Film "A Serious Man" Komik ist eine Kampftechnik

"A Serious Man" ist die Geschichte eines amerikanischen Hiob – und der bisher persönlichste Film von Ethan und Joel Coen

Doppelte Verführung: Amy Landecker (Mrs. Samsky) und Michael Stuhlberg (larry Gopnik)in "A Serious Man"

Doppelte Verführung: Amy Landecker (Mrs. Samsky) und Michael Stuhlberg (larry Gopnik)in "A Serious Man"

In dem Spionagethriller Burn After Reading, dem vorletzten Film der Brüder Coen, rast das Kamera-Auge aus dem Weltraum auf die Erde zu und pickt sich zielgenau einen kleinen amerikanischen Flecken heraus. Dann mischt es sich für eine Weile unter die Menschen und erzählt eine komische Geschichte über das irdische Treiben. Am Ende des Films verschwindet die Kamera – amüsiert, verwundert, ratlos? – wieder in der Unendlichkeit des Universums.

A Serious Man, der neue Film der Coens, dreht die Perspektive um. Hier richtet der Mensch den Blick nach oben. Er betrachtet den Himmel und hält Ausschau. Vielleicht sucht er etwas, vielleicht auch nicht. Der Himmel ist leer, und die Sonne scheint gleichgültig wie immer. Da oben ist niemand, nur unten auf der Erde gibt es etwas zu sehen. Die teuflisch schöne Nachbarin liegt in der Sonne, splitterfasernackt.

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Larry Gopnik heißt der Mann, der hin und wieder auf sein Hausdach klettert und die Fernsehantenne neu ausrichtet, damit sein Sohn Danny die Blödelserie F Troops störungsfrei empfangen kann. Larry (Michael Stuhlbarg), ein liberaler Jude, ist ein angehender Physikprofessor, kein Held, der Bäume ausreißt, eher ein handelsüblicher akademischer Durchschnittstyp, ein Vertreter der upper middle class in ihrer ganzen grauen Pracht. Aber immerhin, Larry ist ein leidenschaftlicher Lehrer. Im Handumdrehen zaubert er ein prächtiges Formel-Fresko auf die Tafel des Hörsaals, und seine Gleichungen gehen immer auf. Bald soll Mister Gopnik an der Universität fest angestellt werden, hier in Minneapolis, im Mittleren Westen der USA, im Frühsommer des Jahres 1967.

Alles ist in Ordnung – und alles geht zu Bruch. Denn unversehens hat sich die ganze Welt gegen Larry verschworen, und was schieflaufen kann, das läuft schief. Ein südkoreanischer Student stellt ihm eine Falle und erpresst ihn, weil er eine bessere Note haben will. Ein Unbekannter schwärzt Larry in anonymen Briefen bei der Uni-Kommission an, daheim behandeln seine pubertierenden Kinder ihn wie einen Aussätzigen – den Vater braucht man nicht mehr, das Modell ist nicht mehr aktuell. Und dann auch noch dies: Aus heiterem Himmel eröffnet ihm seine Ehefrau, sie wolle sich scheiden lassen und mit dem notorischen Schaumschläger Sy Ableman (Fred Melamed) zusammenziehen. Larry möge bitte das gemeinsame Heim verlassen, im Jolly Roger sei schon ein Zimmer für ihn reserviert. Larry tut, wie ihm geheißen, er leistet keinen Widerstand, und dann liegt er, zu Tode erschöpft, in seiner Absteige und leidet wie ein Hund.

Das ist, natürlich, eine biblische Geschichte, die die Brüder Joel und Ethan Coen erzählen. Es ist die Geschichte von einem amerikanischen Hiob, der über Nacht zum Opfer wird, völlig grundlos, einfach so, ohne zu wissen, warum. Plötzlich gerät sein Leben zum Albtraum, und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Warum, fragt Larry, bin ich schuldig, obwohl ich doch gar nichts getan habe? Warum darf ich kein rechtschaffener Mann sein, a serious man? Larry fragt die Rabbiner um Rat, aber sie können ihm nicht helfen, und der Oberrabbiner hat ohnehin keine Zeit, er denkt gerade nach. Es ist nicht so, dass Larry seinem Gott Vorwürfe machte; er leidet vielmehr stumm und klagt, ohne anzuklagen. Der Hiob des Alten Testaments ringt noch mit seinem Gott und verlangt Gerechtigkeit; Larry resigniert, noch ehe er aufbegehrt. Er ist eben ein moderner Hiob, und er weiß: Die Welt ist das, was der Fall ist. Für Gerechtigkeit ist darin kein Platz. Welchem Gott also sollte er den Prozess machen?

