Ben (David Kross) und Sreykeo (Apinya Sakuljaroensuk) in Phnom Penh © Delphi Filmverleih

Das Cine Lux in Phnom Penh hat schon bessere Zeiten gesehen. 1940 im späten Art-déco-Stil errichtet, war es unter den mehr als 30 Lichtspielhäusern der Stadt das erste Haus am Platze. Hier lief während der Kolonialzeit importiertes französisches Kino, hier hatten Spielfilme Premiere, die Norodom Sihanouk, der kinobegeisterte ehemalige König des Landes, in seiner Freizeit drehte. Heute ist die einst elegant geschwungene Fassade mit goldenen Gipsornamenten verunstaltet. Selbst großzügig eingesetztes Raumspray kann nicht den muffigen Geruch im Saal überlagern. In den vier Vorstellungen pro Tag sitzen selten mehr als zwanzig Besucher. Doch an diesem Freitagabend ist alles anders. Eine Menschenmenge drängt sich auf dem Bürgersteig, die Fassade wird von Scheinwerfern angestrahlt. Auf einem Plakat prangt der Titel Same same but different . Detlev Bucks Spielfilm, der in Phnom Penh gedreht worden ist, hat dort heute Abend seine Premiere.

Im Kino sitzen mehr als 200 einheimische Crew-Mitglieder mit Begleitern. Außerdem einige westliche Mitarbeiter der unzähligen Organisationen, die das Land aus seiner Misere führen wollen. Seit drei Monaten gehöre auch ich dazu, als Dozent für Journalismus an der Royal University of Phnom Penh. Die Vorstellung besuche ich gemeinsam mit Studenten, die an Bucks Film mitgearbeitet haben.

Durch das Gedränge dauert es fast eine Stunde, bis die buddhistischen Mönche, die im Schneidersitz vor der Leinwand gewartet haben, die Premiere mit Gebeten eröffnen können. Dann geht Detlev Buck auf die Bühne. Eigentlich will er nur kurz die Hauptdarsteller David Kross und Apinya Sakuljaroensuk vorstellen. Doch die lokalen Veranstalter lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, Kambodscha als Filmland mit Zukunft zu präsentieren. Vertreter des Kultusministeriums, der Kinokommission und der deutsche Botschafter treten an das mit Blüten geschmückte Rednerpult und entfalten Manuskripte mit Grußworten. Das bettelarme Land, das bis heute nicht die Folgen von blutiger Khmer-Rouge-Diktatur und Bürgerkrieg überwunden hat, will ausländische Filmproduktionen ins Land locken. Zu bieten hat es außer billigen Arbeitskräften und exotischen Orten wenig. Es gibt keine lokale Filmindustrie und daher auch keine Techniker, keine Schauspieler, keine Studios, keine Filmlabors. Für Bucks Film wurde lange nach einer kambodschanischen Hauptdarstellerin gesucht – vergeblich. Für die schwierige Rolle des Bargirls Sreykeo musste man auf eine Thailänderin zurückgreifen.

Der Film beruht auf Benjamin Prüfers Bestseller Wohin du auch gehst über die Liebe des Autors zu einer HIV-positiven Prostituierten in Kambodscha. Auf einer Rucksackreise lernte er sie in der Ausländer-Diskothek Heart of Darkness in Phnom Penh kennen. Nach einer dramatischen Fernbeziehung lebt das Paar heute mit einem Kind in Hamburg. Drei Monate drehte Buck an Originalschauplätzen mit deutschem Team und vielen lokalen Mitarbeitern.

Nach der Premiere ist keiner der Studenten aus der Crew sonderlich begeistert. Vor allem die Tatsache, dass die Hauptrolle von einer Thailänderin gespielt wird, die die Landessprache Khmer nicht einmal ansatzweise beherrscht, verärgert alle. Irritiert ist man von einer Szene mit einem alten Mann im Lendenschurz, der dem deutschen Rucksacktouristen den Weg weist: »Solche Leute gibt es kaum noch.« Und dann ist da noch dieser Elefant, der mitten durch ein Straßencafé stampft. »Das sieht aus, als gäbe es in Phnom Penh an jeder Ecke Elefanten«, sagt ein Student. »Dabei gibt es in der ganzen Stadt nur noch einen einzigen: als Touristenattraktion in der Tempelanlage Wat Phnom.«

Am nächsten Tag geht das Cine Lux wieder zum Alltag über. Die meisten Zuschauer sind Teenager, die bei den DVD-Projektionen thailändischer oder koreanischer Geisterfilme ans andere Geschlecht heranrücken können. Der Besitzer des Kinos ist gerade in Haft, weil er Gelder für die Gründung eines neuen Fernsehsenders veruntreut haben soll. Wobei es im zutiefst korrupten Kambodscha vor allem überrascht, dass man für so etwas ins Gefängnis kommt.