In Deutschland ist Biogas ein Geschäft
In Deutschland wurden 2009 rund 660 Millionen Euro in den Bau von Biogasanlagen investiert. Es gibt Unternehmen, die darauf spezialisiert sind, Investoren, die schon an der Uni die Sprösslinge von Landwirten für ihre Idee gewinnen, und Messen, auf denen Biogasanlagen als sichere Investition angepriesen werden.
Der gelernte Kfz-Mechaniker Christian Voltermann war auf vielen Messen, um sich dann in das Projekt zu stürzen. Seither muss er eigentlich nur Rückschläge verkraften. »Ich habe erst während des Verfahrens gehört, dass es hier bedrohte Tierarten geben soll«, sagt Voltermann. »Ich glaube nicht, dass Herr Voltermann noch überblickt, was ihm die Investoren eingeredet haben«, sagt Birgit Potthoff, eine der beiden Gründerinnen der Bürgerinitiative gegen die Biogasanlage in Haaren. Deren Mitglieder haben den Ort mit Plakaten zugekleistert, auf denen eine Fledermaus, ein Storch, ein Frosch und ein Salamander zu sehen sind: »Lasst uns unseren Lebensraum!«, steht drauf.
Tatsächlich liegt das Land der Voltermanns inmitten eines Landschaftsschutzgebiets, nah an der Nettequelle und an renaturierten Auen. Doch Voltermann betont, dass seine Anlage die Gegend nicht gefährde. Die Anlagengegner verweisen noch auf einen anderen Punkt, der typisch sei für die Kommerzialisierung von Biogas: Der Umweltschutz sei längst in den Hintergrund getreten. Die Voltermanns haben nur knapp zwei Dutzend Milchkühe und 20 Hektar Land, auf dem sie Mais für die große Biogasanlage anbauen könnten. Gülle und vor allem Mais müssten in großen Mengen zugeliefert werden.
Voltermann schätzt vorsichtig, dass jeden Tag drei Traktoren liefern müssten, zwei davon Mais und einer Gülle. Die Bürgerinitiative rechnet mit mehr Verkehr. »Abgesehen davon, dass der ökologische Sinn solcher Lieferungen anzuzweifeln ist, wird es auf den engen Landstraßen gefährlich, insbesondere für Schulkinder«, sagt Birgit Potthoff. Haarens asphaltierte Feldwege sind eng, es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten. »Einen schlechteren Standort für eine Biogasanlage hätte man nicht finden können.« Potthoff will weiter gegen »dieses unsinnige Vorhaben« kämpfen.
Den Naturschutzbund Deutschland (Nabu) habe man erst nach anfänglichem Zögern ins Boot holen können, auch wenn der Nabu prinzipiell für Biogas ist, wie es in einer Mitgliederzeitschrift heißt. Nur müsse die Gesamtbilanz stimmen, und die stimme nun mal nicht im Fall Voltermann. Der Nabu hat inzwischen gemeinsam mit zwei Anwohnern Klage gegen die Genehmigung zur Errichtung und zum Betrieb der Biogasanlage eingereicht. Deshalb wird Voltermann vorerst nicht mit dem Bau der Anlage beginnen, obwohl er das laut Verwaltungsgericht dürfte. »Das Risiko ist zu groß, dass am Ende irgendeine Genehmigung fehlt und wir alles abreißen müssen«, sagt er.
In Samoa würde ein Projekt wohl nicht wegen Laubfröschen scheitern
Mefi Tupou benötigt keine Genehmigungen. Von der Idee bis zum Baubeginn vergingen nur wenige Monate. Mefi Tupou würde die Welt nicht mehr verstehen, wenn sein Projekt wegen irgendwelcher Laubfrösche gescheitert wäre. Er würde aber auch die Welt nicht mehr verstehen, wenn er für den Betrieb seiner Anlage Unmengen Mais zukaufen oder anpflanzen müsste.
Während Biogas nun im Entwicklungsland Samoa einen positiven, wenn auch minimalen Beitrag zum Umweltschutz leisten wird, ist es hierzulande zu einer Geschäftsidee geworden, mit der Investoren und krisengeplagte Landwirte Geld machen wollen. Der Umweltschutz gerät dabei oftmals ins Hintertreffen.
In Samoa interessieren sich das Umweltministerium und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen für die Biogasanlage von Mefi Tupou. In Deutschland werden sich Gerichte und Behörden wohl noch über Monate – wenn nicht gar Jahre – mit Christian Voltermanns Traum von einer neuen Zukunft durch Biogas beschäftigen.
Mefi Tupou könnte schon bald eine Ikone des samoanischen Umweltschutzes sein – wenn sein Projekt Schule macht. Christian Voltermann hat im schlimmsten Fall den Hof seiner Eltern aufs Spiel gesetzt. Sie haben bereits viel Geld investiert, und sie wollen weiter investieren, notfalls in noch mehr Gutachten. Voltermann hat vor drei Jahren sein Studium für das Biogasprojekt unterbrochen und jobbt derzeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Irgendwie muss es ja weitergehen.
