Kommentar Rüttgers I statt Hartz IV?

Die noch immer hoch umstrittene Arbeitsmarktreform muss an vielen Stellen korrigiert werden, doch ein Totalumbau wäre falsch

Hartz IV ist für viele Menschen zu einem Synonym geworden für Abstiegsangst, für Zumutungen und Existenznot. Kaum eine Reform der vergangenen Jahrzehnte war so umstritten, kaum eine löst, auch Jahre nachdem sie in Kraft getreten ist, so viele negative Assoziationen aus. Dass ihr Name zusätzlich belastet wurde durch die persönlichen Verfehlungen des Vorsitzenden der Reformkommission und einstigen VW-Managers Peter Hartz, spielt dabei noch die geringste Rolle. In der Politik mag inzwischen jedenfalls kaum jemand offensiv für Hartz IV werben. Im Gegenteil, überall wird abgerückt. Manche erwecken sogar den Eindruck, sie wollten einen Totalumbau. Das wäre ein Fehler, denn im Kern war die Reform richtig – auch wenn es dringenden Korrekturbedarf gibt.

Dass jetzt wieder so viel über Hartz IV geredet wird, hat vor allem mit der bevorstehenden bundespolitisch wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zu tun. CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers wählt deshalb starke Worte: Bei Hartz IV werde das Leistungsprinzip »mit Füßen getreten«, nötig sei eine »Grundrevision«. In der SPD heißt es, die Reform müsse »vom Kopf auf die Füße« gestellt werden, die Linkspartei war sowieso immer dagegen. Und selbst die FDP bringt als Alternative wieder ihr Bürgergeld ins Gespräch. Das alles ist Teil des Wahlkampfes, und wahrscheinlich wird die schwarz-liberale Koalition am Ende weit weniger am heutigen System der Grundsicherung ändern, als es einige ihrer Repräsentanten heute suggerieren.

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Doch auch diese vom Wahlkampf initiierte Debatte bietet eine Chance, sich neu darüber zu verständigen, was als gerecht empfunden wird und wie eine verbesserte Grundsicherung funktionieren kann. Vielleicht ist es jetzt, fünf Jahre nach Einführung, möglich, weniger ideologisch über Hartz IV zu streiten, dafür aber konkretere Verbesserungen zu erreichen.

Zum Bereich der Ideologien gehört der Glaube, Arbeitslose bräuchten bloß eines, nämlich richtig Druck. Das ist falsch, war immer falsch und war auch keineswegs der Leitgedanke der Hartz-Kommission. Dennoch verbinden viele Menschen vor allem das mit Hartz IV – und in der Praxis kam das versprochene Fördern neben dem Fordern allzu oft zu kurz. In den Bereich des ideologischen Glaubens gehört allerdings auch die Annahme, es brauche niemals einen Anstoß, sanften Druck oder wirtschaftlichen Anreiz, um Menschen vor dem Abrutschen in die Dauerbedürftigkeit zu bewahren. Ein System wie Hartz IV ist immer ein Kompromiss. Aus dem berechtigten Anspruch auf angemessene soziale Sicherung einerseits und dem Gebot, dass es einen Anreiz zur Erwerbsarbeit geben muss, andererseits. Hinzu kommt die Notwendigkeit, das Ganze auch dauerhaft finanzieren zu können – ohne bestehende Arbeitsplätze übermäßig mit Abgaben zu belasten.

Mit Hartz IV ist die Balance klar in Richtung auf mehr Anreiz verschoben worden. Dabei wurden gravierende Fehler gemacht, etwa bei den mageren Regelsätzen für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern. Und vieles durchaus gut gemeinte, wie das intensivere Kümmern um Langzeitarbeitslose, wurde nicht richtig umgesetzt (unter anderem durch die wahnwitzige Konstruktion der Jobcenter). Jetzt sind Korrekturen nötig – ohne die Grundprinzipien aufzugeben.

Um das zu begreifen, muss man sich noch einmal die desaströse Bilanz des alten Systems in Erinnerung rufen, das ja erst die Reform nötig gemacht hat. Vor Hartz IV stiegen die Arbeitslosenzahlen von Krise zu Krise auf ein immer höheres Niveau – die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit wuchs. Dabei meldeten sich Hunderttausende Sozialhilfeempfänger schon gar nicht mehr bei den Arbeitsvermittlern, und niemand fragte nach ihnen. Über viele Jahre breitete sich gerade vor Hartz IV die Armut aus. Weil die Zahl der Langzeitarbeitslosen immer weiter zunahm und die Sozialleistungen auch damals keineswegs üppig waren. In der Sozialhilfe gab es zuletzt 295 Euro im Monat. Und jeden Cent mehr für Sonderausgaben musste ein Sachbearbeiter bewilligen, was die Bezieher noch mehr gängelte als die heutigen Vorschriften.

