Goggles : Im Google-Wahn

Der Internetgigant kennt bald jeden unserer Schritte. Es ist Zeit, dass die demokratische Gesellschaft sich wehrt
Google © Robert Galbraith/Getty Images

Wie lange braucht ein neues Thema, um in der Politik anzukommen? Offenbar deutlich länger, als es dauert, alle Leute mit Breitband-Internetanschlüssen zu versorgen. Die Welt hat in den vergangenen 15 Jahren eine informationstechnische Revolution erlebt – und Deutschland diskutierte über ein paar Verbotsschilder für kinderpornografische Internetseiten, als sei dies kriegsentscheidend für die Zukunft der vernetzten Gesellschaft. Nun kommt das internetfähige Google-Handy Nexus One auf den Markt. Wie mit nahezu jedem modernen Handy kann man auch mit diesem Fotos machen – nur hat das Nexus ein Programm, das diese Fotos per Internet gleich zu identifizieren vermag. Bald wird so jeder Fremde im Café erkennbar sein – wenn es irgendwo im Netz ein Bild von ihm gibt. Das stellt unseren Begriff von Privatsphäre radikal infrage. Doch von einer vorausschauenden politischen Debatte ist wieder nichts zu spüren.

Die aber wird dringend gebraucht. Es geht um Monopolansprüche auf die Ressourcen der Wissensgesellschaft. Es geht um Überwachung – durch Privatunternehmen und Mitbürger. Es geht um personalisierte Werbung, die den Kunden umzingelt. Und es geht um die Bereitschaft vieler Menschen, die Verantwortung für ihre Entscheidungen an Computerprogramme abzugeben.

Mit seiner genialen Suchmaschinenidee hat Google die Informationsbeschaffung revolutioniert. Das neue Handy trägt nun die Netzanbindung vom Schreibtisch hinaus in die Wirklichkeit: Wer will, kann künftig überall total online sein. Das Bilderkennungsprogramm mit dem Namen Goggles erläutert dem Nutzer historische Bauwerke, das Handy findet den Weg zum Bahnhof und sucht das netteste Restaurant in der Nähe aus. Goggles kann bereits heute Gesichter erkennen, aber Google hält diese Anwendung einstweilen zurück – bis datenschutzrechtliche Probleme ausgeräumt seien.

Die schöne neue Google-Welt klingt nach grenzenloser Freiheit, nach Vorsprung durch Technik. Aber der hat seinen Preis. Google nimmt für die wenigsten seiner Angebote Geld – und lässt sich stattdessen mit den Daten seiner Nutzer bezahlen. Die Ergebnisse der Suchmaschine sind so gut, weil das Rechenverfahren der beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin nichts vergisst und stets dazulernt: Es merkt sich, was der einzelne Nutzer für bedeutsam hält, lernt ihn immer besser kennen und passt die Seitenvorschläge an die Vorlieben des Fragenden an. Keine zwei Nutzer erhalten für denselben Suchbegriff die gleichen Antworten.

Dass Google alle Suchvorgänge speichert, ist ein Problem. Dass die Firma ihr Geld vor allem mit Werbung verdient, ist ein weiteres. Es ist geradezu ihr Kerngeschäft, alle Informationen über einen Nutzer zusammenzuführen, um möglichst präzise vorherzusagen, wofür dieser sich interessieren, was er wohl kaufen wird. Dabei geht es nicht allein um werbliche Dauerbelagerung. Der Größenwahn einer Firma, deren Chefs wieder und wieder betont haben, ihre höchste Ambition sei es, künstliche Intelligenz zu schaffen, reicht weiter: Google wolle dem Nutzer auf jede Frage die eine, immer richtige Antwort geben, hat der Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt gesagt. Damit meint Schmidt nicht die Margarine mit den gesündesten Fettsäuren, sondern Existenzielleres: Was soll ich morgen tun? Welchen Job soll ich annehmen?

