150. Geburtstag von Anton Tschechow Für immer, vielleichtSeite 3/3
Von nun an zeigen ihn die Fotos schmaler, in sich gekehrter, und jenes Tschechow-Lächeln taucht auf, von dem Samuel Beckett sagen wird: » There never was a smile like his. « Er hatte noch 14 Jahre zu leben.
Südlich von Moskau kaufte er für sich und die Familie das kleine Gut Melichowo, pflanzte Bäume und Blumen, arbeitete ohne Honorar im Hospital, kämpfte gegen die Cholera und die Hungersnot. Er setzte sich für junge Kollegen ein, verlieh Geld, finanzierte auch für Taganrog eine Bibliothek. Er sehnte sich nach Besuchern, er klagte über zu viele Besucher. Er floh vor dem Klima und der Familie ans Schwarze Meer, nach Nizza, nach Biarritz: Hilfe! Zu viele Russen hier. Auch Poliakow [der Eisenbahnmillionär] und seine Familie. Die jungen und die alten russischen Männer haben kleine Gesichter wie Frettchen, die Frauen sind gerade noch annehmbar. Die Kokotten hier sind abstoßend, gierig und schamlos – und für die respektablen Familienväter, die hier herkommen, um von ihrer Arbeit auszuruhen, ist es schwer, sich zurückzuhalten und nicht unartig zu sein. Poliakow ist schon ganz bleich.
Die Lust an der Bosheit, an der Satire, am Necken, am Unsinn, die ihn seit dem Graffito auf dem Zaun in Taganrog beseelte, verließ ihn nicht, und auch nicht die Freude an Geselligkeit, an gutem Essen, der Gartenarbeit. »Er war freundlich, aber zurückhaltend«, schreibt Iwan Bunin, sein liebster Gesprächspartner der letzten Jahre, »nicht nur im Umgang mit mir, sondern auch mit den Menschen, die ihm am nächsten standen, [und das] bedeutete, wie später klar wurde, nicht etwa Gleichmut, sondern etwas weitaus Größeres.«
Er verehrte Tolstoj, aber war kein Tolstojaner . Er schätzte Gorkij, aber er schloss sich keiner politischen Bewegung an: Ich glaube nicht an unsere Intelligenz, die heuchlerisch, verlogen, hysterisch, ungezogen und faul ist, ich glaube nicht an sie, selbst wenn sie leidet und sich beklagt, denn ihre Unterdrücker kommen aus ihren eigenen Reihen … Solange sie noch Studenten sind, ist es ein ehrliches, gutes Volk, aber es reicht, dass sie erwachsen werden, und unsere Hoffnung und Russlands Zukunft verwandeln sich in Rauch, und im Filter zurück bleiben … Sommerhausbesitzer … Söhne des Zeitalters.
Die Texte der letzten Jahre sind von einer schweren Heiterkeit: düstere Gleichnisse auf die Zustände in Russland, wo die Vernunft nur im Irrenhaus überlebt – wie in der Erzählung Krankenzimmer Nr. 6, bei dessen Lektüre dem jungen Anwalt Wladimir Iljitsch Uljanow, später bekannt als Lenin, »unheimlich zumute« wurde. »Ich hatte das Gefühl, als sei ich selbst in diesen Krankensaal eingesperrt.« Es sind traurige Romanzen und absurde Geschichten wie die vom Sargtischler Jakov, der jeden Tag, den er nicht arbeitet, als Verlust verbucht, nach Rubeln und Kopeken, und getröstet stirbt, weil tot sein viel rentabler ist als zu leben.
Und natürlich seine großen Schauspiele: Onkel Wanja, Die Möwe, Drei Schwestern, Der Kirschgarten – diese Stücke über den Untergang des Alten, die Hoffnung auf eine neue Zeit und die komischen Zappelbewegungen von Menschen, die für das ersehnte Neue längst zu müde sind. Tschechows Blick ist milde, aber diagnostisch, er lässt dem Publikum und dem Regisseur und den Schauspielern die Entscheidung darüber, ob das ewige »Macht nichts« des Onkel Wanja, die 113 »Ist doch egal« in den Drei Schwestern, das Gejammer über verpasstes Leben oder abgehackte Kirschbäume traurig ist oder melancholisch oder verachtenswert oder Ausdruck der ewigen conditio humana. Ob wir am Ende sind. Oder vor dem Sturm.
