Fernsehserie auf DVD So haben wir gelebt!
Matthew Weiners "Mad Men" über das New Yorker Werbemilieu der sechziger Jahre ist die Serie unserer Tage
© AMC

Don Draper (Jon Hamm), die Hauptfigur von "Mad Men", ist nicht nur dem Zuschauer, sondern auch manchmal sich selbst ein Rätsel
Ein Reiz dieser Serie – der besten seit dem Ende der Sopranos – liegt in ihrer detailbesessenen historischen Korrektheit. Man schaut den Menschen im New York der frühen sechziger Jahre beim Leben zu und muss sich immer wieder wundern, wie fern uns diese Zeit schon gerückt ist.
Und dabei fing doch damals vieles an, was bis heute unseren Lebensstil im Westen bestimmt: Autos und Flugreisen für alle, Pop als kultureller Mainstream, zaghafte erste Versuche mit der sexuellen Befreiung. Und als treibender Motor: die Vermarktung und Stilisierung eines bis dahin ungekannten und offenbar grenzenlos wachsenden Wohlstandes für die Massen der westlichen Welt.
Matthew Weiner, der Erfinder, Autor und Produzent von Mad Men (Universal), hatte darum eine großartige Intuition, diese Geschichte im Milieu der Werbung anzusiedeln, unter jenen Typen der Madison Avenue, die den gesellschaftlichen Umbruch zu Geld machten. Und es war auch goldrichtig, die Agentur Sterling Cooper nicht in der absoluten Avantgarde der sogenannten Kreativen anzusiedeln. Die Männer um den gut aussehenden, rätselhaften Don Draper (Jon Hamm) müssen zwar damit umgehen, dass die Welt zu neuen Fronten aufbricht. Aber sie selbst haben noch die alte Mentalität, geprägt durch die Härten von Wirtschaftskrise, Zweitem Weltkrieg und Kaltem Krieg. Nun aber bricht eine Zeit an, in der die weichen Werte von Individualismus, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung das kulturelle Klima verändern werden. So sind Draper und seine Jungs beauftragt, eine BH-Reklame für Playtex zu entwickeln, die einem neuen, selbstbewussten Frauentyp entspricht. Jede Frau, sagt Don, will Marilyn oder Jackie (Kennedy) sein. Nur wenige Jahre später werden BH öffentlich verbrannt. Wir wissen das, aber für Don und seine Kollegen ist undenkbar, dass es jenseits ihrer Projektionen noch andere Modelle von Weiblichkeit geben könnte.
Mad Men lässt uns unseren Vorsprung genießen. Wir sehen Schwangere, die bedenkenlos rauchen; weiße Mittelschichtsmänner, die ohne Reue sexistische Witze machen und stolz darauf sind, keine Vertreter irgendwelcher ethnischer Minderheiten in ihrer Mitte zu dulden. Eine Familie beim Sonntagsausflug mit dem neuen Cadillac – eine Idylle. Doch die Kamera ruht einen Moment auf dem Müllberg aus Einwegverpackungen, den die Drapers am Ufer zurücklassen. Matthew Weiner zelebriert die Ferne der frühen Sechziger. Aber er macht sich über niemanden lustig und dämonisiert nicht. Man erschrickt: Wahnsinn, so haben wir (oder unsere Eltern) damals gelebt. Und es schien doch völlig in Ordnung!
Weiner braucht keine Finsterlinge, um sein Drama zu entfalten. Es gibt auch keinen reinen Sympathieträger. Viele der Charaktere haben eine dunkle, unerlöste Seite. Eben darum wachsen sie einem ans Herz. Sieben Jahre lang hat man Weiners Pilot-Skript abgelehnt, sogar beim Pioniersender HBO, der doch mit den Sopranos bewiesen hatte, dass auch die auf dem Papier denkbar unsympathischste Hauptfigur – der mordende und lügende Mafiaboss Tony – Millionen in seinen Bann ziehen konnte.
Während die Sopranos aber den neureichen Vulgärschick der Mobster von New Jersey zelebrierten, feiert Mad Men die letzte elegante Ära unserer Zeit. Die Männer tragen noch Hüte und Krawatten und kämmen ihre Haare mit Brillantine zurück. Die Frauen modellieren ihre Figuren noch nicht mittels Silikon, Botox und Fitness-Exzessen, sondern durch tadellos geschneiderte Kostüme und darunterliegende Korsagen aus Stoffen, die man offenbar im Mondprogramm erprobt hat. Die Dichte der authentischen Details der Ausstattung ist ein Fest für die Augen und wird manchem, besonders in der Blu-Ray-Fassung, Grund zur Investition in einen besseren Flachbildschirm geben.
- Datum 17.01.2010 - 18:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Die wenig informative Rezension der Fernsehserie „Mad Man“ von Jörg Lau zeugt von dessen völliger Verkennung der Wirklichkeit, wenn er schreibt: „Wahnsinn, so haben wir (oder unsere Eltern) damals gelebt. Und es schien doch völlig in Ordnung!“
Auch ganz im Westen Deutschlands, wo Jörg Lau aufwuchs, dürfte kaum jemand einen Cadillac besessen haben, und Einwegverpackungen, die man an Flußufern hätte zurücklassen können, gab es noch nicht.
Mal genießt Jörg Lau die „Orgie der Unkorrektheit“ eines Männergespräches über Frauen, mal „unseren“ moralischen Vorsprung gegenüber jenen weißen Mittelschichtsmännern, die ohne Reue sexistische Witze machen konnten und stolz darauf waren, keine Vertreter irgendwelcher ethnischer Minderheiten in ihrer Mitte zu dulden.
Es ist putzig, daß sich hier ein Angehöriger des neuen linken Bürgertums nicht mit der eigenen Geschichte identifizieren will, sondern lieber mit der fiktiven Wohlstandswelt amerikanischer Fernsehserien von jener Machart, wie sie die westdeutschen Fernsehstationen zu seiner Kindheit im Vorabendprogramm ausstrahlten.
Nach dem Lesen des Artikels wollte ich zunächst dem Kommentar von Partylöwe zustimmen.
Wie genau kennt der 1964 in Aachen geborene Jörg Lau das New York von 1960 - und vor allem das Milieu um don Draper?
Immerhin hat der Autor an der Ruhr-Universität Bochum Germanistik und Philosophie studiert und war danach von 1993 bis 1996 in der Literaturredakteur der tageszeitung tätig. Man kann sich bessere Qualifikationen vorstellen.
Was einem sofort in den Kopf kommt ist, dass Lau das New York von 1960, welches in Mad Men gezeigt wird mit dem New York von 1960 vergleicht, dass in andere Filmen und Serien gezeigt wird.
Ist es wirklich eine so tolle Leistung orginalgetreue Autos, Kleider und Toaster aufzutreiben?
Dass alle Menschen in der Serie ständig rauchen - besonders bei der Zubereitung des Essens oder der Arzt im Behandlungszimmer - ist doch klischeehafte Effekthascherei, die besonders in den USA, wo das Rauchen heute geächtet ist gut ankommt. Ein Moment zum Gruseln wie irgendein ekliges Monster in einem Horrofilm. Solche für jedermann augenfälligen Klischees, zum gruseln und lachen gibt es ein paar zu viele in der Serie.
Die Frage nach dem Milieu der Werbetexter und der Vorstadtidylle von damals bleibt.
Und vielleicht kann das gerade Jörg Lau beurteilen.
Matthew Weiner ist 1965 geboren.
Irgend wie musste ich beim Schauen der Serie immer an das hier denken:
http://www.youtube.com/wa...
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