Der Gründer, Macher und Visionär Tyler Brulé © Sean Gallup/Getty Images for Burda Media

DIE ZEIT: Wenn wir über Medien reden, was wäre die gute Nachricht?

Tyler Brûlé: Der Londoner Economist hat den profitabelsten Oktober seiner 166-jährigen Geschichte erlebt. Auch unserer Zeitschrift Monocle ist es nicht schlecht gegangen. Die aktuelle Ausgabe ist nicht nur die dickste bisher, wir haben hier erstmals mehr als eine Million Dollar an Anzeigeneinnahmen. Das sagt mir: Globale Marken mit einer weltweiten Leserschaft laufen gut. Auch die BBC hatte mit BBC World News ein gutes Jahr. Die Rede ist von der »Flucht in die Qualität«, daran muss also etwas sein…

ZEIT: Qualität hat Zukunft?

Brûlé: Ja, und das Boot ruhig halten, keine dramatischen Manöver. Leser wollen Medien, die sich nicht beirren lassen. Monocle stellt gerade neue Korrespondenten ein. Was in dem Zusammenhang interessant ist: Wir beschäftigen uns viel mit soft power, wie zum Beispiel Deutschland seinen Einfluss nutzt oder die portugiesischsprachigen Staaten, und ich frage mich oft, was ist die soft power des Vereinigten Königreichs? Großbritannien hat keine traditionelle Industrie mehr oder herstellendes Gewerbe wie Deutschland, so bleiben nur die globalen Medienmarken: Financial Times, Economist, BBC – das sind heute Machtinstrumente. Früher waren das Jaguar oder British Airways.

ZEIT: Welche Medientrends erwarten Sie 2010?

Brûlé: Mehr Zeitungen werden Gratisblätter werden, was deprimierend ist. Auf der anderen Seite experimentiert die Welt am Sonntag mit kostenpflichtigen Digitalangeboten. Mit Blick auf die Gratiskultur werden manche argumentieren, dass das Kostenlose großartig sei: je mehr Auswahl, desto besser. Aber ich glaube das nicht. Wir verlieren etwas – es gibt so viel Information, viel davon ungefiltert und ungesichert. Ich sage nicht, dass sich alle vor der Tagesschau versammeln sollen, aber vielleicht müssen wir mehr zur verlässlichen Stimme, der »göttlichen Stimme« sozusagen, zurückkommen. Einige Medien müssen die Initiative ergreifen und das Denken der Menschen fokussieren, herausstellen, was die entscheidenden Themen und Debatten sind. Die BBC macht das ganz gut, aber es wäre besser, wenn es mehr Wettbewerb gäbe, wenn sich die Bundesregierung in Berlin zum Beispiel entschlösse, der Deutschen Welle eine halbe Milliarde Euro mehr zu geben, sodass sie richtig international mitmischen kann in diesem Spiel – das wäre spannend.

ZEIT: Was erwarten Sie vom Netz? Sie sagten schon vor zwei Jahren, Facebook habe sich überlebt.

Brûlé: Ich bleibe dabei. Wann haben denn die Leute wirklich zum letzten Mal ihre Facebook-Seite aktualisiert? Die meisten nutzen die Website doch nur noch, um vor einem Interview oder einem Vorstellungsgespräch nachzuschauen, wie ihr Gegenüber aussieht. Diesem ganzen Hype um digitale soziale Netzwerke wird die Luft ausgehen, weil es erstens mittlerweile eine ganze Reihe von ihnen gibt und zweitens niemand sagen kann, wie man damit Geld verdient.

ZEIT: Aber wir hängen immer mehr am Netz.

Brûlé: Ja, man bekommt diese Panik, am Flughafen oder im Hotelzimmer, wenn man nicht ins Internet kann. Noch vor fünf Jahren hatte man dieses Gefühl in einem Hotelzimmer ohne Fernseher. Heute ist es wichtiger, einen schnellen Internetanschluss zu haben. Nun fragt man sich natürlich, was kommt als Nächstes: welches Gerät, welcher Reader? Was aber wichtig dabei ist: Wenn ich in eine Flughafen-Lounge gehe und Sie mit Ihrem Laptop sehe, weiß ich nicht, ob Sie sich Pornografie auf einer Website aus Bratislava ansehen oder einen Dokumentarfilm auf dem Sundance-Kanal. Sehe ich Sie aber die ZEIT aufschlagen oder den Economist, dann sagt das etwas über Sie, mindestens genauso viel wie Ihre Schuhe, Ihre Jacke, die Uhr an Ihrem Handgelenk oder der Koffer, mit dem Sie unterwegs sind. Die Medien, die Sie verwenden, definieren Sie. Bald könnte es darum gehen, wie man Lesegeräte mit einer digitalen Marke oder einem Sticker versehen kann, sodass ich weiß: Sie lesen Spiegel online und nicht Gala online .