Aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf wird Intercity 2215 nach Köln ungefähr 20 Minuten später abfahren.« An Gleis 4 des Bahnhofs Hamburg-Dammtor geht ein vernehmbares Murren durch die Menge. Erst fünf, dann zehn, jetzt zwanzig Minuten Verspätung… Dabei startet der Zug keine fünf Kilometer entfernt in Hamburg-Altona. Auf dem Bahnsteig stampfen verhinderte Fahrgäste frierend mit den Füßen.

Auch im geheizten Betriebsraum in der Bahnsteigmitte, in dem drei uniformierte Beamte den Zugverkehr überwachen, herrscht frostige Stimmung. »Im Moment kommen fast alle Züge zu spät nach Altona rein, da können sie auch nicht pünktlich wieder zurückfahren«, sagt einer der Beamten mit stoischer Logik. »Überall wird nur gespart«, sagt ein zweiter, »die Weichenheizungen werden abgestellt oder gleich ganz ausgebaut. Und wenn die Weichen dann festfrieren, muss erst ein privater Schneeräumdienst aus Rostock gerufen werden.«Seit Mehdorn und der Privatisierung sei das so, schimpft der dritte. »In der Zentrale sitzen jetzt lauter studierte Leute, die von der Bahn so viel verstehen wie ich von der Lufthansa

Notgemeinschaft auf dem Bahnsteig – Kunden und Eisenbahner bestärken sich gegenseitig in ihrem Frust. Nicht nur am vergangenen Wochenende, an dem Tief Daisy Deutschland Neuschnee und Sturm bescherte, sondern bereits seit Mitte Dezember können sich viele Reisende des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bahn vom Winter überfordert ist.

Europa in Schneeweiß. Eine Fotostrecke © ESA

Züge werden gestrichen, andere fallen aus, Reisende müssen Umwege fahren – und nur selten wird darüber auch nur einigermaßen befriedigend informiert. Im Weihnachtsverkehr mussten ICE-Züge der neuesten Generation im Depot bleiben; an Silvester blockierte Eis sowohl in Nord-Süd- als auch in Ost-West-Richtung den Verkehr; kleine Störungen in Computersystemen und an einzelnen Weichen brachten ganze Regionen aus dem Takt. 

Nah an der Volksseele reagierten Politiker und Leitartikler mit lauten Beschimpfungen. »Alle reden vom Wetter, nur wir nicht« – kaum ein Zeitungsartikel sparte sich den höhnischen Verweis auf die Anzeigenkampagne der Bundesbahn vom Herbst 1966. Tenor der medialen Aufregung: Eines der modernsten Verkehrssysteme der Welt ist für den Winter einfach zu doof. Aber stimmt das tatsächlich? Was sind die Ursachen? Und wer trägt wofür die Verantwortung?