Ein Zurück zu den alten Regeln hilft daher nicht weiter. Sinnvoll sind hingegen Änderungen innerhalb von Hartz IV:

Bessere Hinzuverdienstregeln, die denjenigen nicht entmutigen, der mit einem Teilzeitjob versucht, wieder Fuß zu fassen.

Höhere Regelsätze für Kinder und ein transparenteres Verfahren für ihre Festlegung.

Funktionsfähige (und einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts entsprechende) Hartz-IV-Behörden mit qualifiziertem Personal. Denn auch in Krisenzeiten ist es wichtig, dass Arbeitslose in die richtigen Schulungen oder Einstiegsjobs vermittelt werden.

Denkbar wäre auch, die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I flexibler zu regeln, wie es Wolfgang Franz vom Wirtschafts-Sachverständigenrat vorgeschlagen hat. Im Abschwung würde es länger gewährt, im Boom kürzer. Allerdings ist die Frage, was als Krise gilt: Derzeit ist der Beschäftigungsmangel etwa so groß oder so klein wie zu den schönsten Zeiten des New-Economy-Booms rund um die Jahrtausendwende. Sollte man da jetzt länger Arbeitslosengeld gewähren?

Wenn man will, kann man Änderungen wie diese auch als Generalrevision bezeichnen und dem ganzen einen neuen Namen geben, wie es Jürgen Rüttgers gern möchte. Das mag politisch opportun erscheinen. Im Kern sollte die Bundesregierung jedoch an dem heutigen System der Grundsicherung festhalten und das auch so vertreten.

Einfach nur ein neues Etikett – obwohl sich bis auf ein paar Korrekturen wenig ändert – würde sonst nur zu neuer Enttäuschung führen. Zumal die Suche nach tollen Namen in der Vergangenheit oft nach hinten losgegangen ist. Wie sollte die Generalrevision denn heißen: »Rüttgers I«? Oder gar »Arbeitslosigkeitssenkungsbeschleunigungsgesetz«?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 13.01.2010 um 13:07 Uhr
    1. Na ja.

    "Arbeitslosigkeitssenkungsbeschleunigungsgesetz"
    Sicher nicht.
    Wohl eher
    "Arbeitslosigkeitszahlensenkungsbeschleunigungsgesetz"

    • Piepe
    • 13.01.2010 um 13:09 Uhr

    Sehr gehrter Herr Gabriel,

    ich fordere Sie hiermit auf für jeden Hartz IV - Empfänger monatlich den Beitrag an die Rentenkasse zu vervierfachen.
    Sie sollten sich schämen, so die Menschen zu belügen.
    Indem sie suggerieren, das Schonvermögen fürs Alter wäre das eigentliche Problem.
    Nein, es sind die Beiträge für Langzeitarbeitslose zur Rentensicherung.

    UND SIE HABEN IM BUNDESTAG DER KÜRZUNG DIESER ZAHLUNGEN VOR 1 JAHR ZUGESTIMMT.

    Sie sind vollkommen unglaubwürdig.
    Nicht nur Rüttgers!

    mfg

    Beate Richter

    • Fokko
    • 13.01.2010 um 13:12 Uhr

    Hartz IV ist im Grunde gar nicht so schlecht. Auf jeden Fall jedoch müssen die Sätze deutlich erhöht werden, die unsägliche Gängelung der Antragsteller und Bezieher aufhören und die datenschutzrechtlich bedenklichen Teile des Verfahrens verschwinden.

    Fokko vom Fantasy-Blog/Selbstversorger-Blog
    -------------------------------------------
    http://fokko.wordpress.com/
    http://selbstversorger-bl...

    • Chali
    • 13.01.2010 um 13:15 Uhr

    "In den Bereich des ideologischen Glaubens gehört allerdings auch die Annahme, es brauche niemals einen Anstoß, sanften Druck oder wirtschaftlichen Anreiz, um Menschen vor dem Abrutschen in die Dauerbedürftigkeit zu bewahren."

