Pop von Vampire WeekendSchlangenlinien

Wie die New Yorker Band Vampire Weekend die Rockmusik neu erfinden möchte. von Frank Sawatzki

Vier Vampire und ein Megaphon: Rostam Batmanglij, Chris Baio, Christopher Tomson und der Sänger Ezra Koenig (von links)

Vier Vampire und ein Megaphon: Rostam Batmanglij, Chris Baio, Christopher Tomson und der Sänger Ezra Koenig (von links)  |  © Soren Solkaer Starbird

Bevor auch nur ein Mensch da draußen einen Ton des neuen Vampire-Weekend-Albums zu Gehör bekommen sollte, gab es dieses Foto: Es zeigt eine Blondine, die ein pastellgelbes Poloshirt mit dem Wappenpferd von Ralph Lauren trägt und den Betrachter fokussiert. Das Foto stand kommentarlos auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite der Band. Der Auftakt zur Werbekampagne für Contra, die zweite Veröffentlichung von Vampire Weekend, war ein großes Rätsel, das auf die Reflexe der Internetkommentatoren zielte und die Kunde vom zweiten Opus der New Yorker in rasanter Geschwindigkeit auch in die traditionellen Medien trug.

Contra also, ein hübscher Titel als Kaufanreiz für Oppositionelle aller Geschmacksrichtungen? Ein Link zum Computer-Ballerspiel gleichen Namens? Oder ein unappetitlicher Verweis auf die von den USA finanzierten konterrevolutionären Truppen, die in den achtziger Jahren die Sandinisten in Nicaragua zu stürzen versuchten? Ezra Koenig, Sänger von Vampire Weekend, verneint solch klare Zuschreibungen. Der Begriff »Contra« sei vielmehr eine Einladung, alte Gewissheiten und allzu billige Distinktionsgewinne hinterfragen zu dürfen. Das trifft ohne Abstriche auch auf die zehn neuen Songs von Vampire Weekend zu.

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Das Album markiert den finalen Überfall der Postmoderne auf den alten Onkel Indie-Rock. Unterschiedliche Sounds werden wie Informationsfetzen aus dem Internet zusammengetragen, kopiert, sortiert und möglichst weit entfernt vom Herkunftsort wieder eingesetzt. Die Band surft zwischen diesen Referenzpunkten, zwischen S-Punk und Baile Funk, Reggae und Barock-Pop, Minimal Electro und Afrobeat, ohne zwingend eine Geschichte mit ihnen zu verbinden, und beraubt so den Rock ’n’ Roll in einem verblüffenden Akt der Neuordnung seiner klassischen Hierarchien.

Die Globalisierung gibt es schon sein Hunderten von Jahren, und es gibt viele interkulturelle Verbindungen. Wenn man den Postkolonialismus auf die Musik bezieht, beginnt man zu fragen: Sind die Musiken wirklich so verschieden? Sollten sie zusammengefügt werden?

Der Sänger Ezra Koenig im Interview

Die Gitarre ist nur noch ein Instrument unter vielen, dafür gibt es ein konkretes Vorbild. »In der afrikanischen Musik greift ein Klang in den anderen. Kein Instrument übernimmt die Führung«, sagt Ezra Koenig. »Afrikanischer Gitarrenpop ist für mich das Gegenteil von Grunge. Beim Grunge werden walls of sound aus verzerrten Gitarren gebaut.« Bei Vampire Weekend fahren die Gitarren Schlangenlinien durch die Songs, manchmal erinnert das an die klingelnden Saiten im kongolesischen Soukous oder den hellen Klang im westafrikanischen Highlife. Die Soundfarben dürfen ineinanderlaufen, die Stücke mäandern mühelos um hübsch ornamentierte Melodien, ja sie tanzen jede Wehmut weg.

Die erste bedeutende Afrobeat-Adaption legten die Talking Heads vor knapp 30 Jahren vor. Sie erzählte vor allem von den Möglichkeiten einer rhythmischen Erweiterung der angloamerikanischen Rockmusik. Dann kamen Peter Gabriel und Paul Simon (Graceland) mit ihren polierten Aufnahmen afrikanischer Melodien und Beats. 2008 schließlich das Debüt von Vampire Weekend, das Afrobeat in den Rang eines Zauberwortes katapultierte, hinter dem sich einem staunenden Indie-Rock-Publikum die wundervolle Welt der Polyrhythmen auftat. Und war Afrobeat nicht auch ein Stück Entwicklungshilfe aus dem Mutterschoß der Pop-Kultur, das klingende Versprechen für eine Ära Obama?

Leserkommentare
  1. 1. ***

    Zitat: "Vampire Weekend haben nun mit Contra die Tür zur Runderneuerung des Patienten Indie-Rock weit aufgestoßen."

    Runderneuerung Indie-Rock? Dritte Türe links, aber erschrecken Sie nicht, da stehen schon dreißig andere.
    Bitte hinten anstellen.

    PS: Doch, ich kenne die Platte.

    • Hipper
    • 11. Januar 2010 9:53 Uhr

    Weisse (angloamerikanische) Jungs mit Gitarren - ein wahrlich revolutionäres Konzept. Ich frage mich warum nicht schon vor 50 Jahren jemand auf diese Idee gekommen ist. (Gähn)

    • Lyaran
    • 11. Januar 2010 10:27 Uhr
    3. Rock?

    Ersten ist dass ja wohl Gitarrenpop. Und wenn man den spielt kann man kaum Indie-Rock revolutionieren. Vor allem nicht mit immer gleich klingenden Gesangsmelodien und im gleichen Tempo. Polyrhythmen? Bitte mal ein Beispiel dazu.
    Kommt es mir nur so vor oder werden in letzter Zeit immer mehr Bands zu Kunst hochgeredet? Erst Phoenix dann diese Band hier. Wenn das die große Hoffnung ist muss ich doch anfangen mehr Jazz zu hören :(

  2. "Die digitale Trickkiste trifft auf den Analog-Ära-Song, Amerika auf den Rest der Welt, Rand und Zentrum beginnen miteinander zu kooperieren – so könnte man Musik zur Zeit definieren."

    Und was soll Amerika da sein? Rand oder Zentrum?

    Ich tippe auf Rand.

  3. klingt deutlich spannender als das Hörbeispiel. Aus meiner Sicht hat der olle Onkel Indie Rock noch ganz gute Karten, diesen "finalen Überfall" der postmodernen, xylophonbewaffneten Strickjackenträger ohne große Blessuren zu überstehen.

  4. Mit ihrem neuen, dritten Album sind die New Yorker
    eine komische ungewöhnliche Band geblieben. Virtuos,
    verspielt, klug mit unverwechselbaren Sound wirken die Songs ,fast perfekt.

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