Debatte um die Kanzlerin Uckermark-Sphinx

Angela Merkel gibt auch der eigenen Partei Rätsel auf. Verspielt sie mit ihrer Unentschlossenheit den Erfolg der Koalition?

Ein Neustart für Schwarz-Gelb – so schlicht, so eindeutig ist die Erwartung an das Krisentreffen der Koalitionsspitze am kommenden Sonntag. Denn nach nicht einmal hundert Tagen hat sich die neue Bundesregierung bereits in einem Geflecht zielloser Streitereien verfangen. Ob Steuersenkungen, Afghanistaneinsatz oder auch nur die Personalie Erika Steinbach – beinahe jedes Thema treibt, als gehorche es einem inneren Zwang, zum Konflikt. Die Kabinettsklausur auf Schloss Meseberg vor wenigen Wochen ließ sich noch als Treffen zum Kennenlernen deklarieren. Inzwischen hat man sich gründlich kennengelernt. Nun kommen die drei Parteichefs zusammen, um das desaströse Bild ihrer Koalition zu korrigieren.

Dabei reicht die Entfremdung tiefer als hundert Tage. Schon vor der Wahl war das Unbehagen zwischen Union und Liberalen mit Händen zu greifen. Es hat sich bruchlos im verpatzten Beginn der neuen Regierung fortgesetzt. Schon liegt über Schwarz-Gelb der Verdruss einer aus der Zeit gefallenen Konstellation. Dass die neue Koalition angesichts exorbitanter Staatsverschuldung als Erstes Spielräume für Klientelpolitik ausmachte, war ein brisantes Symbol. Deutlicher hätte sie ihren unzeitgemäßen Unernst kaum demonstrieren können.

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»Geistig-politische Wende«? Das Versprechen wirkt wie Hohn

Auch andere Regierungen, allen voran Rot-Grün, haben sich zu Beginn sehr schwergetan. Überschwang und Unprofessionalität waren 1998 die Gründe für den Fehlstart. Aber damals hatten die Partner einen in langer Opposition gewonnenen Vorrat an Gemeinsamkeiten. Davon ist heute nichts zu erkennen. Schwarz-Gelb präsentiert sich als eine Regierung ohne eine gemeinsame Idee.

Niemand hat erwartet, dass Schwarz-Gelb sich als »Projekt« inszenieren würde. Doch dem Anspruch an eine Regierung, zu benennen, worauf es ihr ankommt, wofür sie ihre Verantwortung nutzen will, können sich Union und Liberale nicht einfach entziehen. Durch bloße Rhetorik, wie es kürzlich Guido Westerwelle versucht hat, ist das Vakuum nicht zu füllen. Sein großes Signet einer »geistig-politischen Wende« widerspricht so eklatant der tristen Realität, dass der Versuch wie Hohn wirkt. Die Bürger werden das nicht goutieren, wie die jüngsten Umfragen bereits andeuten.

Es ist deshalb kaum überraschend, wenn nun Angela Merkel in ihrer Doppelfunktion als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende unter Druck gerät. Lange fand sie mit ihrem zurückhaltenden Führungsstil Zustimmung in einer Gesellschaft, die auf Streit und scharfe Kontroversen mit Ablehnung reagiert. Doch inzwischen schlägt das Orientierungsdefizit der Methode Merkel gravierender zu Buche als das öffentliche Harmoniebedürfnis. Zumal die Kanzlerin in der neuen Koalition ja nicht für Ruhe, Nüchternheit und Effizienz sorgt, sondern ihren streitenden Partnern bisher schweigend zusieht. In der Großen Koalition war moderierende Führung die Voraussetzung für ein halbwegs funktionierendes Bündnis. In der Koalition mit den beiden konkurrierenden Kleinparteien – einer traumatisierten CSU und einer euphorisierten FDP – treibt Merkels Stil in die Eskalation.

Will die Kanzlerin diesen zerstörerischen Prozess stoppen, muss sie sich zu erkennen geben – zuallererst beim Dauerstreitpunkt Steuersenkung. Es wird schwer, ein unhaltbar gewordenes Wahlversprechen zu kassieren. Aber noch verheerender wäre es für die Koalition, den Konflikt monatelang weiterlaufen zu lassen. Wie ein Block hat sich der Steuerstreit zwischen die Regierung und die Realität gelegt. Erst wenn nicht weiter mit dem Schlachtruf »Steuersenkung« Identitätsdebatten ausgetragen werden, kann sich die Koalition mit der bescheideneren Zukunftsfrage befassen: ihren politischen Prioritäten angesichts radikal schrumpfender Staatsfinanzen.

Leser-Kommentare
  1. Alle Kommentatoren haben wohl vergessen, dass Deutschland und die Industriestaaten in einem Epochenwechsel stecken - raus aus dem 2%Wachstumszwang-und-Verschwendungssystem und rein in die evolutionsprozes-logisch folgende Weltordnung des KREATIVEN. Simulierte Knappheit von Energie und Sachkapital statt der Verschwendung von Arbeits- und aller anderen Produktionsfaktoren machen Menschen und Gesellschaften KREATIV und friedlich, weil die Fehlentwicklungen und Konflikte runtergefahren werden statt sie zuzuspitzen.

