Als er sagt, er sei 1970 in die CDU eingetreten, weil es die Grünen damals ja nicht gab, klingt das noch ein wenig kokett. Als er seine Gastgeber aber dafür lobt, dass sie entschieden wie keine andere Partei gegen Diskriminierung antrete, gegen Rassismus und Nationalismus, spricht daraus ehrlicher Respekt. Aber erst als DFB-Präsident Theo Zwanziger am vergangenen Sonntag auf der Matinée zum 30. Geburtstag der Grünen in der Heinrich Böll Stiftung von der Zukunft spricht, wird deutlich, wie sehr sich schon alles gewandelt hat. So sehr, dass grünes Denken nun auch die letzte Bastion des deutschen Machismo schleifen kann, den Zufluchtsort echter Kerle, den Fußball: »Die Frauen-Fußball-WM 2011 in Deutschland muss klimaneutral werden.«

Klimaneutral. Das jüngste Schlüsselwort grüner Politiklyrik, das ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingesickert ist, setzt fort, was mit atomwaffenfrei, umweltschonend, nachhaltig und generationengerecht begonnen hat: Es erweitert den Wortschatz – und es verändert das Denken.

Ihre Ideen sind so einträglich, dass andere sie als Raubkopien verteilen

30 Jahre nach dem Gründungsparteitag von Karlsruhe am 13. Januar 1980 ist Deutschland grün wie nie. Die Menschen trennen ihren Müll, sammeln ihre Dosen, pflastern ihre Dächer mit Solaranlagen. Sie sagen Nein zu Atomkraft und Genmais, Ja zu erneuerbaren Energien und Fair Trade und »Vielleicht« zu weniger Konsum. Wenn sie einkaufen, müssen die Lebensmittel aus der Region stammen. Wenn sie ins Büro fahren, nehmen sie öfter das Fahrrad. Und wenn sie in Urlaub fliegen, haben sie ein schlechtes Gewissen. Seitdem die Grünen in Berlin mitregiert haben, ist das Land toleranter, weltoffener, gelassener. Ein liberales Staatsbürgerschaftsrecht, die Homoehe, das Einwanderungsland Deutschland: Nichts davon gäbe es ohne die Grünen. Der Zeitgeist ist grün – aber die Grünen sind Letzter.

Warum?

Bei der Bundestagswahl 2009 erreichten die Grünen mit 10,7 Prozent zwar das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Ihr Wahlziel, dritte Kraft zu werden, verpassten sie aber deutlich. Im Bundestag bleiben sie die Kleinsten – und sitzen in der Erfolgsfalle: Ihre Ideen sind so einträglich, dass andere sie nun als Raubkopien verteilen. Die Grünen mögen sich immer noch als Avantgarde sehen, der Mediengesellschaft erscheinen sie zunehmend langweilig. Dieselben Themen, dieselben Gesichter, die eine Farbe. Die Schwarzen ergrünen mit Umweltminister Norbert Röttgen – und die Grünen verwelken mit Trittin/Roth/Künast. Wie können sie das wenden? Wie kommen sie raus aus der Erfolgsfalle?

Für den fünften Platz lassen sich zwei Arten von Gründen finden: solche, die schmerzen – und solche, die weniger schmerzen. Zu letzteren zählten die fehlende Machtoption sowie die Faustregel, wonach von einer Großen Koalition vor allem die politischen Ränder profitieren. In diesem Fall also die Staatsbeschwörer von der Linkspartei sowie die Staatsabschwörer aus der FDP. Zu den schmerzhaften, dass die Grünen eine Reihe von Problemen mit sich herumschleppen, die sie lösen müssen, strategische, personelle, inhaltliche. Eine Herausforderung für die Zeit bis zum nächsten Wahlkampf.

Die strategische Herausforderung ist die drängendste. Sie lähmt inhaltliche Debatten. In Nordrhein-Westfalen wollen die Wähler bis Mai wissen, wer sie regieren soll, wenn sie bei der Landtagswahl den Grünen ihre Stimme geben. Lager oder Scharnier – auf diese Formel lässt sich die grüne Strategiedebatte im Fünf-Parteien-System reduzieren. Drei Positionen werden vertreten. Die Grünen, so die erste, sind eine Partei der linken Mitte, damit Teil des linken Lagers und streben daher rot-grüne oder rot-grün-rote Bündnisse an. Die Grünen, so die zweite, sind heute eine Partei der bürgerlichen Mitte und somit koalitionsfähig nach allen Seiten. Und die dritte, die Synthese: Die Grünen sind eine Partei der linken Mitte – und zu lagerübergreifenden Koalitionen bereit. Selbst Parteilinke wie die frühere Fraktionschefin Kerstin Müller schließen Derartiges heute nicht mehr aus. Sie nennt aber eine Bedingung für künftige Wahlkämpfe: »Wir müssen unsere Präferenzen deutlich machen.«

Das Dilemma der Grünen besteht darin, dass sie je nach Farbkonstellation einen Teil ihrer Anhänger zu verlieren drohen. Bei Schwarz-Grün oder Schwarz-Grün-Gelb (»Jamaika«) ihre traditionelle alternative Klientel. Bei Rot-Grün-Rot all jene aus dem neubürgerlichen Milieu, die in der Linkspartei regierungsunfähige Sektierer sehen. Wie löst man das Dilemma?