Ausblick: Eine Frau schaut aus dem Fenster ihres Büros © Ou Yige/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Was war bei Ihren Klienten das vorherrschende Thema im Krisenjahr 2009?

Maren Lehky: Neben der Sorge um die Zukunft war es die Verdichtung der Arbeit für den einzelnen Mitarbeiter: Wer Arbeit hat, hat meist zu viel davon, weil die ausgedünnte Belegschaft das Gleiche leisten soll wie vor der Rationalisierung. Das geht so weit, dass manche ausstempeln und trotzdem weiterarbeiten, dass Blackberrys rund um die Uhr auf Empfang sind und E-Mails schon beim Frühstück beantwortet werden. Die Folge sind vermehrte Burn-outs und Depressionen auf allen Hierarchieebenen und verstärkt bei Leistungsträgern. Und deshalb setzt sich langsam das Bewusstsein durch, dass es so nicht weitergeht.

ZEIT: Wer muss derzeit am meisten um seinen Arbeitsplatz fürchten?

Lehky: Die Unternehmer schauen stärker als früher auf die Leistung. Und auf Loyalität: Wer steht zu uns, wer kämpft für uns, wer hängt sich richtig rein? Auf die verbliebenen Mitarbeiter will und muss man sich hundertprozentig verlassen können. Als man noch mehr Planstellen hatte, konnte man es sich leisten, den einen oder anderen mit durchzuziehen, das geht heute nicht mehr. War es früher Chefsache, diejenigen aufzuspüren, die ihr Soll nicht erfüllten, kümmert sich heute auch das Team darum, denn die Kollegen haben keine Lust mehr, für jemanden mitzuarbeiten, der sich nicht engagiert. Es wird mehr auf Gerechtigkeit geachtet.

ZEIT: Also lieber bis an die Grenze des Burn-outs schuften, damit die nächste Kündigungswelle an einem vorübergeht?

Lehky: Um Gottes willen, nein, das gilt es unbedingt zu vermeiden! Realismus, Bescheidenheit und so viel arbeiten, wie es sinnvoll ist: Das kommt im Moment gut an. Sich einen Tick mehr engagieren als sonst. Und lieber nicht nach einer Gehaltserhöhung fragen, wenn im Betrieb sparen angesagt ist. Auch nicht maulen, wenn die Beförderung ausgesetzt ist, sich lieber ganz pragmatisch sagen: »Okay, dann bleibe ich eben zwei Jahre länger auf dieser Position, auch wenn meine Karriereplanung eine andere war.«

ZEIT: Heißt das, ich muss alles wegstecken, darf nicht aufmucken?

Lehky: Nein, man darf sich nicht zum Opfer machen und auf keinen Fall vor lauter Bescheidenheit die Selbstvermarktung einschlafen lassen. Bescheiden sein im Sinne von sich angemessen verhalten. Einen super Job machen und darüber reden, damit andere das auch so sehen. Kritik in konstruktiver Form äußern, Grenzen sinnvoll setzen. Wer alles mit sich machen lässt, verliert schnell den Respekt der Vorgesetzten und ist dann vielleicht doch schneller auf der kritischen Liste weit oben. Alles wegstecken hieße auch Resignation, Kraftlosigkeit, Selbstverleugnung – alles drei keine Eigenschaften, mit denen man im Beruf erfolgreich und zufrieden ist. Und selbst immer »ehrlich, fleißig, pünktlich« zu sein schützt nicht mehr davor, seinen Job zu verlieren. Das müssen wir wahrscheinlich als einen möglichen Biografiebaustein akzeptieren lernen. Obwohl es paradox klingt: Es ist auch beruhigend zu wissen, dass ich eine Kündigung letztlich nicht wirklich vermeiden kann. Die Schuldfrage stellt sich bei betriebsbedingten Gründen oft überhaupt nicht.

ZEIT: Wenn meine Position aber sicher ist, ist dann jetzt nicht vielleicht ein guter Zeitpunkt für eine Gehaltserhöhung? Schließlich sind Leistungsträger derzeit wichtiger denn je…

Lehky: Wenn gerade gespart wird und Stellen gestrichen werden, fände ich es stillos, zum Chef zu gehen und zu sagen: Ich weiß, dass du mich jetzt mehr brauchst denn je – wenn du mich halten willst, gib mir mehr Geld! Da würde ich mich als Chef erpresst fühlen – und ich wäre entsetzt, dass mein Mitarbeiter versucht, meine Lage so auszunutzen. Das rächt sich irgendwann. Um ein gutes Gehalt zu erzielen, gibt es zwei geeignete Zeitpunkte: die Einstellung und eine Beförderung. Aus einem laufenden Job heraus mehr als drei bis fünf Prozent Lohnerhöhung zu bekommen ist ungleich schwieriger. Chefs und Unternehmen sollten aber schon aus Eigeninteresse darauf achten, dass ihre Leistungsträger sich nicht unterbezahlt fühlen.