wollen.
Was wird am Ruhrgebiet am meisten überschätzt? Das viele Grün! Wir können es nicht mehr hören, wenn die Zugereisten sagen: Ich hätte nie gedacht, dass es hier so viele Bäume gibt! Ja, stellt euch vor, wir haben sogar fließend Wasser!
Aber »Gegend«, von der wir bei uns nebenbei bemerkt gar nicht so viel haben, ist auch nicht so wichtig. Das Wichtige sind immer die Leute.
Was sind wir für ein Menschenschlag im Ruhrgebiet? Nun, man sagt uns nach, wir seien nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt. Das heißt, man kommt mit uns ins Gespräch, ob man will oder nicht.
Wir befleißigen uns dabei einer sehr kräftigen, derben Sprache. Eine Begrüßung wie »Ey, Jupp, du altes Arschloch!« wird vom Angesprochenen nicht zwingend als Beleidigung empfunden. Im Gegenteil: Trifft man diesen Jupp ein paar Tage später wieder und sagt nur: »Hallo, Jupp!«, kann es sein, dass er zurückstänkert: »Wat is denn mit dir los? Bin ich dir kein Arschloch mehr wert, Herr Graf?«
- Datum 07.01.2010 - 10:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.01.2010 Nr. 02
- Kommentare 13
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ist sicher absolut toll, und nicht so viel mit den Einheimischen reden, das führt nur zu totaler Verwirrung, wie auch anderswo, wo die Sprache entgleist ist....;-) Da werden die Ruhrpottis staunen, wenn Japan und China um sie rumtippeln und unaufhörlich die rote Currywurst, halben Hahn und Bierampulle ablichten... Kulturgut!! Aber eins muss man der Gegend lassen. Kaputte, alte Industrieriesen farbig beleuchtet haben einen besonderen Reiz. Theater, (Klein-)Kunst, Musik und Kino drinnen und schon macht der Besuch Spaß. http://viereggtext.blogsp...
rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..
rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..
Sicherlich ist das "Ruhrgebiet" alles andere als eine Einheit, sondern sehr vielfältig. Auch (aber nicht nur) von den Menschen her. Der Duisburger (Rheinländer) und der Dortmunder (Westfale) sind z.B. verschiedene Menschenschläge. Von den vielen verschiedenen Nationalitäten die hier leben einmal ganz abgesehen. Was mir hier besonders gut gefällt ist die Toleranz, oder vielmehr "beiläufige" also selbstverständliche und damit endgültig gelungene Integration, gerade diesen Mitmenschen gegenüber. Anders als in manch anderen Regionen in der Bundesrepublik.
Natürlich hat es die Gemeinsamkeit der Kohle- und Stahlindustrie irgendwann mal gegegen, und letztlich sind dadurch aus den einzelnen Dörfern Städte geworden. Aber warum wird von Herr Goosen zwanghaft ein Gemeinsamer Nenner gesucht der auf dem Niveau von Fäkaliensprache, Rumgeschrei, Fussball und Currywurst bsiert??
das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!
Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Die Menschen machen es eben, da kann es woanders auch noch so viele imposante Backsteinhaeuser oder tolle Jobs geben.
Eine Anekdote;Als ich als Jugendlicher dem Schaffner beim aussteigen sagte, dass ich noch ein Ticket nachkaufen muss, fragte der mich doch glatt "warst du im Zug?"
das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!
Sie sprechen mir aus dem Herzen.
Die Menschen machen es eben, da kann es woanders auch noch so viele imposante Backsteinhaeuser oder tolle Jobs geben.
Eine Anekdote;Als ich als Jugendlicher dem Schaffner beim aussteigen sagte, dass ich noch ein Ticket nachkaufen muss, fragte der mich doch glatt "warst du im Zug?"
rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..
das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!
Nach inzwischen drei Jahren im badischen Exil merke ich beim Lesen des Artikels, warum ich mich hier nicht wohlfühle...
Also zunächst einmal: Sehr lesenswerter und schön geschriebener Text. Nichts desto trotz bestärkt er mich in meinem Vorurteil, daß nun, da die Kohle alle ist, es am besten wäre, das Ruhrgebiet endlich gesund zu schrumpfen, anstatt es mit Strukturwandel, Ruhr-Unis, progressiven Shopping-Centros und Events wie dem „Kulturhauptstadt“-Rummel künstlich und kostspielig am Leben bzw. groß zu halten.
Auch wenn Herr Goosen das Kunststück vollbracht hat, der Ruhrgebiet-Mundart etwas Charmantes und Humorvolles abzugewinnen - es bleibt Deutschlands vulgärster und häßlichster Akzent. Vulgär wie Berlinisch, nur daß die Berliner dabei wenigstens schlagfertig und originell sind, und häßlich wie Leipziger Sächsisch, aber das ist wenigstens auch lustig.
Es gibt so schöne, lebenswerte Orte in Norddeutschland, die aber langsam, aber sicher veröden: Rostock liegt am Meer, hat eine mittelalterliche Altstadt mit viel Hanse-Charme und dazu einen wunderbaren Strand in Warnemünde. Ähnliches gilt für Wismar und Stralsund. Schwerin liegt inmitten einer Seenplatte. Magdeburg, seinem schlechten Ruf zum Trotz, liegt immerhin an der Elbe und in der Nähe des Harzes und hat gotische Kirchen und Kathedralen. Aber auch im Westen Norddeutschlands gibt es Orte mit Lebensqualität (Bremen, Lübeck, Flensburg), die aber wenigen Leuten etwas nützt, solange es unmöglich ist, dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen und diese Städte unter chronischer Arbeitslosigkeit und überschuldung leiden. Und wo müssen all die Abwanderer hinziehen, um einen Arbeitsplatz zu finden? Richtig: in schwarze Löcher wie Hannover, Stuttgart, Düsseldorf oder eben das Ruhrgebiet, wo der einzige Trost ist, daß es doch nicht ganz so schlimm ist, wie man es befürchtet hatte.
An den meisten der bisherigen Kommentaren kann man erkennen, dass da wirklich noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Jeder pflegt halt gern seine Vorurteile.
Ich kenne all die schönen Landschaften und Städte, die Dubliner beschreibt, habe allein die ödesten 2 Jahre meines Lebens in Flensburg verbracht. Warum nur freue ich mich immer so, wenn ich ins Revier zurückkehre.
Übrigens gibt es auch hier gotische Architektur, viele mittelalterliche Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, nur weiß es offensichtlich außer uns keiner. Unser kulturelles Angebot kann mit großen Metropolen locker mithalten, nicht nur, was Vielfalt und Vielzahl anbelangt. Kultur ist hier auch nichts Elitäres. Wer das glaubt, sollte sich mal über die Ruhrfestspiele in Recklinghausen kundig machen.
Was unseren Dialekt anbelangt, jawoll seit kurzem wird er doch tatsächlich als solcher anerkannt, wir sind stolz darauf, denn er spiegelt unsere Geschichte wieder, ist das Ergebnis einer gelungenen Integration von Menschen aus vielen Teilen Europas. Und allen Chinesen und Japanern, von denen ich übrigens schon seit 20 Jahren viele hier im Ruhrgebiet begrüßen und herumführen durfte, sei gesagt, wir können auch Hochdeutsch.
Sicherlich können Menschen, die uns und unser Revier nicht kennen, schwerlich nachvollziehen, welche Liebe und Wärme aus dem Text von Frank Goosen sprechen. Mir war es jedenfalls ein Genuss, diese Zeilen zu lesen. So sind wir halt - bescheiden, unkompliziert, verlässlich.
Glück Auf!
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