A Serious Man ist der persönlichste Film der Brüder Coen, gedreht ohne die übliche Superstar-Besetzung, ganz so, als solle ihm jeder Hollywood-Glamour ausgetrieben werden. Auf den ersten Blick erzählen die Coens von sich selbst, von ihrer Kindheit und ihrer Jugend in Minneapolis, und Larrys Sohn Danny (Aaron Wolff), der sich vom Hebräischlehrer beim Musikhören erwischen lässt, könnte ihrer beider Spiegelbild sein. Aber A Serious Man ist auch ihr dunkelster und abgründigster Film, er ist so desperat, dass David Denby ihn im New Yorker »unannehmbar« nannte, schlichtweg »intolerabel«. Coens Gott sei ein teuflischer Schurke, ein »son of a bitch«.

Die bekifften Söhne revoltieren stumm gegen die überflüssigen Väter

Tatsächlich hat der Film etwas Apokalyptisches, seine Bilder sind hart, noch das Helle hat zuweilen etwas unauslotbar Düsteres und Gefrorenes, und manche Einstellungen erinnern an die klinisch kalten Kinogemälde eines David Lynch. Die Figuren sind schläfrig und jung erloschen, während sich die Ereignisse auf leisen Sohlen anschleichen und einfach da sind, wie der Briefumschlag mit Geld, den der Südkoreaner auf Larrys Schreibtisch liegen lässt. Überhaupt ist das Geld der heimliche Beziehungsstifter, der kapitalistische Gott hat alle miteinander verschuldet und verkettet. Danny hat Schulden beim Nachbarsjungen, Tochter Sarah beklaut ihren Vater, und der wiederum soll die Beerdigung des Nebenbuhlers bezahlen.

Stets aber scheinen die Figuren wie in einen unsichtbaren Schleier gehüllt, der sie voneinander fernhält, so nah sie sich auch kommen. Nicht einmal die Religion bringt sie noch zusammen, und zwischen dem Glauben der überflüssigen Väter und der Apathie der bekifften Söhne gähnt ein Abgrund, wie er größer nicht sein könnte. Leben diese Subjekte eigentlich noch, oder sind es lebende Tote – also »Dibbuks«? Einmal erwähnt Larry vor seinen still verdämmernden Studenten »Schrödingers Katze«, jenes Gedankenexperiment aus der Quantenmechanik, das wissen will, ob eine Katze zugleich halb tot und halb lebendig sein kann. Und Dannys Lieblingslied ist Somebody to love: »Wenn die Wahrheit zur Lüge wird / wenn alle Lebensfreude in dir stirbt«.

Unschärfe, Unbestimmtheit, soziale Trance, überhaupt das Abstraktwerden des Lebens – das ist die Oberflächengeschichte des Films. Wie das Fernsehen lässt sich das Leben nicht mehr »scharf« stellen, seine Einheit zerfällt, nichts passt mehr zusammen. Zur Linken der Gopnicks wohnt die verführerische Eva, das reine wahllose Verlangen nach Sex; rechts von ihnen haust ein Rechtsradikaler, ein bis an die Zähne bewaffneter Hobbyjäger, das Verlangen nach Härte, Schwere und Gewalt.