- Datum 17.01.2010 - 15:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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nun auch mal das leidige Thema Geld eine wichtige Rolle spielt, scheinen die Meisten vergessen zu haben.
Eines aber zeigt der Artikel auch mal wieder überdeutlich: Wie in D (und anderswo in Europa) innovative Ideen im Gestrüpp aus Vorschriften und Gesetzen, dem Einfluss der jeweiligen Lobby sowie der Bedenken überängstlicher Uninformierter abgewürgt werden. Der Rest der Welt zeigt uns inzwischen, wie man Nägel mit Köpfen macht.
Mal im Ernst. Was wäre einem denn lieber: ein ausgelaufener stinkender Gülletank oder ein explodiertes Kernkraftwerk? Naja, wenn das Kernkraftwerk gleich um die eigene Hausecke liegt, hat man da natürlich nicht mehr viel zu leiden.. indofern vielleicht doch keine so leichte Wahl?!
Das Betreiben von Biogasanlagen ist grundsätzlich zu begrüßen und müsste stärker gefördert werden - aus energiepolitischen- wie aus Umweltschutzgründen. Getreide zur Energieerzeugung anzubauen ist allerdings problematsich, vor allem wenn es sich um Dünger- und Pestizidintensive Monkulturen handelt. Das dürfte doch jedem einleuchten.
Ganz anders sieht es mit Gülle aus. Ich wohne in einem Dorf in Bayern mit einigen Milchwirtschaftsbetrieben, die sich teilweise genossenschaftlich organisiert haben. Was passiert hier mit der Gülle? Sie wir auf dem umliegenden Grünland entsorgt, und zwar immer dann, wenn die Sammelbecken voll sind. Das kann dann schon mal im zeitigen Frühjahr sein und die braune Soße wird auf dem Schnee verspritzt - mit Düngen hat das natürlich nichts zu tun, da noch kein Grashalm angefangen hat zu wachsen.
Abgesehen von dem Gestank (den ich gar nicht mal so schlimm finden würde) ist es diese unglaubliche Verschwendung von zur Energieerzeugung hervorragend geeigneter Gülle (die noch dazu das Grundwasser verschmutzt) was mich erzürnt. Gleich daneben ist übrigens ein sogenanntes Naturschutzgebiet, in Bayern hat das aber wohl eher nichts zu bedeuten.
Kurzum: Biogasanlagen sind nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch sinnvoll. Nur wenn Getreide zur Energieerzeugung angebaut werden muss, dann sollte das Konzept schon sehr genau geprüft werden. In Samoa ist das ja nicht der Fall, ist also nicht wirklich vergleichbar mit Herrn Voltermanns Vorhaben
... kann man so ohne weiteres sagen.
Schließlich werden mittlerweile einige Schweinemastbetriebe gebaut, deren primäre Funktion die Gülleproduktion zur Biogasgewinnung ist... und die Schweinemast gewissermaßen ein Nebenprodukt. Was klar ist, da die Biogasproduktion und Verstromung mit KWK höhere und sicherere Einkünfte bedeutet.
Trotzdem halte ich die Biogasproduktion das für den grundsätzlich richigen Weg, selbst wenn dafür die Produktion von Nahrungsmittel oder Futtermittel gedrosselt wird.
Nur sollte man sich hüten die äußerst komplexen Zusammenhänge auf ein einfache "Biogas vs. Nahrung" zu reduzieren. Das funktioniert nämlich nicht, weil viel zu viele Faktoren reinspielen (z.B. Agrarsubventionen, Agrarexporte, Weltmarkt für Nahrungsmittel/Futtermittel/Öl, Agrarimporte, Agrarwirtschaft in der 3. Welt, usw.), als dass eine so einfache Antwort möglich wäre.
... kann man so ohne weiteres sagen.
Schließlich werden mittlerweile einige Schweinemastbetriebe gebaut, deren primäre Funktion die Gülleproduktion zur Biogasgewinnung ist... und die Schweinemast gewissermaßen ein Nebenprodukt. Was klar ist, da die Biogasproduktion und Verstromung mit KWK höhere und sicherere Einkünfte bedeutet.
Trotzdem halte ich die Biogasproduktion das für den grundsätzlich richigen Weg, selbst wenn dafür die Produktion von Nahrungsmittel oder Futtermittel gedrosselt wird.
Nur sollte man sich hüten die äußerst komplexen Zusammenhänge auf ein einfache "Biogas vs. Nahrung" zu reduzieren. Das funktioniert nämlich nicht, weil viel zu viele Faktoren reinspielen (z.B. Agrarsubventionen, Agrarexporte, Weltmarkt für Nahrungsmittel/Futtermittel/Öl, Agrarimporte, Agrarwirtschaft in der 3. Welt, usw.), als dass eine so einfache Antwort möglich wäre.
... kann man so ohne weiteres sagen.
