Berufsaussichten »Die bewegten Zeiten sind noch nicht vorbei«
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In der Krise enger zusammenrücken

ZEIT: Wo sehen Sie die Chance, die doch in jeder Krise stecken soll?

Lehky: Darin, dass man im Team enger zusammenrückt, wenn man kritische Phasen gemeinsam durchsteht, und dass Stärken und Reserven erkannt werden. Es geht direkter zu, im positiven wie im negativen Sinne. Auch als Führungskraft kann man eine Menge aus der Krise ziehen, indem man schaut: Was liegt hinter uns, was haben wir geschafft, da kriegen wir doch die letzte Kurve auch noch. Dafür darf ich natürlich nicht der Depressivste im Team sein. Ein Vorstand, der nur fürchtet, dass alles noch viel schlimmer kommt, das geht gar nicht!

ZEIT: Haben es Mütter durch die Krise schwerer, in den Beruf zurückzukehren?

Lehky: Manche Chefs sind ganz froh, wenn jemand in Teilzeit zurückkommt, weil sie keine volle Planstelle finanzieren müssen und sich das vorhandene Know-how sichern können. Was gar nicht gerne gesehen wird: wenn jemand überhaupt nicht flexibel ist, nur von neun bis zwölf Uhr arbeiten möchte. Und auch hier sind es nicht nur die Chefs, die irritiert sind: Oft beklagen sich die kinderlosen Kolleginnen, dass sich die Mütter nur die Rosinen rauspicken. Obwohl sie sehr gut abends und am Wochenende arbeiten könnten, weil dann zum Beispiel der Vater auf die Kinder aufpassen kann. Auf der anderen Seite gibt es Mütter, die ihr Wiedereinstiegsrecht, für das die Frauenrechtlerinnen jahrzehntelang gekämpft haben, verkaufen: Was bietet die Firma, damit ich nicht zurückkomme? Das finde ich sehr befremdlich. Man muss als rückkehrende Mutter zurzeit sicher noch besser im Sinne des Arbeitgebers argumentieren, was er davon hat, wenn ich ihm meine Kompetenz und Flexibilität anbiete.

ZEIT: Sich nach einem neuen Job umzusehen ist wahrscheinlich derzeit besonders riskant, wenn mein Noch-Arbeitgeber davon Wind bekommt…

Lehky: Allerdings; da sind die Chefs besonders sensibel. »Bleiben oder gehen?« ist noch mehr zur Gewissensfrage geworden als ohnehin schon: Ist es fair, jetzt mein Team im Stress zurückzulassen? Andererseits: Bin ich in einer Unternehmenskultur, in der mein Einsatz und meine Loyalität auch belohnt werden? Und wenn man sich verändern möchte, dann gilt vor allem: superdiskret. Sich nicht mit Mitarbeitern der Konkurrenz sehen lassen, in Bewerbungen weder seine Büro-Telefonnummer angeben noch seine E-Mails vom Bürocomputer verschicken und vor allem bei Headhunter-Anfragen sehr zurückhaltend reagieren und erst einmal überprüfen, ob es die Firma und den Auftrag gibt und zunächst deutlich machen, dass man eigentlich nicht an einen Wechsel gedacht hätte. Damit ist man erst einmal auf der sicheren Seite.

ZEIT: Was tun, wenn der Arbeitgeber kündigt?

Lehky: Sich zunächst einmal die Schrecksekunde nehmen – denn das ist wirklich ein existenzieller Eingriff, den man sich auch nicht kleinreden sollte. Sich dann berappeln und überlegen: Wie könnte ein gutes Ende für mich aussehen? Denn es ist immer viel mehr Luft in der Abschlussverhandlung, als man denkt. Vor allem muss man sich fragen: Was will ich eigentlich? Um jeden Preis noch so lange wie möglich bleiben? Oder schnell raus, um frei zu sein für etwas Neues? Will ich viel Geld mitnehmen, will ich gute Referenzen? Für jedes dieser unterschiedlichen Ziele muss ich andere Karten spielen, mich vielleicht betroffener geben, als ich tatsächlich bin, damit mein Gegenüber sich vom schlechten Gewissen freikauft. Es kann sinnvoll sein, über mögliche Strategien mit einem Coach oder Anwalt zu sprechen, was nicht heißt, dass man auch gleich mit dem Anwalt vorstellig werden muss. Das kann sogar die Fronten verhärten. Je besser und aufgeräumter die Trennung vom alten Job verläuft, umso reibungsloser findet sich ein neuer Einstieg.

ZEIT: Was raten Sie für 2010?

Lehky: Es annehmen, wie es kommt, nur dort Energie investieren, wo ich auch wirklich etwas bewegen kann, und ansonsten einiges pragmatisch durchwinken. Sich selbst so gut wie möglich treu bleiben, mit seiner Kraft so haushalten, dass sie noch lange hält. Denn eines scheint sicher: Die bewegten Zeiten sind noch lange nicht vorbei oder werden sogar unser aller Dauerzustand.