Aber warum ist A Serious Man dennoch von hinreißender Komik? Warum ist er, wenn es so etwas überhaupt gibt, von einem warmherzigen sardonischen Witz, vergleichbar Burn After Reading, der halb Amerika unter Sinnlosigkeitsverdacht stellt und sich über eine kalifornisierte Spaßgesellschaft lustig macht, in der das Lifting des Vergänglichen – Fettabsaugen und Brustvergrößerungen – die letzte menschliche Sehnsucht darstellt und der CIA-Boss am Ende entnervt aufstöhnt: Wenn in diesem absurden Theater ein Fetzen Sinn auftauche, möge man ihn bitte anrufen. Auch A Serious Man ist so eine absurde Komödie; auch hier führt die Willkür Regie, und auch hier handelt nicht die einzelne Figur, sondern der Zufall. Und plötzlich passieren im höllischen Vorortparadies zwei Verkehrsunfälle zur selben Zeit, der eine ein Schadensfall, der andere ein Zeichen des Himmels.

Larry träumt, der rechtsradikale Nachbar knalle ihn einfach ab

Diese Art Komik ist für die Coens nicht nur ein Narrenkostüm; sie ist eine Kampftechnik. Denn nur die Komik kann es mit einer allgegenwärtigen ironischen Kultur aufnehmen, die alles Ernste in einem Säurebad verdampfen lässt. Komik ist Pathosvermeidung, sie federt zurück, sie spielt mit dem Ernst, ohne ihn zu leugnen. In dieser Komik steckt Güte; sie kennt keine zeitlosen Lebensmächte, die blutig aufeinanderprallen, bis alle winselnd im Staub liegen und Opferrauch zum Himmel steigt. Aus diesem Grund ist Larry Gopnik auch keine Hiobfigur, wie wir sie aus Martin Scorseses After Hours kennen. Der katholische Tragiker hat die berühmtesten Hiobfiguren des amerikanischen Kinos entworfen, denn für ihn ist das Leiden eine Grundtatsache der Schöpfung. Jeder Versuch, das Unglück aus der Welt zu bringen, vermehrt für Scorsese bloß den irdischen Schrecken und macht alles nur noch schlimmer. Im Diesseits, sagt er, ist der Mensch nicht zu retten, und deshalb muss er »die Nacht durchschreiten« – er muss, wie der Rettungssanitäter Frank in Scorseses Film Bringing Out the Dead, den Kelch zur Neige leeren und den tieferen Sinn im Leiden erkennen.

Von dieser Verklärung findet sich bei Ethan und Joel Coen nichts, keine Spur. Über Larrys Leben liegt nichts Metaphysisches, kein religiöser Schimmer, denn sein Leiden entstammt nicht, wie bei Scorsese, der Schöpfung, sondern der Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. »Warum ich?«, fragt der bibellesende, zu Unrecht des Mordes verdächtigte jüdische Schriftsteller in Barton Fink . Die Coens lassen den Film in jenen Jahren spielen, als Hitler die Juden in die Vernichtungslager trieb. »Warum ich?«, fragt Larry Gopnik , und auch er klingt wie die Stimme des jüdischen Traumas. Deshalb täuscht der Eindruck, die Katastrophe breche wie ein Schicksalsschlag über ihn herein. Nein, die Katastrophe ist längst geschehen, sie holt den Helden aus der Vergangenheit ein und kommt ihm in der Gegenwart wieder entgegen. Immer wenn sein rechtsradikaler Nachbar den Rasen mäht, mäht er ein Stück von Gopniks Rasen mit ab. Einmal träumt Larry, der Judenhasser knalle ihn ab, einfach so, wie Freiwild bei der Jagd.

A Serious Man beginnt mit einem rätselhaften, buchstäblich todernsten Prolog, einer Szene aus einem osteuropäischen Schtetl. Dieser Prolog setzt die gesamte Komik des Films in Klammern und bestätigt einmal mehr die Vermutung, den Coen-Brüdern gehe es nicht mehr nur um Geschichten aus der Zivilisation, sondern um Geschichten über die Zivilisation. Einige Kritiker erkennen darin einen »kalten« Fatalismus (The Independent); andere einen theologischen Skandal, eine Gotteslästerung (The New Yorker). Solche Kritiker übersehen jedoch, dass A Serious Man nicht Glaubenssätze verhandelt, sondern die reale Geschichte. Sie übersehen ebenso, dass die Coens einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit zeigen, eine eigene »Wahrheit«. Diese Wahrheit ist nicht abstrakt und macht nichts ungeschehen; sie ist konkret, sie ist die sprichwörtliche »Rüsche am Kleid«. Ein Junior-Rabbi plaudert diese Wahrheit aus, und sie lautet ganz schlicht, Larry müsse wieder das Sehen lernen, er müsse die Augen öffnen und die Welt neu »wahrnehmen«. »Sieh hin, und du weißt.« Das Neu-Sehen der Welt, so könnte die Pointe der Coens lauten, ist das Wesen des Kinos, das sich damit selbst zum Medium der Rettung erklärt.

