Jeden Dienstag und Mittwoch um 15 Uhr begeben sich Minister der französischen Regierung in das Palais Bourbon, um sich anschreien zu lassen. "Fragen an die Regierung" heißt das Schauspiel, und wer da von den Bänken des steilen Amphitheaters herab fragt und schreit, sind Abgeordnete der Nationalversammlung. Die Minister haben noch nicht einmal ein Rednerpult. Die Szenerie spiegelt das Machtverhältnis zwischen Regierung und Parlament zwar verkehrt wider, dient aber dem Dampfablassen. In diesen Wochen bekommt vor allem ein Minister die volle Ladung ab: Eric Besson. Wenn er Rede und Antwort steht, heißt es "Verräter!", "Lüge!" oder auch "abschieben!".

Ihm ist nichts anzumerken. Der "Minister für Immigration, Integration, nationale Identität und solidarische Entwicklung" zeigt stets dasselbe ungerührte Gesicht. Allenthalben wird "der meistgehasste Mann Frankreichs", wie ihn das Wochenblatt Marianne nannte, attackiert, beschimpft, verächtlich gemacht, aber Besson bleibt stoisch.

Vielleicht geht es nur so. Einwanderung, nationales Selbstverständnis, das sind Themen wie Nitroglyzerin. Wenn man daran rührt, knallt’s. Frankreich ist verunsichert, Angst geht um. Vor ausländischer Konkurrenz, vor Zweitklassigkeit. Davor, dass alles Gewohnte zerfließt. Angst ist ein starkes Gefühl, das detonieren kann. Wer damit umgehen will, braucht einen starken Panzer.

Im Palast des Präsidenten wartete eine hammerharte Aufgabe

Den brachte Besson ins Amt mit. Niemand dringt hindurch. Was war nicht schon über das Innenleben des Mannes mit den blassblauen Augen und der meist gleichfarbigen Krawatte zu lesen. Getrieben sei er oder vielmehr amtsmüde. Beobachten lässt sich das alles nicht, nur aus trüber Quelle fischen, der buchgewordenen Rache seiner ehemaligen Ehefrau. Die Treulosigkeit in Person sei er, ein Egomane, wie sie wenig überraschend schreibt, Beispiele aus dem Familienleben eingeschlossen. Bessons Reaktion? Keine.

Hinter der ölgötzenhaften Miene steckt große Beweglichkeit. Im Januar 2007 griff Besson die Einwanderungspolitik des damaligen Innenministers an, die aus spektakulären Verhaftungen und Abschiebungen bestünde, aber kein Problem löse. Der Minister hieß Nicolas Sarkozy. Besson war zu jener Zeit wirtschaftspolitischer Sprecher der Sozialistischen Partei (PS) und Berater ihrer Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal. Mit ihr überwarf er sich, wechselte vor dem zweiten Wahldurchgang zu Sarkozy und erhielt dafür ein Amt als Staatssekretär für die Reform des öffentlichen Dienstes. Netter Job. Nichts Besonderes.

Als aber Besson im Dezember 2008 zum Weihnachtsurlaub nach Hawaii aufbrechen will, wird er ins Schloss zitiert. Man habe eine hammerharte Aufgabe für ihn, nämlich das Einwanderungsministerium. Besson, der gern Metaphern aus der Welt des Testosterons benutzt, dürfte sich auch in diesem Moment keine Schwäche geleistet haben. Die Familie jedenfalls, so wird seine Exfrau später schreiben, stellt er vor vollendete Tatsachen. Dann geht alles sehr schnell. Auf der Rückreise aus dem Urlaub wird die Scheidung vereinbart, Tags darauf leitet ein ausgeruht wirkender Besson die Konferenz namens Neue Welt, neuer Kapitalismus, die Sarkozy zu einer Art Minigipfel umgewidmet hat, mit dem er den Kapitalismus rettet. Außer Angela Merkel fällt an jenem Tag noch eine andere Dame auf, sehr jung, sehr hübsch, sehr an der Seite Bessons: die Neue des 52-Jährigen.

Sie steht unter seinem Schutz. Der Minister, der sich einst vom Promiblatt Gala inmitten seiner Familie hatte ablichten lassen, geht gegen Voici gerichtlich vor, weil die Societyschreiber über die 23-jährige Tunesierin mehr in Erfahrung gebracht hatten als ihren Namen ("Yasmine"). Zum ersten Mal zeigt sich der Mann aus Beton empfindlich. Zumal, nachdem ihn der Fernsehkomiker Stéphane Guillon verspottet: Der erinnert an Bessons Ankündigung, gegen "graue Ehen" vorzugehen, also jene, in denen illegal Eingewanderte ihren Ehepartnern Liebe vortäuschen, um Franzosen zu werden, und warnt den Minister "in aller Freundschaft", er solle sich mal lieber selber davor in Acht nehmen. Um ein Haar hätte Besson die Dummheit begangen, den Fernsehliebling vor Gericht zerren zu lassen. Stattdessen hält er sich an Jean-Christophe Cambadélis, einen wenig Sympathie erzeugenden Granden der PS, der Besson schwachsinnigerweise mit Pierre Laval verglichen hatte, dem ehemaligen Sozialisten und späteren Kollaborateur, erschossen am 15. Oktober 1945. 

Das war nicht die erste Anspielung auf das Vichy-Regime. Humanitäre Organisationen werfen dem Minister vor, den "Solidaritätsparagraphen" zu verteidigen, wie sie eine Strafvorschrift nennen, die Hilfe für illegal Einreisende mit Gefängnis bedroht. Philippe Lioret, Regisseur eines Films namens Welcome, in dem das Elend der Migranten in Frankreich gezeigt wird, erinnerte in einem Interview an die Pétain-Zeit, in der das Verstecken von Juden strafbar war: Besson empörte sich.