Interview: Thomas Röbke

 
Leser-Kommentare
  1. Schon richtig gedacht, sich taktisch verhalten. Das war schon immer so, bloß heute sind die Spielregeln anders geworden. Wer seine Taktik anpassen kann, ist im Vorteil. Jedoch bedenke lieber Angestellte auch Firmen haben ihre Taktik und genauso die Chefs auf welcher Ebene auch immer. Jeder ist letztlich eine Schachfigur. Da gilt es immer sich auf eine gute Position zu setzen.
    Tatsache ist Depressionen und Burnouts nehmen zu. Und es wird noch schlimmer kommen, wenn man dem Artikel in der Zeit Glauben schenkt. http://blog.zeit.de/herde... Spätestens dann kommt die Welle, die viele Loyalitäten und Taktiken auf die Probe stellt. Die mit Arbeit werden immer mehr tun müssen, um die ohne Arbeit zu ernähren und deren Arbeit auch noch zu tun. Es wird interessant, wie lange das funktionieren wird. Sich ein Lebenskonzept für derartige Belastung und Krisen zu erarbeiten wird immer wichtiger. http://www.coachingblogge...

  2. Noch ein bisschen mehr Selbstversklavung und Selbstprostitution. Dann kann man auch den miesen Job behalten in der miesen Firma, die nutzlose Produkte herstellt und überflüssige Dienstleitungen anbietet. Mit der Kohle kann man sich dann nutzlosen Plunder kaufen und an zubetonierten Stränden Pauschalurlaub machen.
    Aber das natürlich nur, wenn es gut läuft.
    Wenn es schlecht läuft, Kündigung oder man geht wegen Überarbeitung vor die Hunde.
    Ich warte auf den Tag, an dem die Arbeitsbedingungen so mies werden, dass Arbeitslosigkeit keine Drohung mehr ist sondern die Aussicht auf Erlösung.

  3. 3. @2

    Ist doch alles kein Problem. Man muss nicht in einer Firma arbeiten, die einen vermeintlich ausbeutet.

    Kündige einfach und verwirkliche dich selbst, lebe von Landwirtschaft, es reichen doch ein paar Nahrungsmittel aus.

    Dann bist du frei.

    Das ist das schöne an einem freien Land, mich zwingt niemand zum bleiben, ich kann problemlos gehen und was anderes machen.

  4. Sind wir denn nicht schon dort angelangt, dass Arbeitslosigkeit mittlerweile eine Erlösung darstellt? Zugegeben, ich bin heute nicht arbeitslos, sondern selbständig, aber meine Eigenkündigung vor über einem Jahr (wiss. Referent an einer IHK) war die Erlösung meines Lebens schlechthin. Die folgenden sechs Monate - vor dem Einstieg in die Selbständigkeit - habe ich in vollen Zügen genossen und eine Freiheit gefühlt, die ich mir im Erwerbsleben gar nicht mehr vorstellen konnte. Und die Freiheit genieße ich übrigens heute immer noch.

    Grundlegend: das Gros der Menschen arbeitet ja nur, um zu überleben bzw. das existenznotwendige Substrat zu erwirtschaften. Wer sich genügend Rücklagen angespart hat (sehr schwierig) oder im Lotto gewinnt (sehr unwahrscheinlich), handelt einzig dann rational, wenn er dem Job sofort den Rücken kehrt. Das Leben heute ist für einen intelligenten Menschen derart reichhaltig und mannigfaltig, dass es eines externen Jobs ("Du mußt arbeiten, damit Dein Leben einen Sinn bekommt") nicht mehr bedarf. Es gibt alternative Lebensentwürfe, Vollzeit-Hobbies und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, die durch einen Job nicht nur nicht unterstützt, sondern zurückgedrängt werden. Abstrahiert von der Notwendigkeit der Einkommenserwirtschaftung: wer die notwendigen geistigen Fähigkeiten und die Selbstdisziplin zur Eigengestaltung des Lebens hat, für den ist Arbeitslosigkeit immer eine Erlösung und kann niemals Bestrafung sein.

  5. Ohne es vermutlich zu wollen liefert das Interview Einblicke in eines der latenten Grundübel der heutigen Zeit: das goldene Kalb "Karriere" in der Angestellten- u. Sozialversicherungsgesellschaft Deutschland.

    In ihr dominieren Menschen, die irgendwas werden wollen - Betonung auf irgendwas - und dabei ihr ganzes Streben auf lächerliche Titel wie Head of Sales EMEA u.ä., ausrichten. Das, was sie machen, und vor allen Dingen, wie sie es in einer normierten Arbeits-, meist Konzernwelt erbringen müssen, ist den meisten zunächst wumpe. Warum auch über Sinnfragen groß nachdenken, wenn man mit der "Ich will nach oben. Was ich da machen will, das weiß ich nicht."-Strategie sogar bis ins Bundeskanzleramt kommt.