Vor dem Sterben trinkt er noch ein letztes Glas Champagner
Das Theater hat er geliebt, auch und vielleicht sogar am meisten wegen der Schauspielerinnen. Aber der Schriftsteller Tschechow hat sich noch einmal aufgeteilt zwischen den Genres: Die erzählerische Form ist die gesetzliche Ehefrau, die dramatische eine effektvolle, laute, freche und ermüdende Geliebte. Und so ist es auch eine Erzählung, die davon handelt, was es mit dem Erzählen als Beruf auf sich hat. Es ist die Geschichte eines Studenten, der zwei armen Bäuerinnen am Karfreitag von Petrus’ Verrat und von seinen Tränen im Garten Gethsemane erzählt und den, als die beiden erschüttert sind, ein Glücksgefühl erfüllt: Die Tränen des Petrus und die der Bäuerinnen zeigen, dass die Vergangenheit mit der Gegenwart durch eine Kette von Ereignissen verknüpft ist, von denen sich eins aus dem anderen ergibt. Und er dachte daran, dass die Wahrheit und die Schönheit, die das menschliche Leben dort, im Garten und auf dem Hof des Hohepriesters, geleitet hatten, sich ununterbrochen bis heute fortsetzten und offenbar die Hauptsache bildeten im menschlichen Leben und überhaupt auf Erden.
Die Wahrheit und die Schönheit des menschlichen Lebens – im Verrat und in den Tränen über ihn? Wie das? Sean O’Casey, der irische Freiheitskämpfer, Sozialist und Dramatiker, hat Tschechow einen »Bischof ohne Mitra« genannt. Das deutet auf eine irdische Metaphysik, die im Kreuz keinen Sinn sieht, die keine Auferstehung kennt und die weiß, dass der Verrat zum menschlichen Leben gehört. Weil wir der Welt und den anderen, den Nächsten und uns selbst gefällig sein wollen. Weil wir unseren Überzeugungen und unseren Wünschen, unserem Wissen und unseren Gefühlen zugleich gehorchen müssen. Weil daraus nie ein Ganzes, ein konsequentes, widerspruchsloses Leben werden kann. Und der Beruf des Erzählers ist es, davon zu erzählen, vom Verrat – und von den Tränen darüber, damit wir aufmerksam bleiben. Denn, so sagt es einer seiner scheiternden Helden: Das Leben wiederholt sich nicht, man muss sorgsam damit umgehen.
Tschechow, so haben es all die Schulkinder gehört, die durch das Museum in Melichowo gingen, war ein guter Mensch. Dem möchte man nicht widersprechen. Es wäre schön, schrieb er in sein Notizbuch, wenn jeder von uns eine Schule, einen Brunnen oder etwas Ähnliches hinterließe, damit sein Leben nicht spurlos vorübergeht und sich in der Ewigkeit verliert. Es wäre schön – Tschechow war ein höflicher Mensch.
Am 2. Juli 1904, um zwei Uhr nachts, lässt der Kurarzt in Badenweiler Champagner ins Zimmer von Dr. Anton Tschechow bringen. Unter Kollegen weiß man, was das bedeutet. Tschechow »setzte sich auf und sagte auf Deutsch: ›Ich sterbe‹, dann nahm er das Glas, drehte das Gesicht zu mir, lächelte sein wunderbares Lächeln, sagte: ›Ich habe so lange keinen Champagner mehr getrunken‹, trank das Glas in aller Ruhe aus, legte sich still auf die linke Seite und war bald für immer verstummt.« So berichtet es die Schauspielerin Olga Knipper, mit der er in seinen letzten Lebensjahren eine temperamentvolle Ehe auf Distanz geführt hatte. Sein Sarg wurde nach Moskau überführt, man hatte ihn in einen Kühlwaggon zum Transport von Austern gestellt.
Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin
- Datum 17.01.2010 - 15:06 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Danke Herr Greffrath für den Artikel.
"Es wäre schön, wenn jeder von uns eine Schule, einen Brunnen oder etwas Ähnliches hinterließe, damit sein Leben nicht spurlos vorübergeht und sich in der Ewigkeit verliert."
Dies ist durchaus der Fall bei Einigen, aber nicht immer bei den Richtigen.
Bei Vielen gibt es nicht einmal einen Grabstein, die es viel eher verdient hätten, als Obrige.
Gruß Max Stockhaus
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