Was heißt »Privatheit« noch, wenn keine Bewegung mehr inkognito ist?

Alles Rhetorik? Wilde Ingenieurfantasien? Oder doch Grund genug, die Warnglocken zu läuten?

Fällig ist eine politische Debatte, an deren Ende neue internationale gesetzliche Regelungen stehen müssen. Denn stets agiert Google nach dem Prinzip Fakten schaffen – und dann abwarten, ob die Betroffenen sich wehren. So war es, als das Unternehmen Millionen von Büchern scannte , ohne sich um das Urheberrecht zu kümmern. So ist es bei Street View, wo Google sich wenig um die Datenschutzbedenken der fotografierten Gemeinden schert. Wer sich geschädigt fühlt, der kann – auf umständlichen Wegen – Bilder von Street View wieder aus dem Netz nehmen lassen. Oder Google Amerika verklagen, wenn es ihm nicht am Kleingeld fehlt. Umgekehrt wäre es richtig: Bevor Google jemanden fotografieren lässt, muss die Firma den Betroffenen um Erlaubnis bitten.

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Kommentare

110 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

Nicht so einfach...

Wer glaubt sich mit Cookies löschen vor Google verstecken zu können der irrt. Wenn muss man mindestens auch noch JavaScript deaktiviert haben, denn sehr viele Seiten im Netz werden mit Google Analytics gebenchmarked.

Zusätzlich darf man dann keine Dienste und Anwendungen benutzen die Google besitzt - Youtube, GoogleTalk, Mail, Picasa, Chrome Browser, Android Betriebssystem.
Und selbst wenn du das alles nicht nutzt, kann Google dein Foto trotzdem über Social Networks zuordnen.

Das große Problem ist einfach, dass Google ständig neue Dienste entwickelt, die den Nutzer immer mehr umgeben. Oder wer hätte vor 6 Jahren gedacht, dass Google mit Handyplattformen an den Markt geht? Und es geht ja immer noch weiter...

Dazu kommt noch, dass sich die allermeisten heutzutage keinerlei Gedanken um ihre Privatsphäre im Internet machen. Weder bei StudiVZ und CO und erst Recht nicht bei Google-Diensten.

Vater Staat gegen Mutter Natur

"Demonstrationen oder Flashmobs vor Googles geheimen Serverzentren"
Wie wäre es, sich bei Google nicht anzumelden und keine Cookies zu verwenden? Oder einfach eine andere Suchmaschine zu nutzen?
Wie wäre es, wenn die Leute die Software zur Gesichtserkennung nicht mit ihren Namen, Daten, Adressen versehen würden?
Google bietet nur ein Angebot für die Personen, die dieses auch bereitwillig nutzen.
So wie die Millionen von Facebook/StudiVZ/Xing/MeinVZ-Nutzer, die bereitwillig ihren peinlichen sozialen Strip im Netz liefern.
Jetzt soll eine "demokratische Gesellschaft" ihre Organe einsetzen. "Mit Gesetzen." schreiben Sie.
Sie vergessen daß sie jeden Tag am Wahlzettel sitzen.
Es ist ihr Computer.

Fakt ist doch...

...dass Google im Grunde nichts tut, was rechtswidrig ist.

Die größten Fehler machen die Internet-User, also wir, doch selbst. Wie viele Leute geben praktisch ALLES über sich in sozialen Netzwerken preis? Wie viele Leute geben Ihre realen Daten bei den tausenden von Registrierungen auf Webseiten preis?

Zwingt mich irgendjemand das zu tun? Nein. Natürlich gibt es irgendwo Grenzen, an die sich auch Google halten muss. Aber man darf nicht vergessen, dass der gemeine Internetuser selbst eine Menge tun kann um sich zu schützen und der Aufwand dafür ist nicht wirklich groß. Mal abgesehen davon: wer möchte auf die Suchfunktionen von Google verzichten?