In dem Spionagethriller Burn After Reading, dem vorletzten Film der Brüder Coen, rast das Kamera-Auge aus dem Weltraum auf die Erde zu und pickt sich zielgenau einen kleinen amerikanischen Flecken heraus. Dann mischt es sich für eine Weile unter die Menschen und erzählt eine komische Geschichte über das irdische Treiben. Am Ende des Films verschwindet die Kamera – amüsiert, verwundert, ratlos? – wieder in der Unendlichkeit des Universums.

A Serious Man, der neue Film der Coens, dreht die Perspektive um. Hier richtet der Mensch den Blick nach oben. Er betrachtet den Himmel und hält Ausschau. Vielleicht sucht er etwas, vielleicht auch nicht. Der Himmel ist leer, und die Sonne scheint gleichgültig wie immer. Da oben ist niemand, nur unten auf der Erde gibt es etwas zu sehen. Die teuflisch schöne Nachbarin liegt in der Sonne, splitterfasernackt.

Larry Gopnik heißt der Mann, der hin und wieder auf sein Hausdach klettert und die Fernsehantenne neu ausrichtet, damit sein Sohn Danny die Blödelserie F Troops störungsfrei empfangen kann. Larry (Michael Stuhlbarg), ein liberaler Jude, ist ein angehender Physikprofessor, kein Held, der Bäume ausreißt, eher ein handelsüblicher akademischer Durchschnittstyp, ein Vertreter der upper middle class in ihrer ganzen grauen Pracht. Aber immerhin, Larry ist ein leidenschaftlicher Lehrer. Im Handumdrehen zaubert er ein prächtiges Formel-Fresko auf die Tafel des Hörsaals, und seine Gleichungen gehen immer auf. Bald soll Mister Gopnik an der Universität fest angestellt werden, hier in Minneapolis, im Mittleren Westen der USA, im Frühsommer des Jahres 1967.

Alles ist in Ordnung – und alles geht zu Bruch. Denn unversehens hat sich die ganze Welt gegen Larry verschworen, und was schieflaufen kann, das läuft schief. Ein südkoreanischer Student stellt ihm eine Falle und erpresst ihn, weil er eine bessere Note haben will. Ein Unbekannter schwärzt Larry in anonymen Briefen bei der Uni-Kommission an, daheim behandeln seine pubertierenden Kinder ihn wie einen Aussätzigen – den Vater braucht man nicht mehr, das Modell ist nicht mehr aktuell. Und dann auch noch dies: Aus heiterem Himmel eröffnet ihm seine Ehefrau, sie wolle sich scheiden lassen und mit dem notorischen Schaumschläger Sy Ableman (Fred Melamed) zusammenziehen. Larry möge bitte das gemeinsame Heim verlassen, im Jolly Roger sei schon ein Zimmer für ihn reserviert. Larry tut, wie ihm geheißen, er leistet keinen Widerstand, und dann liegt er, zu Tode erschöpft, in seiner Absteige und leidet wie ein Hund.

Das ist, natürlich, eine biblische Geschichte, die die Brüder Joel und Ethan Coen erzählen. Es ist die Geschichte von einem amerikanischen Hiob, der über Nacht zum Opfer wird, völlig grundlos, einfach so, ohne zu wissen, warum. Plötzlich gerät sein Leben zum Albtraum, und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Warum, fragt Larry, bin ich schuldig, obwohl ich doch gar nichts getan habe? Warum darf ich kein rechtschaffener Mann sein, a serious man? Larry fragt die Rabbiner um Rat, aber sie können ihm nicht helfen, und der Oberrabbiner hat ohnehin keine Zeit, er denkt gerade nach. Es ist nicht so, dass Larry seinem Gott Vorwürfe machte; er leidet vielmehr stumm und klagt, ohne anzuklagen. Der Hiob des Alten Testaments ringt noch mit seinem Gott und verlangt Gerechtigkeit; Larry resigniert, noch ehe er aufbegehrt. Er ist eben ein moderner Hiob, und er weiß: Die Welt ist das, was der Fall ist. Für Gerechtigkeit ist darin kein Platz. Welchem Gott also sollte er den Prozess machen?

A Serious Man ist der persönlichste Film der Brüder Coen, gedreht ohne die übliche Superstar-Besetzung, ganz so, als solle ihm jeder Hollywood-Glamour ausgetrieben werden. Auf den ersten Blick erzählen die Coens von sich selbst, von ihrer Kindheit und ihrer Jugend in Minneapolis, und Larrys Sohn Danny (Aaron Wolff), der sich vom Hebräischlehrer beim Musikhören erwischen lässt, könnte ihrer beider Spiegelbild sein. Aber A Serious Man ist auch ihr dunkelster und abgründigster Film, er ist so desperat, dass David Denby ihn im New Yorker "unannehmbar" nannte, schlichtweg "intolerabel". Coens Gott sei ein teuflischer Schurke, ein "son of a bitch".

Die bekifften Söhne revoltieren stumm gegen die überflüssigen Väter

Tatsächlich hat der Film etwas Apokalyptisches, seine Bilder sind hart, noch das Helle hat zuweilen etwas unauslotbar Düsteres und Gefrorenes, und manche Einstellungen erinnern an die klinisch kalten Kinogemälde eines David Lynch. Die Figuren sind schläfrig und jung erloschen, während sich die Ereignisse auf leisen Sohlen anschleichen und einfach da sind, wie der Briefumschlag mit Geld, den der Südkoreaner auf Larrys Schreibtisch liegen lässt. Überhaupt ist das Geld der heimliche Beziehungsstifter, der kapitalistische Gott hat alle miteinander verschuldet und verkettet. Danny hat Schulden beim Nachbarsjungen, Tochter Sarah beklaut ihren Vater, und der wiederum soll die Beerdigung des Nebenbuhlers bezahlen.