Zum Jahresbeginn Was jetzt zu tun ist

Christof Siemes nennt Ihnen die Dinge, die Sie in der nächsten Woche tun sollten.

Von Blau nach Rot nach Irgendwas: James Turrells Licht-Installation in Wolfsburg lässt die Besucher mit den Augen fühlen.

Von Blau nach Rot nach Irgendwas: James Turrells Licht-Installation in Wolfsburg lässt die Besucher mit den Augen fühlen.

Gut hundert Stunden ist das neue Jahrzehnt nun alt. Die guten Vorsätze beginnen schon so zu riechen wie kalte Kneipe, da schiebt Bono, der Sänger der Band U2 und nimmermüde Weltrettungsentertainer, »Ten for the Next Ten« nach, eine Liste mit zehn Ideen, die die nächsten zehn Jahre interessanter, gesünder oder schlicht besser machen sollen. Er wünscht sich unter anderem amerikanische Familienautos mit Sex-Appeal, entworfen von dem Architekten Frank Gehry oder dem Hochglanzkünstler Jeff Koons, dazu ein »Festival of Abraham« zur Versöhnung der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sowie friedliche Revolutionen in Nordkorea und Myanmar.

Denken Sie jetzt bloß nicht, dass wir uns darüber lustig machen wollen! Im Gegenteil: Auch das ZEIT- Feuilleton ist für Weltfrieden und hat ein paar gute Vorsätze, nicht für die nächsten zehn Jahre, aber wir sind ja auch nur eine Wochenzeitung. Deshalb wollen wir Ihnen an dieser Stelle in Zukunft Dinge ans Herz legen, die Sie in der kommenden Woche unbedingt tun sollten. Mit nichts davon werden Sie gleich die Welt retten. Aber vielleicht werden Sie Bilder sehen, Musik hören, Bücher lesen, Routinen verlassen – auf dass ein Weltkrümel in neuem, aufregendem Licht erscheine. Und schon werden Sie anders, verändert das fragile Ding mit Füßen treten, auf dem wir mit mehr als 100.000 Stundenkilometern herumrasen.

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Fahren Sie also nach Wolfsburg! Streifen Sie sich im Kunstmuseum ein paar blaue Plastiktütchen über die Schuhe, und steigen Sie auf der steilen Rampe hinab in James Turrells unauslotbare Lichtbadewanne namens Bridget’s Bardo. Als atme er in Farben, wechselt der riesige Raum gaaaanz langsam und stufenlos von Weiß zu Blau zu Pink zu Ichweißnichtwas – die Erleuchtung des Jahres. Exakt berechnet und computergesteuert ist dieses Wunderwerk aus zigtausend LED-Lämpchen, doch kommt es über den Besucher wie ein Naturereignis. Mit den Augen zu fühlen, solle man bei ihm lernen, sagt Turrell. Endlich mal ein Künstler, der hält, was er verspricht.

Wenn Sie ganz lichttrunken zurück zum Bahnhof wanken, sollten Sie für einen Erkenntnisschock der ganz anderen Art kurz vor den Gleisen nach rechts abbiegen, ins DOW. Hier werden Ihnen so unbarmherzig wie unbeabsichtigt die Augen darüber geöffnet, wie die Welt jenseits aller Lichtparadiese wirklich ist. DOW steht für Designer Outlets Wolfsburg, ein Hightechhüttendorf aus 50 Läden für 50 Millionen Euro, in denen Markenware aller Art verramscht wird. In den Chrom- und Glasfassaden bespiegelt der Schnäppchenjäger sich selbst: als das Geschöpf, das in seiner Gier nach dem größten Rabatt ebenjenes Wirtschaftssystem am Laufen hält, dessen Wahnsinn und Unersättlichkeit er auf dem günstig gejagten Designersofa wortreich beklagt.

Erkenne dich also selbst! Das ist nie verkehrt, stand aber auch schon am Apollontempel in Delphi. Deshalb noch ein letzter, zeitgemäßer Vorschlag für diese Wintertage: Gehen Sie Eislaufen! »Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen«, heißt es schon in Goethes Erzählung »Ein Mann von fünfzig Jahren«, »so daß zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind.« Wer diesen Zustand einmal erreicht, kann kein ganz schlechter Mensch mehr werden. Nur bremsen muss er jetzt noch lernen.

 
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