Berufsaussichten »Die bewegten Zeiten sind noch nicht vorbei«
Worauf es 2010 im Beruf ankommt. Ein Gespräch mit der Personalberaterin Maren Lehky
© Ou Yige/AFP/Getty Images

Ausblick: Eine Frau schaut aus dem Fenster ihres Büros
DIE ZEIT: Was war bei Ihren Klienten das vorherrschende Thema im Krisenjahr 2009?
Maren Lehky: Neben der Sorge um die Zukunft war es die Verdichtung der Arbeit für den einzelnen Mitarbeiter: Wer Arbeit hat, hat meist zu viel davon, weil die ausgedünnte Belegschaft das Gleiche leisten soll wie vor der Rationalisierung. Das geht so weit, dass manche ausstempeln und trotzdem weiterarbeiten, dass Blackberrys rund um die Uhr auf Empfang sind und E-Mails schon beim Frühstück beantwortet werden. Die Folge sind vermehrte Burn-outs und Depressionen auf allen Hierarchieebenen und verstärkt bei Leistungsträgern. Und deshalb setzt sich langsam das Bewusstsein durch, dass es so nicht weitergeht.
ZEIT: Wer muss derzeit am meisten um seinen Arbeitsplatz fürchten?
Lehky: Die Unternehmer schauen stärker als früher auf die Leistung. Und auf Loyalität: Wer steht zu uns, wer kämpft für uns, wer hängt sich richtig rein? Auf die verbliebenen Mitarbeiter will und muss man sich hundertprozentig verlassen können. Als man noch mehr Planstellen hatte, konnte man es sich leisten, den einen oder anderen mit durchzuziehen, das geht heute nicht mehr. War es früher Chefsache, diejenigen aufzuspüren, die ihr Soll nicht erfüllten, kümmert sich heute auch das Team darum, denn die Kollegen haben keine Lust mehr, für jemanden mitzuarbeiten, der sich nicht engagiert. Es wird mehr auf Gerechtigkeit geachtet.
ZEIT: Also lieber bis an die Grenze des Burn-outs schuften, damit die nächste Kündigungswelle an einem vorübergeht?
Lehky: Um Gottes willen, nein, das gilt es unbedingt zu vermeiden! Realismus, Bescheidenheit und so viel arbeiten, wie es sinnvoll ist: Das kommt im Moment gut an. Sich einen Tick mehr engagieren als sonst. Und lieber nicht nach einer Gehaltserhöhung fragen, wenn im Betrieb sparen angesagt ist. Auch nicht maulen, wenn die Beförderung ausgesetzt ist, sich lieber ganz pragmatisch sagen: »Okay, dann bleibe ich eben zwei Jahre länger auf dieser Position, auch wenn meine Karriereplanung eine andere war.«
ZEIT: Heißt das, ich muss alles wegstecken, darf nicht aufmucken?
Lehky: Nein, man darf sich nicht zum Opfer machen und auf keinen Fall vor lauter Bescheidenheit die Selbstvermarktung einschlafen lassen. Bescheiden sein im Sinne von sich angemessen verhalten. Einen super Job machen und darüber reden, damit andere das auch so sehen. Kritik in konstruktiver Form äußern, Grenzen sinnvoll setzen. Wer alles mit sich machen lässt, verliert schnell den Respekt der Vorgesetzten und ist dann vielleicht doch schneller auf der kritischen Liste weit oben. Alles wegstecken hieße auch Resignation, Kraftlosigkeit, Selbstverleugnung – alles drei keine Eigenschaften, mit denen man im Beruf erfolgreich und zufrieden ist. Und selbst immer »ehrlich, fleißig, pünktlich« zu sein schützt nicht mehr davor, seinen Job zu verlieren. Das müssen wir wahrscheinlich als einen möglichen Biografiebaustein akzeptieren lernen. Obwohl es paradox klingt: Es ist auch beruhigend zu wissen, dass ich eine Kündigung letztlich nicht wirklich vermeiden kann. Die Schuldfrage stellt sich bei betriebsbedingten Gründen oft überhaupt nicht.
ZEIT: Wenn meine Position aber sicher ist, ist dann jetzt nicht vielleicht ein guter Zeitpunkt für eine Gehaltserhöhung? Schließlich sind Leistungsträger derzeit wichtiger denn je…
Lehky: Wenn gerade gespart wird und Stellen gestrichen werden, fände ich es stillos, zum Chef zu gehen und zu sagen: Ich weiß, dass du mich jetzt mehr brauchst denn je – wenn du mich halten willst, gib mir mehr Geld! Da würde ich mich als Chef erpresst fühlen – und ich wäre entsetzt, dass mein Mitarbeiter versucht, meine Lage so auszunutzen. Das rächt sich irgendwann. Um ein gutes Gehalt zu erzielen, gibt es zwei geeignete Zeitpunkte: die Einstellung und eine Beförderung. Aus einem laufenden Job heraus mehr als drei bis fünf Prozent Lohnerhöhung zu bekommen ist ungleich schwieriger. Chefs und Unternehmen sollten aber schon aus Eigeninteresse darauf achten, dass ihre Leistungsträger sich nicht unterbezahlt fühlen.