    Allerdings ist damit häufig auch die Keimzelle für spätere Stresskrankheiten wie Burn-Out, Depression geschaffen. Die Personalberater reiben sich die Hände, leben sie doch bestens von den Verrenkungen ihrer angestellten Klientel und deren Bedarf nach Placebos á la "Wie spreche ich meinen Chef (<= dieses Wort schon) auf eine Gehaltserhöhung an?" Dabei scheint den meisten die Widersprüchlichkeit und offensichtliche Banalität der Coaching-Angebote nicht einmal aufzufallen.

    Wer sich all dies nicht antun möchte, der sollte die Freiheit der Selbständigkeit wählen - nicht zu verwechseln mit hedonistischer Selbstverwirklichung. Da stehen einem in diesem überbürokratisierten Land zwar manchmal auch vor Wut die Tränen in den Augen, aber man darf sich selbst treu(er) bleiben.

  6. Merkt Ihrs? Durch das ganze System gehen Risse. Die Widersprüche treten so deutlich hervor, dass selbst so ein gewöhnliches Interview zum Thema "Strategien im Job" zu einer kaum noch erträglichen Aneinanderreihung von sinnentleerten Floskeln wird. Und das Beste: Die Leute (zumindest diejenigen, die sich hier bis jetzt gemeldet haben) begreifen, dass wir uns seit den 70er-80er Jahren, spätestens aber seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, im Wertenetz einer Ideologie verfangen haben, die vielleicht subtiler, komplexer und mitunter auch reizvoller daherkommt, die aber nicht weniger Opfer zurücklässt, als so manche systembildende Deutungsperspektive davor, welche aber ihrerseits klar identifizierbare Machtzentren aufwies. Vielleicht muss man sich als Minimal-Werktätiger, der gerne auch an Werktagen lesend auf dem Sofa sitzt, bald nicht mehr entgeistert anstarren lassen, wenn man seinen Mangel an beruflichen Ambitionen offenbart. Vielleicht muss ich aber auch in der liebgewonnenen Defensive verbleiben: Mittlerweile mehren sich auch in meinem Bekanntenkreis die Fälle nervlicher Zerrüttung und Depression - der Zusammenhang zwischen stressbedingten körperlichen und psychischen Leiden und dem alltäglichen Wahnsinn in der Dienstleistungsmaschine wird meist noch immer übersehen.

  7. Wenn ich alle Ratschläge dieser Dame berücksichtige, fahre ich am besten, wenn ich zum angepassten Selbstvermarkter werde, der immer nur so viel arbeitet wie sinnvoll ist und sich dabei natürlich einen Tick mehr engagiert als andere, um zur Belohnung eine dreiprozentige Gehaltserhöhung zu bekommen. Nicht maulen, alles mit sich machen lassen, Arbeit abspulen, Gehirn abschalten. Welcome to the rat race.

    • Foxx
    • 17.01.2010 um 16:27 Uhr

    Zunächst möchte ich mal meine grenzenlose Erleichterung und meine Freude über die kritischen Kommentare zum Ausdruck bringen. Offensichtlich ist die Leserschaft der Zeit mit erheblich größeren analytischen Fähigkeiten gesegnet, als so mancher Zeitredakteur, -journalist, -interviewer. Allerdings kann ich die Zuversicht und das Vertrauen einiger Kommentatoren, die die Selbstständigkeit als Ausweg aus dem 'rat race' interpretieren oder den Bürgern eine Einsicht in die Sinnleere und Widersprüchlichkeit der herrschenden Ideologie des NeoLiberalismus zusprechen. Dieses Interview dokumentiert m.E. eine Ignoranz gegenüber der Lebenswirklichkeit und eine sowohl nach hinten wie nach vorne gerichtete historisch-gesellschaftliche Kurzsichtigkeit, die symptomatisch ist für das höfliche Desinteresse an allen gesellschaftlichen Fragen, die nicht den eigenen Wohlstand, die eigene Gesundheit etc. betreffen und die, besonders wenn öffentlich dargestellt, den Schleier einer Ideologie zu verstärken hilft, in der Menschenwürde in Kaufkraftäquivalenten errechnet wird.
    Kleines Beispiel für die Ignoranz der coaching Frau und der Unfähigkeit zur Kritik des Interviewers:
    "Oft beklagen sich die kinderlosen Kolleginnen, dass sich die Mütter nur die Rosinen rauspicken. Obwohl sie sehr gut abends und am Wochenende arbeiten könnten, weil dann zum Beispiel der Vater auf die Kinder aufpassen kann."
    Abends, wenn der Haushalt gemacht die Kinder versorgt und der Mann mit Bier zufrieden gestellt ist...

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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