Kulturhauptstadt Ruhrgebiet "Ey, Kundschaft!"Seite 4/4

Sollte der ansonsten reibungslos funktionierende (hüstel) öffentliche Personennahverkehr Sie doch mal im Stich lassen, können Sie zu Fuß gehen oder sich auch mal ein Taxi gönnen. Wir haben Taxifahrer, die es mit den Fritze Flinks aus der politischen Hauptstadt allemal aufnehmen können. Ich geriet mal an einen, der sich richtig Sorgen um mich machte: ein vierschrötiger Mittfünfziger mit interessanten Mondkratern im Mare Crisium seines fleischigen Gesichtes. Ich hatte einigermaßen was weggebechert in den letzten Stunden und jetzt folgerichtig Hunger. Also bat ich den Mann, noch schnell bei der amerikanischen Hackfleischbrötchenschmiede am Hauptbahnhof haltzumachen.

»Nee, mach ich nich!«

»Wie meinen?«

Schweigen.

»Klar, wenne wills, marich dat, aber überleech doch mal! Du biss blau und du biss müde. Dat Erste weiße schon, dat Zweite wird klar, sobald du dein Bett siehs. Da brauchse doch nix mehr inne Backen! Und schon gar nich diesen Drecksfraß! Denk doch mal nach!«

Natürlich hatte er recht. Man muss Glück haben, an ein solches Exemplar zu geraten, aber sie sind immer noch da draußen, diese Spezialisten.

Egal, wie Sie hier unterwegs sind, die gängigen Sehenswürdigkeiten sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Wir können voller Überzeugung sagen, dass Sie so etwas woanders so nicht geboten kriegen. Sie wissen nicht, was imposant umbauter Raum ist, wenn Sie die Bochumer Jahrhunderthalle nicht gesehen haben. Planen Sie getrost einen ganzen Tag für das Gelände von Zeche und Kokerei Zollverein ein, das von der Fläche her manchen Kleinstaat locker in die Tasche steckt. Besuchen Sie das neu eröffnete Ruhrmuseum dortselbst. Lassen Sie die Jugendstil-Zeche (kein Witz!) Zollern in Dortmund nicht aus, und stellen Sie sich auf den verbliebenen Hochofen der Hattinger Henrichshütte, wo ich mich selbst manchmal staunend umschaue und denke: Kär, wat ham wir früher malocht!

Und wenn Sie jetzt sagen: Das sind doch alles Klischees, dann sage ich: Jawoll! Es geht darum, als Einheimischer ein entspanntes Verhältnis zu diesen Klischees zu entwickeln. Ich persönlich reise mittlerweile durchs Land und sage jedem, der es nicht hören will: »Ja, das stimmt alles. Wir leben wirklich unter Tage. Die Häuser oben sind nur Attrappen. Wir kommen praktisch nur für so quasireligiöse Zusammenkünfte wie meine Lesungen an die Oberfläche. Unsere Kinder kommen wirklich mit der Grubenlampe an der Stirn zur Welt. Und wir haben natürlich alle noch einen alten Förderkorb in der Küche, da wird morgens die Familie hineingetrieben, dann geht es in einem Affentempo auf tausend Meter Tiefe, und dann wird zum Frühstück an der leckeren Kohle geschleckt!«

»Stopp!«, rufen dann die Bedenkenträger. »Ist es nicht total peinlich, sich immer noch auf dieses überkommene Malochertum zu berufen?«

Gegenfrage: Ist es nicht viel peinlicher, sich selbst immer noch zu Blasmusik auf den Arsch und auf die Schuhe zu hauen, obwohl man auch seit hundert Jahren keine Kuh mehr auf die Alm getrieben hat?

Das Ruhrgebiet hat sich, im wahrsten Sinne des Wortes, das Recht erarbeitet, sich hemmungslos zu stilisieren und sich zu dem zu bekennen, was es einzigartig macht, nämlich eben die Arbeit. Zumindest die von früher.

Und wenn ihr dann alle wieder weg seid, dann stellen wir uns auf unsere Eisenbahnbrücken, schauen auf unsere Städte, freuen uns darüber, wie schön das Leben mit Abitur sein kann, und denken: »Nä, schön is dat nich. Abba meins!«

Oder wie es mein Oppa auszudrücken pflegte: »Ach, woanders is auch scheiße!«

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Leser-Kommentare
  1. ist sicher absolut toll, und nicht so viel mit den Einheimischen reden, das führt nur zu totaler Verwirrung, wie auch anderswo, wo die Sprache entgleist ist....;-) Da werden die Ruhrpottis staunen, wenn Japan und China um sie rumtippeln und unaufhörlich die rote Currywurst, halben Hahn und Bierampulle ablichten... Kulturgut!! Aber eins muss man der Gegend lassen. Kaputte, alte Industrieriesen farbig beleuchtet haben einen besonderen Reiz. Theater, (Klein-)Kunst, Musik und Kino drinnen und schon macht der Besuch Spaß. http://viereggtext.blogsp...

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    • Bagel.
    • 07.01.2010 um 13:15 Uhr

    rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..

    • Bagel.
    • 07.01.2010 um 13:15 Uhr

    rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..