- Datum 15.01.2010 - 07:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Schon richtig gedacht, sich taktisch verhalten. Das war schon immer so, bloß heute sind die Spielregeln anders geworden. Wer seine Taktik anpassen kann, ist im Vorteil. Jedoch bedenke lieber Angestellte auch Firmen haben ihre Taktik und genauso die Chefs auf welcher Ebene auch immer. Jeder ist letztlich eine Schachfigur. Da gilt es immer sich auf eine gute Position zu setzen.
Tatsache ist Depressionen und Burnouts nehmen zu. Und es wird noch schlimmer kommen, wenn man dem Artikel in der Zeit Glauben schenkt. http://blog.zeit.de/herde... Spätestens dann kommt die Welle, die viele Loyalitäten und Taktiken auf die Probe stellt. Die mit Arbeit werden immer mehr tun müssen, um die ohne Arbeit zu ernähren und deren Arbeit auch noch zu tun. Es wird interessant, wie lange das funktionieren wird. Sich ein Lebenskonzept für derartige Belastung und Krisen zu erarbeiten wird immer wichtiger. http://www.coachingblogge...
Noch ein bisschen mehr Selbstversklavung und Selbstprostitution. Dann kann man auch den miesen Job behalten in der miesen Firma, die nutzlose Produkte herstellt und überflüssige Dienstleitungen anbietet. Mit der Kohle kann man sich dann nutzlosen Plunder kaufen und an zubetonierten Stränden Pauschalurlaub machen.
Aber das natürlich nur, wenn es gut läuft.
Wenn es schlecht läuft, Kündigung oder man geht wegen Überarbeitung vor die Hunde.
Ich warte auf den Tag, an dem die Arbeitsbedingungen so mies werden, dass Arbeitslosigkeit keine Drohung mehr ist sondern die Aussicht auf Erlösung.
Ist doch alles kein Problem. Man muss nicht in einer Firma arbeiten, die einen vermeintlich ausbeutet.
Kündige einfach und verwirkliche dich selbst, lebe von Landwirtschaft, es reichen doch ein paar Nahrungsmittel aus.
Dann bist du frei.
Das ist das schöne an einem freien Land, mich zwingt niemand zum bleiben, ich kann problemlos gehen und was anderes machen.
Sind wir denn nicht schon dort angelangt, dass Arbeitslosigkeit mittlerweile eine Erlösung darstellt? Zugegeben, ich bin heute nicht arbeitslos, sondern selbständig, aber meine Eigenkündigung vor über einem Jahr (wiss. Referent an einer IHK) war die Erlösung meines Lebens schlechthin. Die folgenden sechs Monate - vor dem Einstieg in die Selbständigkeit - habe ich in vollen Zügen genossen und eine Freiheit gefühlt, die ich mir im Erwerbsleben gar nicht mehr vorstellen konnte. Und die Freiheit genieße ich übrigens heute immer noch.
Grundlegend: das Gros der Menschen arbeitet ja nur, um zu überleben bzw. das existenznotwendige Substrat zu erwirtschaften. Wer sich genügend Rücklagen angespart hat (sehr schwierig) oder im Lotto gewinnt (sehr unwahrscheinlich), handelt einzig dann rational, wenn er dem Job sofort den Rücken kehrt. Das Leben heute ist für einen intelligenten Menschen derart reichhaltig und mannigfaltig, dass es eines externen Jobs ("Du mußt arbeiten, damit Dein Leben einen Sinn bekommt") nicht mehr bedarf. Es gibt alternative Lebensentwürfe, Vollzeit-Hobbies und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, die durch einen Job nicht nur nicht unterstützt, sondern zurückgedrängt werden. Abstrahiert von der Notwendigkeit der Einkommenserwirtschaftung: wer die notwendigen geistigen Fähigkeiten und die Selbstdisziplin zur Eigengestaltung des Lebens hat, für den ist Arbeitslosigkeit immer eine Erlösung und kann niemals Bestrafung sein.
Ohne es vermutlich zu wollen liefert das Interview Einblicke in eines der latenten Grundübel der heutigen Zeit: das goldene Kalb "Karriere" in der Angestellten- u. Sozialversicherungsgesellschaft Deutschland.
In ihr dominieren Menschen, die irgendwas werden wollen - Betonung auf irgendwas - und dabei ihr ganzes Streben auf lächerliche Titel wie Head of Sales EMEA u.ä., ausrichten. Das, was sie machen, und vor allen Dingen, wie sie es in einer normierten Arbeits-, meist Konzernwelt erbringen müssen, ist den meisten zunächst wumpe. Warum auch über Sinnfragen groß nachdenken, wenn man mit der "Ich will nach oben. Was ich da machen will, das weiß ich nicht."-Strategie sogar bis ins Bundeskanzleramt kommt.