Aber natürlich, das Neu-Sehen ist kein Allheilmittel, es ist nur eine Überlebenstechnik im Kampf gegen das Trauma, und vor den letzten Dingen muss sie kapitulieren. Plötzlich ist der Doktor – ein Gott in Weiß – am Telefon und bittet unseren armen Hiob, rasch vorbeizukommen, um mit ihm über die Röntgenbilder zu sprechen. »Es ist dringend.« Und auch das ist, natürlich, erschreckend komisch.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Film hat eine Leichtigkeit die heute fast vergessen, vergraben und verloren worden ist, zu Recht werden die Brüder Coen für ihre Filme ausgezeichnet.

    Meine Empfehlung 10/10 Sternchen, der Artikel fast den Film gut zusammen, obwohl der Schluss zumindest zum Teil aufgelöst wird, schade.

  2. erinnert mich an den Film "The Man Who Wasn't There", den die Brüder Coen vor knapp 10 Jahren gemacht haben; den ich damals zufällig in einer Sneak Preview sah und genial fand.

    Da muss ich mir diesen hier fast auch angucken.

  3. Jetzt wo Sie es schreiben, es ist eine identische Konvention, zumindest was die meiste Zeit angeht... aber hier und da kommt ein fröhliches "You need someone to love"

    http://www.youtube.com/wa...

  4. Sehr erhellende Besprechnung des Films, vielen Dank dafür. Es ist bereits einige Monate her, seit ich diesen köstlichen Film in NYC gesehen habe (mit einem Publikum, das sämtliche Verweise besser zu verstehen schien, als ich...), aber eines macht mich in der "Zeit"-Besprechung doch stutzig: der Nachbar von Larry Gopnik soll ein Rechtsradikaler sein? Worauf gründet diese These? ("Bis an die Zähne bewaffnet" ist er übrigens auch nicht). Es ist einzig ein paranoider Traum von Larry, in dem der Nachbar "Jagd" auf ihn macht, der diese These stützen würde. Aber genau das soll es auch ganz klar sein: Paranoia, da Larry sich von ausnahmlos allen Menschen verfolgt fühlt. In der Realität hingegen ist der Nachbar zwar grobschlächtig, aber kein Antisemit. Fragt er Larry nicht sogar, ob er ihm helfen könne, als dieser in Streit mit dem Koreaner gerät? (Fortsetzung unten, einen Kommentar weiter...)

  5. Mein Eindruck war, dass die Coens (wie auch in dem Disclaimer "Noe Jews Were Harmed..." am Ende) genau mit diesem Motiv der antisemitischen Paranoia spielen: jeder Zuschauer erwartet, dass der Nachbar bestimmt ein Judenhasser sein müsse, weil er einen Teil von Larrys Grundstück beansprucht. In Wahrheit aber scheint Larry hier sogar im Unrecht zu sein, denn sein gewiefter Anwalt in der vermeintlich glasklaren Sache erklärt ihm, dass er nach langem Suchen einen (wie es scheint halbseidenen) "Trick" gefunden habe, mit dem Larry dem Nachbarn das Gelände wieder wegnehmen könne - ein Trick? Wo er doch abgeblich sowieso im Recht ist? (Fällt der Anwalt womöglich deshalb auch tot um, weil er etwas moralisch Verwerfliches vorhat?). Anders gesagt: ich glaube, die Coens sind viel zu intelligent, um mit einer so schlichten Darstellung von Antisemitismus zu arbeiten. Ich lasse mich natürlch gerne eines Besseren belehren. Beste Grüße, P.W.

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