    • Nappox
    • 07.01.2010 um 11:47 Uhr

    Sicherlich ist das "Ruhrgebiet" alles andere als eine Einheit, sondern sehr vielfältig. Auch (aber nicht nur) von den Menschen her. Der Duisburger (Rheinländer) und der Dortmunder (Westfale) sind z.B. verschiedene Menschenschläge. Von den vielen verschiedenen Nationalitäten die hier leben einmal ganz abgesehen. Was mir hier besonders gut gefällt ist die Toleranz, oder vielmehr "beiläufige" also selbstverständliche und damit endgültig gelungene Integration, gerade diesen Mitmenschen gegenüber. Anders als in manch anderen Regionen in der Bundesrepublik.
    Natürlich hat es die Gemeinsamkeit der Kohle- und Stahlindustrie irgendwann mal gegegen, und letztlich sind dadurch aus den einzelnen Dörfern Städte geworden. Aber warum wird von Herr Goosen zwanghaft ein Gemeinsamer Nenner gesucht der auf dem Niveau von Fäkaliensprache, Rumgeschrei, Fussball und Currywurst bsiert??

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    das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!

    Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Die Menschen machen es eben, da kann es woanders auch noch so viele imposante Backsteinhaeuser oder tolle Jobs geben.

    Eine Anekdote;Als ich als Jugendlicher dem Schaffner beim aussteigen sagte, dass ich noch ein Ticket nachkaufen muss, fragte der mich doch glatt "warst du im Zug?"

    das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!

    Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Die Menschen machen es eben, da kann es woanders auch noch so viele imposante Backsteinhaeuser oder tolle Jobs geben.

    Eine Anekdote;Als ich als Jugendlicher dem Schaffner beim aussteigen sagte, dass ich noch ein Ticket nachkaufen muss, fragte der mich doch glatt "warst du im Zug?"

    • Bagel.
    • 07.01.2010 um 13:15 Uhr

    rote Currywurst? Dat verwechselnse aber mit nem anderem Land..

  2. das einzig unpassende ist, hier stielmus schlecht zu machen. das gabs nämlich immer bei meiner omma und es schmeckt vorzüglich!

    Antwort auf "Ohne Überschrift"
  3. Nach inzwischen drei Jahren im badischen Exil merke ich beim Lesen des Artikels, warum ich mich hier nicht wohlfühle...

  4. 6. Teil 1

    Also zunächst einmal: Sehr lesenswerter und schön geschriebener Text. Nichts desto trotz bestärkt er mich in meinem Vorurteil, daß nun, da die Kohle alle ist, es am besten wäre, das Ruhrgebiet endlich gesund zu schrumpfen, anstatt es mit Strukturwandel, Ruhr-Unis, progressiven Shopping-Centros und Events wie dem „Kulturhauptstadt“-Rummel künstlich und kostspielig am Leben bzw. groß zu halten.
    Auch wenn Herr Goosen das Kunststück vollbracht hat, der Ruhrgebiet-Mundart etwas Charmantes und Humorvolles abzugewinnen - es bleibt Deutschlands vulgärster und häßlichster Akzent. Vulgär wie Berlinisch, nur daß die Berliner dabei wenigstens schlagfertig und originell sind, und häßlich wie Leipziger Sächsisch, aber das ist wenigstens auch lustig.

  5. 7. Teil 2

    Es gibt so schöne, lebenswerte Orte in Norddeutschland, die aber langsam, aber sicher veröden: Rostock liegt am Meer, hat eine mittelalterliche Altstadt mit viel Hanse-Charme und dazu einen wunderbaren Strand in Warnemünde. Ähnliches gilt für Wismar und Stralsund. Schwerin liegt inmitten einer Seenplatte. Magdeburg, seinem schlechten Ruf zum Trotz, liegt immerhin an der Elbe und in der Nähe des Harzes und hat gotische Kirchen und Kathedralen. Aber auch im Westen Norddeutschlands gibt es Orte mit Lebensqualität (Bremen, Lübeck, Flensburg), die aber wenigen Leuten etwas nützt, solange es unmöglich ist, dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen und diese Städte unter chronischer Arbeitslosigkeit und überschuldung leiden. Und wo müssen all die Abwanderer hinziehen, um einen Arbeitsplatz zu finden? Richtig: in schwarze Löcher wie Hannover, Stuttgart, Düsseldorf oder eben das Ruhrgebiet, wo der einzige Trost ist, daß es doch nicht ganz so schlimm ist, wie man es befürchtet hatte.

    • ruhri
    • 09.01.2010 um 19:09 Uhr

    An den meisten der bisherigen Kommentaren kann man erkennen, dass da wirklich noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Jeder pflegt halt gern seine Vorurteile.

    Ich kenne all die schönen Landschaften und Städte, die Dubliner beschreibt, habe allein die ödesten 2 Jahre meines Lebens in Flensburg verbracht. Warum nur freue ich mich immer so, wenn ich ins Revier zurückkehre.

    Übrigens gibt es auch hier gotische Architektur, viele mittelalterliche Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, nur weiß es offensichtlich außer uns keiner. Unser kulturelles Angebot kann mit großen Metropolen locker mithalten, nicht nur, was Vielfalt und Vielzahl anbelangt. Kultur ist hier auch nichts Elitäres. Wer das glaubt, sollte sich mal über die Ruhrfestspiele in Recklinghausen kundig machen.

    Was unseren Dialekt anbelangt, jawoll seit kurzem wird er doch tatsächlich als solcher anerkannt, wir sind stolz darauf, denn er spiegelt unsere Geschichte wieder, ist das Ergebnis einer gelungenen Integration von Menschen aus vielen Teilen Europas. Und allen Chinesen und Japanern, von denen ich übrigens schon seit 20 Jahren viele hier im Ruhrgebiet begrüßen und herumführen durfte, sei gesagt, wir können auch Hochdeutsch.

    Sicherlich können Menschen, die uns und unser Revier nicht kennen, schwerlich nachvollziehen, welche Liebe und Wärme aus dem Text von Frank Goosen sprechen. Mir war es jedenfalls ein Genuss, diese Zeilen zu lesen. So sind wir halt - bescheiden, unkompliziert, verlässlich.

    Glück Auf!

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