Der Schriftsteller Anton Tschechow © Hulton Archive / Getty Images

Das reine Asien! Solch ein Asien, dass ich meinen Augen nicht traue. 60.000 Einwohner beschäftigen sich damit, dass sie essen, trinken, sich paaren. Andere Interessen – keine… Alle sind musikalisch, mit Fantasie begabt, mit Geist, sind nervös, sensibel, aber all das geht sinnlos zugrunde… Zehn Jahre nachdem er Taganrog im Frühjahr 1877 mit dem Abitur in der Tasche verlassen hatte, kehrte Dr. med. Anton Tschechow noch einmal zurück in die Stadt, in der er am 17. Januar 1860 (nach julianischem Kalender) geboren wurde. Es war keine sentimentale Reise, eher eine aus Erschöpfung, in der Melancholie des Erfolges, getrieben von der Angst, aufgefressen zu werden.

Die Geschichten, für die ihn die Leser der Petersburger Neuen Zeit liebten, sprudelten nicht mehr so wie in den Jahren zuvor. Gebildete Freundinnen beschimpften ihn für diese halb schlüpfrigen Novelletten und Kriminalstorys. Ein bekannter Romancier, den er auch als Arzt betreute, hatte ihm den Kopf gewaschen: Er solle sein Talent nicht vergeuden – das hat mich getroffen wie der Blitz. Und wie immer nagte die Familie an ihm: die ewigen Ehedramen und der Suff von Bruder Alexander, die Drogensucht von Bruder Nikolaj, der im Untergrund lebte, und alle brauchten sie Geld, Geld, Geld.

Taganrog ist eine sehr schöne Stadt. Wenn ich ein so talentierter Architekt wäre wie Sie, ich würde sie abreißen. Die von Russen, Griechen, Armeniern, von Händlern, Matrosen und Bauern belebte Hafenstadt am Asowschen Meer befand sich im Niedergang. Zwei Jahrzehnte lang hatte Tschechows Vater, der Sohn eines freigekauften Leibeigenen, dort einen Kramladen betrieben. Pawel Tschechow, ein magerer, unfroher frömmelnder Schwätzer, zeigte wenig Talent zum Geschäft. Seinen Kunden hielt er moralisierende Reden, seine Frau nannte ihn »Obrigkeit«. Die Lehrlinge, die fünf Jahre ohne Geld, in Kitteln ohne Taschen arbeiteten, prügelte er so schlimm, dass die Behörden einschritten – bei seinen Söhnen hatte er freie Hand.

»Tyrannei und Lügen haben unsere Kindheit verkrüppelt«

Nach der Schule standen die Kinder hinter der Theke, um Heringe und Mausefallen zu verkaufen oder die Spezialität des Hauses, das Medikament »Vogelnest«, eine Mischung aus Mineralöl, Strychnin und ätzender Lösung, das als Abtreibungsmittel nachgefragt wurde. Als Pawel Tschechow einmal im Olivenöl eine Ratte fand, war er zu geizig, das Öl wegzukippen, zu faul, es aufzukochen und zu filtern, aber auch zu fromm, gar nichts zu tun. Also ließ er den Popen kommen, der einfach alles segnete. Tyrannei und Lügen haben unsere Kindheit so verkrüppelt, dass mir schlecht wird, wenn ich mich daran erinnere. Eine Passion hatte dieser wehleidige Tyrann allerdings: die Kirchenmusik. Als dem Chor der Hufschmiede, den er dirigierte, die Frauenstimmen ausgingen, rekrutierte er seine Söhne, die sonntagmorgens mit blanken Knien auf kalten Steinen singen mussten; sie sangen so schön, dass man die Eltern Tschechow beneidete. Und das Resultat? Heute habe ich keine Religion.

Die Schule wurde für Tschechow und seine Brüder zum Fluchtort. Dort wurde nicht geschlagen, dort lernten sie Kinder mit anderen Eltern kennen. Der Pope, der den Religionsunterricht gab – ihm verdanke ich die Kunst, lebendige Worte in elegante Form zu bringen –, war ein Kinderfreund, der den Katechismus beiseitelegte und von Goethe, Shakespeare und Puschkin erzählte und der die satirischen Zeitschriften aus St. Petersburg abonniert hatte, die einzigen Druckwerke im Zarenreich, in denen freier geschrieben werden durfte. Tschechow hielt bis zu seinem Tod Verbindung mit ihm.

Der Onkel nahm den Schüler mit ins Theater. Anton schrieb Vaudeville-Texte für Liebhaberaufführungen, war beliebt bei den besser gestellten Mitschülerinnen und deren Eltern. Seinen ersten überlieferten Text schrieb er auf einen Zaun. Es ist die kritische Kreidebotschaft an die Nachbarstochter: Wisch Dir doch die Milch vom Mund, / kurzberockte, unbekannte Dichterin! / Geh mit Deinen Puppen spielen, / Deine Verse sind nicht rhythmisch und nicht rund.