Der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht (1919 - 1999)

Im ZEIT-Feuilleton vom 17. Dezember haben wir einen Text des Musikwissenschaftlers und Historikers Boris von Haken veröffentlicht, der herausgefunden hat, dass der renommierte Freiburger Musikwissenschaftsprofessor Hans Heinrich Eggebrecht als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg an Judenerschießungen beteiligt war.

Diese Enthüllung hat eine große Resonanz in anderen Medien ausgelöst und heftige Debatten unter den Musikwissenschaftlern. In einigen Reaktionen wurde von Hakens Recherche in Zweifel gezogen und als "Verdächtigung ohne Belege" abgetan. Die unbestreitbare Zugehörigkeit Eggebrechts zur 2. Kompanie der Feldgendarmerieabteilung 683 sei kein Beweis für seine Beteiligung an Gräueltaten.

Das gewalttätige Wirken dieser Einheit auf der Halbinsel Krim ist vergleichsweise gut belegbar, unter anderem durch Zeugenaussagen in einem Ermittlungsverfahren der Münchner Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 1964. Von Hakens Argumentation basiert auf umfangreichen Indizien und Dokumenten, die im begrenzten Rahmen eines Zeitungstextes nicht zur Darstellung kommen konnten. Die ZEIT-Redaktion hat diese allerdings vor der Veröffentlichung gewissenhaft geprüft, von Hakens Arbeit hat den Zuspruch namhafter Historiker von Götz Aly bis Wolfram Wette.

Um die Diskussion weg von Quellenfragen und hin zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Fall Eggebrecht zu bringen, geben wir Boris von Haken die Gelegenheit, die Belegkette seiner Enthüllung noch einmal exemplarisch zu vertiefen.

Der Blick auf die Täter gehört nicht nur aus methodischen Gründen zu den schwierigen Aufgaben der Zeitgeschichte. Solange nur ein Kollektiv von Tätern in den Blick genommen wird, wie dies in der Militärgeschichte üblich ist, wird der einzelne Mensch kaum greifbar. Da jedes Handeln in einem militärischen Verband zunächst immer durch Befehle bestimmt war, ist dieses Vorgehen berechtigt. Auch die Verbrechen der Feldgendarmerieabteilung 683 sind in den eigenen Dokumenten dieser Einheit nur als kollektive Taten dokumentiert. Die sogenannten Kriegstagebücher des Führungsoffiziers der Feldgendarmerie belegen, dass die Feldgendarmerieabteilung 683 bereits seit September 1941 kontinuierlich an der Ermordung von Juden beteiligt war. Am 3. September berichtet die 1. Kompanie von "Ermittlung des Partisanentums und Erschießung eines Juden". Am 7. September heißt es für 3. Kompanie "Festnahme und Abtransport von Juden". Die 2. Kompanie meldet am 13. September die "Abschiebung von Juden, Fahndung nach russ. Kommissaren". Am 6. Dezember 1941 lautet der Bericht für die 2. Kompanie, der Hans Heinrich Eggebrecht angehörte, dass aus dem 1. Zug "11 Feldgendarmen zum S. D. zur Judenaktion kommandiert" wurden. Am 18. Januar 1942 war ein Trupp des 3. Zugs eingeteilt, gemeinsam mit dem SD in den Ortschaften Perwomaisk und Kanhill alle dort wohnenden Juden zu ermorden. Am 25. Januar 1942 ereignete sich Gleiches in den Dörfern Sarabus und Spat. Ebenfalls noch im Januar 1942 wurden auf Anordnung aus dem Armeeoberkommando die 500 bis 700 Patienten der psychiatrischen Klinik in Simferopol durch die Einsatzgruppe in sogenannten Gaswagen ermordet, wobei Angehörige der 1. Kompanie der Feldgendarmerie auch hier beteiligt waren.