    Gegen einen "wirtschaftlichen Anreiz", meine ich. Ein Mindestlohn, der (nach Erstattung der fahrtkosten, Sozialabgaben usw.) deutlich mehr Netto vom HartzIV bietet und schon sieht das alles schon mal ganz anders aus.

    • Chali
    • 13.01.2010 um 13:22 Uhr

    "Hinzu kommt die Notwendigkeit, das Ganze auch dauerhaft finanzieren zu können – ohne bestehende Arbeitsplätze übermäßig mit Abgaben zu belasten."
    Soso - bestehende Arbeitsplätze also.

    Beamten, Freiberufler und sonstige Nicht-Einzahler zur Arbeitslosenversicherung zahlen nix. Nein, die Leute, die noch Arbeit haben, zahlen für die Leute, die schon keine Arbeit mehr haben - solange, bis auch sie keine Arbeit mehr haben.

    Ist es nicht grossartig?
    Ein Schwarzes Loch, das Arbeitsplätze frisst. Constructed by SPD.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Beamte und Freiberufler erhalten ja auch kein Arbeitslosengeld I, wenn sie arbeitslos werden - und nur dieses ist an die Hoehe des vorigen Verdienstes gekoppelt. Weshalb sollte sie in eine Versicherung einzahlen, die sie gar nicht nutzen koennen?
    fuehrt man hingegen eine Pflicht-Arbeitslosenversicherung auch fuer Beamte und Selbstaendige ein, dann wird auch die Gruppe derer groesser, die aus diesem Topf Leistungen beantragen koennen - das muss also nicht unbedingt ein finanzieller Vorteil fuer die Solidargemeinschaft sein.

    Beamte und Freiberufler erhalten ja auch kein Arbeitslosengeld I, wenn sie arbeitslos werden - und nur dieses ist an die Hoehe des vorigen Verdienstes gekoppelt. Weshalb sollte sie in eine Versicherung einzahlen, die sie gar nicht nutzen koennen?
    fuehrt man hingegen eine Pflicht-Arbeitslosenversicherung auch fuer Beamte und Selbstaendige ein, dann wird auch die Gruppe derer groesser, die aus diesem Topf Leistungen beantragen koennen - das muss also nicht unbedingt ein finanzieller Vorteil fuer die Solidargemeinschaft sein.

    • keox
    • 13.01.2010 um 13:46 Uhr

    Arbeitslose sind Verfügungsmasse. Ziel der Übung ist nach wie vor, das Lohnniveau dauerhaft zu senken, es lebe der Export.

    Ein florierender Binnenmarkt wäre zwar für die Bevölkerung wesentlich angenehmer, aber in der privatisierten Bankenrepublik D€-Land spielt die Bevölkerung jenseits ihrer Verwertbarkeit schon lange keine Rolle mehr.

  1. was dazu geführt hat, daß auf dem Papier die Beschäftigungszahlen geschönt wurden, gleichzeitig aber immer mehr dieser "Beschäftigten" von ihrer Vollzeit-Arbeit nicht mehr leben können, und trotzdem zum Staat betteln gehen müssen. Aber das wollten und wollen anscheinend alle der Verantwortlichen.
    So lange die "Sockelarbeitslosigkeit" NIE MEHR unter 3 Millionen sinken kann und wird, ist alles "fordern und fördern" zwecklos und nur mit einem UNGLAUBLICHEN Bürokratieaufwand verbunden. Das ist der zweite HAUPTZWECK von Hartz IV.

    • politz
    • 13.01.2010 um 13:59 Uhr

    Eine Totalreform zu fordern, würde ja auch viel zu radikal anmuten. So etwas von kann man den gemäßigten ZEIT-Redakteuren ja auch garnicht erwarten. Die Mitte zwischen den Positionen im Parteienspektrum ist ja immer richtig. In Wahrheit werden hier Lügen verbreitet, wie dass das "alte System" zu einem Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit geführt habe. Noch dreister geht es ja nicht. In Wahrheit haben sich einige Banken 1973/74 verabredet, eine Rezession herbeizuführen. In Wahrheit haben sie das 1980–1982 noch einmal getan. 1992/93 erneut. 2001–2003 aufs Neue. Das letzte Mal 2008/09.

    Aber so einfache Wahrheiten darf die ZEIT ja nicht verkünden.

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