Schließlich werden mittlerweile einige Schweinemastbetriebe gebaut, deren primäre Funktion die Gülleproduktion zur Biogasgewinnung ist... und die Schweinemast gewissermaßen ein Nebenprodukt. Was klar ist, da die Biogasproduktion und Verstromung mit KWK höhere und sicherere Einkünfte bedeutet.
Trotzdem halte ich die Biogasproduktion das für den grundsätzlich richigen Weg, selbst wenn dafür die Produktion von Nahrungsmittel oder Futtermittel gedrosselt wird.
Nur sollte man sich hüten die äußerst komplexen Zusammenhänge auf ein einfache "Biogas vs. Nahrung" zu reduzieren. Das funktioniert nämlich nicht, weil viel zu viele Faktoren reinspielen (z.B. Agrarsubventionen, Agrarexporte, Weltmarkt für Nahrungsmittel/Futtermittel/Öl, Agrarimporte, Agrarwirtschaft in der 3. Welt, usw.), als dass eine so einfache Antwort möglich wäre.
Wer dieser Meinung ist sollte sich diese Seite ansehn:
http://www.getreideheizun...
Wer meint Nahrung wäre zu schade um damit zu heizen muß im Gegenzug auch bereit sein dem Landwirt mehr für seinen Weizen zu zahlen.
Schöne Geschichte. Offenbar läuft hier vieles noch nach der try-and-error-Methode, dem wohl schmerzhaftesten Methode, dazuzulernen.
Immerhin gibt es inzwischen Überlegungen wie sich solche Konflikte vermeiden lassen, so kam gerade eine Studie mit Handlungsempfehlungen heraus:
http://www.bbsr.bund.de/c...
Für Voltermann kommt diese allerdings leider zu spät.
Wenn mich mal ein ausländischer Kollege fragen sollte, zeige ich ihm diesen Artikel.
In anderen Ländern wird's einfach gemacht, in Deutschland wird jedes zartes Innovationspflänzchen in Tonnen von Bürokratie erstickt.
Und nebenbei wird auch gleich die Scheinheiligkeit von uns gezeigt: Bio gerne, umweltfreundliche Energie ist super. Aber die bösen Windräder bitte ganz weit weg von mir. Aber auch nicht im Meer, es _könnte_ sich ein Fisch gestört fühlen. Oder irgendeine Kröte... Biogas geht ja mal gar nicht. Und kann nichtmal einer an die Kinder denken?
Es ist gerade mal 100 Jahre her, da war Deutschland das führende High-Tech Land schlechthin. Heute muss man für jeden Furz erstmal zig Gutachten erstellen, damit sich auch bloß keiner gestört fühlt.
Der NABU hat weniger Durchblick, als sein Ruf vermuten läßt. Jeder Liter Gülle, der nicht auf dem Feld (respektive im Graben) landet, nützt der Umwelt! Das Zeug vergiftet Bäche und Flüsse - die kippen dann im Sommer gerne mal um. (Die in Gülle enthaltene Energie ist dann auch für die Katz.)
Ist jetzt der Fisch oder der Salamander wichtiger? Und wo oder was fressen Frösche und Störche eigentlich?
Mit Google Earth kann man leicht sehen, dass das Argument "zu schmale Straßen" dahergeholt ist: es gibt in der Mitte des Ortes eine normal breite Landstraße. Die kleinen Straßen zu den Höfen (egal welcher es auch ist) sind nicht länger als zwei Kilometer zu befahren.
Sind die umweltbewußten Gegner der Verwertung schon Vegetarier, um die Gülle im Ursprung zu verhindern? Wenn sie das nicht wollen: Die Ökobilanz wird trotz längeren Transportes über die Straße noch stimmen, denn GÜLLE DARF NICHT UNVERGOREN AUF DIE FELDER DIESER ERDE - das ist eine der größten und schädlichsten Nebenwirkungen der (an sich schon unguten) Massentierhaltung.
Biogasanlagen stinken nicht, sondern sie verwandeln ja gerade den Gestank in nutzbare Energie (sic!). Aber das zeigt auch nur wieder, mit wie viel technischem Unverstand und Vorurteilen man es zu tun hat.
Es sieht alles nach folgender Attitüde bei den Gegnern aus: Wir sind extra hier aufs Land gezogen und nun wollen wir auch nicht mehr mit industriell-technischer Realität konfrontiert werden. Gute Nacht Realität...
Wenn drei Trecker mit Gespann mehr pro Tag auf der Dorfstraße die Sicherheit der Kinder gefährdet, dann sollten sich die werten Damen mal lieber damit beschäftigen ihren Kindern etwas zum Thema Verkehrserziehung beizubringen.
Ich lebe in einer Gemeinde mit 5 Biogasanlagen, rund herum Naturschutzgebiet, niemand beschwert sich darüber. Wobei es in der Tat oft so ist, dass vor allem Zugezogene(allen voran ehemalige Städter) sich durch Projekte wie Biogasanlagen, Windkraft oder auch Firmenansiedlungen gestört fühlen, und Protest laufen. Sie denken wahrscheinlich jetzt wo sie auf dem Land leben, haben sie ein recht auf Ruhe.
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