    Angela Merkel macht Politik, die von diesem Ordnugnsübergang ausgeht. Das Evolutionsprozess- und Chaosphysik-Wissen dazu hat sie. Es wäre gut, wenn sich alle um dieses Wissen bemühten. Für die Informierten wird aus der Sphinx eine Epochenwechsel-Vorbereitungspolitikerin.

    Kurz: Angela Merkel ist eine KAIROS-Politikerin. Sie bereitet sich auf den Tag X vor, an dem sie die Dimension und die konkreten Projektinhalte ihrer Politik offentlegen wird.

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    "Angela Merkel ist eine KAIROS-Politikerin. Sie bereitet sich auf den Tag X vor, an dem sie die Dimension und die konkreten Projektinhalte ihrer Politik offentlegen wird."

    Weiß Angela Merkel das auch?

    "Angela Merkel ist eine KAIROS-Politikerin. Sie bereitet sich auf den Tag X vor, an dem sie die Dimension und die konkreten Projektinhalte ihrer Politik offentlegen wird."

    Weiß Angela Merkel das auch?

  2. da will Angela Merkel zur "politischen Eierlegendenwollmilchsau" werden.

  3. Öffnen, öffnen und nochmals öffnen, das ist die revolutionäre Programm- und TAT-Perspektive von Angela Merkel. Die Berliner Erklärung ist nur der leise, sichtbar-geringe Anfang, der so evolutionsprozess-logisch aktuell ist und zugleich trivial, dass man Angela Merkels Gespür für Evolutionsprozess-Realität n i c h t bewundern muß, denn sie liegt offen - als Systemkrise des Wachstumszwang-Regimes - vor unser aller Augen. Dem leisen Anfang wird eine wirklich revolutionäre Phase folgen. Denn das Öffnungs-Projekt kann n u r durch die Auflösung der historisch gewachsenen Konfliktstrukturen gelingen. Wo der konfliktkämpferische, selbstzerstörerische Teufel-als-Diener-des-Herrschaftssystems hereinkam, muß er auch wieder hinaus. Angela Merkel denkt vom Ende, vom Evolutionsstufen-Ende her - und handelt mit kleinen Schritten auf dieses Ziel hin.

    Ich sehe niemanden in der konkurrierenden politischen Landschaft, der Angela Merkel in der derzeitigen Vorbereitungsphase auf eine Perestroika der deutschen Machtlandschaft gewachsen wäre. Und das ist gut so.

  4. Zu Frau Merkel ist in etlichen Gazetten und Foren wohl alles gesagt... eigentlich viel zu viel - vielleicht sollten die Medien mal genauso handeln wie die Kanzlerin - wochenlang schweigen !

  5. Was bitte sollte ein solcher 3-er-"Gipfel" korrigieren? Eine auf reine Lobbypolitik ausgerichtete FDP und eine auf ein einziges Bundesland konzentierte (und dort schleudernde) CSU kann man im kalten Wasser nicht von Schwimmbewegungen abhalten. Schaden nimmt die Volkspartei CDU, die trotz schlechtem Merkel'schen Wahlegebnis (auf Sie allein war der Wahlkampf ausgerichtet) gestutzt daherkommt, aber noch alle Flügel hat. Was FDP und CSU an Kapriolen bieten kann die CDU locker innerhalb der eigenen Partei "abarbeiten". Aber dazu muß die CDU als Partei vom verängstigen Kanzlerinnenwahlverein und "Girls-Camp"-Befehlsempfänger zum "Mitgestalter" werden. Die offensichtlich verwirrte, oft durch mangelnde Erfahrung und Fehleinschätzung von Bürgern und Stimmungen glänzende, nur noch auf die Kanzlerin ausgerichtete Politik wird der CDU auf lange Sicht das Genick brechen.

  6. Diese Regierung gibt es ja nur deshalb, weil immer weniger Menschen strategisch wählen wie früher: heute wählen wir nicht mehr SPD mit der Erststimme und Grün mit der Zweitstimme, sondern mit beiden Stimmen entweder SPD, Grün oder Linke (und manche sogar FDP, dem Teufel sei´s geklagt). Daher konnten die Kapitalisten gewinnen. Es war dadurch einfach eine ehrlichere Wahl, allerdings mit ungeliebten Konsequenzen. Mit zunehmender Kraft der bisherigen Randparteien wird nicht mehr so sein wie früher, da es in Zukunft wohl immer eine Mehr-Parteien-Regierung geben wird. Es könnte in NRW schon anfangen, wenn die gegenwärtigen Polit-Künstler so weiter machen.

  7. "Angela Merkel ist eine KAIROS-Politikerin. Sie bereitet sich auf den Tag X vor, an dem sie die Dimension und die konkreten Projektinhalte ihrer Politik offentlegen wird."

    Weiß Angela Merkel das auch?

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