Obwohl Hans Heinrich Eggebrecht in diesem gesamten Zeitraum sich bei seiner Einheit, dem 3. Zug der 2. Kompanie der Feldgendarmerieabteilung 683, aufhielt, ist die Tatbeteiligung für ihn wie für jeden einzelnen Feldgendarmen nicht ohne Weiteres nachzuweisen. Insbesondere während der ersten Kriegsphase bewegten sich die Feldgendarmen meist in kleinen Trupps hinter der Front, sodass auch die eigenen Vorgesetzten mitunter den Überblick über den genauen Standort der Einheiten verloren. Zudem wurden für die kleineren Mordaktionen nur Teilkommandos der Feldgendarmerie eingeteilt, deren personelle Zusammensetzung nicht mehr feststellbar ist. Eine juristische Maxime "in dubio pro reo" ist jedoch bereits bei der historischen Einordnung dieser Taten kein brauchbares Instrument. Die wohlmeinende Annahme, dass es einem Angehörigen dieser Einheit über einen derart langen Zeitraum von fünf Monaten gelungen sein soll, unbemerkt von seinen Vorgesetzten sich vor der Beteiligung an diesen Taten zu drücken, ist wenig plausibel.

Die Quellenlage ist hinsichtlich der großen Mordaktion an den Juden von Simferopol, die am 9. Dezember 1941 begann, weitaus erdrückender. Eggebrecht befand sich auch zu diesem Zeitpunkt bei seiner Einheit in Simferopol. Dort wurde er am 1. Dezember 1941 zum Unteroffizier befördert, weder gehörte er zu den Privilegierten, denen ein Sonderurlaub zugestanden wurde, noch ist ein Lazarettaufenthalt, wie in anderen Fällen, dokumentiert. Zudem belegen seine eigenen privaten Tagebuchaufzeichnungen den Einsatz als Feldgendarm zu diesem Zeitpunkt in Simferopol. Der gesamte Ablauf der Mordaktion in Simferopol ist durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München minutiös rekonstruiert worden. Bereits in einem ersten Zwischenbericht ist festgehalten, dass die gesamte 2. Kompanie der Feldgendarmerie teilgenommen hat. Grundlage dieses Ergebnisses sind Vernehmungen aller Hierarchieebenen und Dienstgrade dieser Einheit. Der Ablauf war so organisiert, dass beide verfügbaren Kompanien der Feldgendarmerie abwechselnd zum Einsatz an den Graben befohlen wurden. Für den 3. Zug der 2. Kompanie, der Einheit Eggebrechts, ist sowohl die Befehlsausgabe wie die Durchführung im Detail in der Aussage eines Unteroffiziers dieser Einheit dokumentiert. Durch einen Vorgesetzten wurde die sogenannte Absperraktion bereits am Vortag angekündigt, und am nächsten Morgen bestieg der gesamte Zug die Lkw. Es gab keine Befehlsverweigerung, und kein Feldgendarm dieser Einheit musste zurückgelassen werden. Der Einsatz an der Hinrichtungsstätte ist detailliert geschildert: "Nach unserer Ankunft stiegen wir vom LKW und sahen, daß bereits von einem anderen LKW (…) Zivilisten abstiegen, die für mich als Juden erkennbar waren. Unter diesen Zivilisten befanden sich Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge, auch schwangere Frauen. (…) Unsere Aufgabe bestand darin, daß wir die Leute des bereits erwähnten Spaliers, durch welches die Delinquenten getrieben wurden, ablösen mußten. (…) Ich glaube, dieser Einsatz dauerte den ganzen Tag über."

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München gegen die Feldgendarmerie musste trotz dieser Ergebnisse im Januar 1966 eingestellt werden; weitere Verfahren, die bis in das Jahr 1995 reichten, blieben ebenso ergebnislos. Die individuelle Schuld des einzelnen Feldgendarmen war juristisch nicht nachweisbar. Die historische und juristische Bewertung dieser Ereignisse müssen jedoch unterschieden werden. Auch wenn das persönliche Verhalten und die Motive des Feldgendarmen Hans Heinrich Eggebrecht am Graben bei Simferopol im Dunkeln liegen, seine Beteiligung an den Verbrechen steht außer Frage.