Integration in Frankreich Minister fürs FranzösischseinSeite 2/2
Welcome spielt in Calais, jener Hafenstadt, in deren Weichbild Flüchtlinge aus Krisen- und Kriegsregionen hausen, die nach Großbritannien wollen. Ihre armseligen Unterkünfte, gezimmert aus Holzpaletten, Polizeibarrieren und Decken, befanden sich bis vor einigen Monaten überwiegend im weitläufigen Ufergestrüpp der Hafenzone. Das war der »Dschungel von Calais«, den abzuschaffen Eric Besson im vergangenen Herbst versprochen hatte. Er hielt Wort, und wie! Am Vorabend des 22. Septembers informierte das Ministerium die Medien, tagsüber räumte die kasernierte Polizei CRS den Dschungel und nahm Hunderte Flüchtlinge fest. Der Minister, dem Hubschrauber entstiegen, begrüßte die Journalisten mit »Beinahe hätte ich ›welcome‹ gesagt« – den Witz wird er sich lange überlegt haben. Die Räumung des Dschungels war jedenfalls ein Medienerfolg. Seither gibt es in Calais auch nicht mehr so viele Migranten. Sie haben sich entlang der Küste verteilt. »Das war nur symbolisch, wie unter Sarkozy, der hier auch schon einmal ein Lager auflöste«, kommentierte ein hoher CRS-Offizier hinter vorgehaltener Hand.
Besson, der die einst von ihm kritisierte Politik fortsetzte, hatte sich ein Extralob des Präsidenten verdient. Doch ihm wird bewusst gewesen sein, dass Immigration ein böses Thema ist; die Nation hingegen, die ist ein gutes. Und also ward ein Jahr später die »Debatte über die nationale Identität« geboren, geleitet vom zuständigen Minister, organisiert von den Präfekten aller Departements. Sie läuft schlecht. Zu den Veranstaltungen finden sich nur wenige ein, allzu oft Anhänger der Rechtsaußenpartei Front National, und es wird allerhand Unrat nach oben gespült. Das ließ auch das Regierungslager unruhig werden, bis dass Sarkozy seinem Besson im vergangenen Dezember öffentlich zu Hilfe eilen musste. Er tut so etwas nicht gerne.
Vielleicht ist da gar kein Rätsel – sondern einfach nur nichts
Ungehalten war der Chef sodann darüber, dass die Fortsetzungskonferenz über den »neuen Kapitalismus«, abgehalten Anfang Januar, ebenfalls floppte. Besson, der keine Hausmacht hat, kein Netz und kein Lager, noch nicht einmal einen Platz im intellektuellen Diskussionszusammenhang Frankreichs, kann sich Misserfolge eigentlich nicht leisten. Aber zurzeit will nichts recht gelingen. Sein vor wenigen Tagen erschienenes Buch Für die Nation, nur lau aufgenommen, ist eine unoriginelle Eloge an den Begriff der Nation. Wieder diese rätselhafte Profillosigkeit!
Aber wenn da vielleicht gar kein Rätsel, sondern einfach nur nichts ist?
Frankreichs Geschichte weist viele Politiker auf, die als Verräter verschrien waren, weil sie die Lager wechselten. Der emblematische Fall war Talleyrand, Diplomat zur Zeit der Französischen Revolution, Napoleons und der Restauration. Er verriet mehrmals seine Verbündeten und hielt zu seinen politischen Vorstellungen. Über Besson wissen wir nur das Erstere.
Die Regierung beherbergt mehrere ehemalige Sozialisten, etwa den Außenminister Bernard Kouchner. Sie alle suchen Gelegenheiten zu zeigen, dass sie anders sind, Besson hingegen gibt sich sarkozistischer als Sarkozy. Alte Freundschaften pflegt man dadurch nicht. Dass ihn der Chef beinahe jeden Mittwoch lobt, wenn die Minister mitsamt Premier beim Präsidenten zum Rapport im Élysée antreten, verschafft dem Musterschüler auch keine neuen Freunde.
Nichts ist ersichtlich, das ihn stabilisiert, weder etwas Äußeres noch etwas Inneres. Mangels eines Rückzugsraums bleibt lediglich der Angriff. Nur der Moment zählt. Und die Unterstützung des Präsidenten. Über die kommende Regierungsumbildung wird nach den Regionalwahlen im März entschieden. Falls die gegenwärtige Schwäche der Sarkozysten durch diejenige der Sozialisten ausbalanciert wird, mag es bei einer kleinen Umbildung bleiben, sodass die Strategie nicht geändert werden muss: weitermachen mit dem Premierminister François Fillon, der dann erst ein gutes Jahr vor der Präsidentenwahl 2012 gegen jemanden Frisches ausgetauscht wird, mit dem Sarkozy in die Kampagne zieht.
Bessons Name ist bereits gefallen. Aber der Exgenosse, von Sarkozy als Nummer zwei seines Parteienbündnisses UMP eingesetzt, findet keinen Anschluss. Die Konservativen schätzen vielleicht den Verrat, nicht aber den Verräter.
- Datum 15.01.2010 - 19:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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"Debatte über die nationale Identität" Ich glaube ich verlese mich da. Merkt Besson noch was? Ich glaube, die Franzosen sind das letzte Volk auf der Welt, dass eine Debatte über nationale Identiät führen muss. Wenn du als Tourist nach Frankreich kommst, ihre Filme siehst, ihre Bücher liest, ihre Musik hörst, dann kriegst du von so viel nationaler Identität Kopfschmerzen. Davon können andere Staaten nur träumen. Eingimaßen Vergleichbar ist ihre nat. Identität nur mit der der nat. Identität der USA.
@1 ich muss leider zustimmen.
Was weiß ich schon von Frankreich. Dann die Überschrift des Artikels. Ich denke, interessante, ein Ministerium fürs Französisch sein, was das wohl ist, was der wohl macht?
Und dann?
Ich erfahre seine Geliebte heißt Yasmine - oh, wie "interessant" lol - usw.
Und leider auch noch viel zu Vorrausetzungsvoll für mich armen Dödel, der ich leider nicht weiß, wer von den Franzosen alles mit wem in den Weihnachtsurlaub geflogen ist... (ich hab ja da nichteinmal bei den Deutschen den Überblick *g*)
ICH WILL POLITIK!
KEINE SCHMUDDELGESCHICHTEN!!!!
Gruß
GENAUU :D
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