Allerdings ist damit häufig auch die Keimzelle für spätere Stresskrankheiten wie Burn-Out, Depression geschaffen. Die Personalberater reiben sich die Hände, leben sie doch bestens von den Verrenkungen ihrer angestellten Klientel und deren Bedarf nach Placebos á la "Wie spreche ich meinen Chef (<= dieses Wort schon) auf eine Gehaltserhöhung an?" Dabei scheint den meisten die Widersprüchlichkeit und offensichtliche Banalität der Coaching-Angebote nicht einmal aufzufallen.
Wer sich all dies nicht antun möchte, der sollte die Freiheit der Selbständigkeit wählen - nicht zu verwechseln mit hedonistischer Selbstverwirklichung. Da stehen einem in diesem überbürokratisierten Land zwar manchmal auch vor Wut die Tränen in den Augen, aber man darf sich selbst treu(er) bleiben.
Merkt Ihrs? Durch das ganze System gehen Risse. Die Widersprüche treten so deutlich hervor, dass selbst so ein gewöhnliches Interview zum Thema "Strategien im Job" zu einer kaum noch erträglichen Aneinanderreihung von sinnentleerten Floskeln wird. Und das Beste: Die Leute (zumindest diejenigen, die sich hier bis jetzt gemeldet haben) begreifen, dass wir uns seit den 70er-80er Jahren, spätestens aber seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, im Wertenetz einer Ideologie verfangen haben, die vielleicht subtiler, komplexer und mitunter auch reizvoller daherkommt, die aber nicht weniger Opfer zurücklässt, als so manche systembildende Deutungsperspektive davor, welche aber ihrerseits klar identifizierbare Machtzentren aufwies. Vielleicht muss man sich als Minimal-Werktätiger, der gerne auch an Werktagen lesend auf dem Sofa sitzt, bald nicht mehr entgeistert anstarren lassen, wenn man seinen Mangel an beruflichen Ambitionen offenbart. Vielleicht muss ich aber auch in der liebgewonnenen Defensive verbleiben: Mittlerweile mehren sich auch in meinem Bekanntenkreis die Fälle nervlicher Zerrüttung und Depression - der Zusammenhang zwischen stressbedingten körperlichen und psychischen Leiden und dem alltäglichen Wahnsinn in der Dienstleistungsmaschine wird meist noch immer übersehen.
Wenn ich alle Ratschläge dieser Dame berücksichtige, fahre ich am besten, wenn ich zum angepassten Selbstvermarkter werde, der immer nur so viel arbeitet wie sinnvoll ist und sich dabei natürlich einen Tick mehr engagiert als andere, um zur Belohnung eine dreiprozentige Gehaltserhöhung zu bekommen. Nicht maulen, alles mit sich machen lassen, Arbeit abspulen, Gehirn abschalten. Welcome to the rat race.
Zunächst möchte ich mal meine grenzenlose Erleichterung und meine Freude über die kritischen Kommentare zum Ausdruck bringen. Offensichtlich ist die Leserschaft der Zeit mit erheblich größeren analytischen Fähigkeiten gesegnet, als so mancher Zeitredakteur, -journalist, -interviewer. Allerdings kann ich die Zuversicht und das Vertrauen einiger Kommentatoren, die die Selbstständigkeit als Ausweg aus dem 'rat race' interpretieren oder den Bürgern eine Einsicht in die Sinnleere und Widersprüchlichkeit der herrschenden Ideologie des NeoLiberalismus zusprechen. Dieses Interview dokumentiert m.E. eine Ignoranz gegenüber der Lebenswirklichkeit und eine sowohl nach hinten wie nach vorne gerichtete historisch-gesellschaftliche Kurzsichtigkeit, die symptomatisch ist für das höfliche Desinteresse an allen gesellschaftlichen Fragen, die nicht den eigenen Wohlstand, die eigene Gesundheit etc. betreffen und die, besonders wenn öffentlich dargestellt, den Schleier einer Ideologie zu verstärken hilft, in der Menschenwürde in Kaufkraftäquivalenten errechnet wird.
Kleines Beispiel für die Ignoranz der coaching Frau und der Unfähigkeit zur Kritik des Interviewers:
"Oft beklagen sich die kinderlosen Kolleginnen, dass sich die Mütter nur die Rosinen rauspicken. Obwohl sie sehr gut abends und am Wochenende arbeiten könnten, weil dann zum Beispiel der Vater auf die Kinder aufpassen kann."
Abends, wenn der Haushalt gemacht die Kinder versorgt und der Mann mit Bier zufrieden gestellt ist...
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