Dieter Glanz, ein Hamburger Vermögensverwalter, dem sie alle magische Kräfte zutrauen und den sie gern den "neuen König Midas" nennen, hat den kleinen Kreis seiner Anleger – handverlesen – nach Mallorca eingeladen. Um der guten Laune willen. "Da haben wir wohl Gruppenrabatt bekommen?", scherzt einer aus der millionenschweren Reisegruppe bei der Ankunft auf dem Inselflughafen. Dort erwartet sie ein Konvoi offener Jeeps, die so einen Hauch von Camel Trophy ausstrahlen. Hajo Novak, Generation Erbe, den die Sorglosigkeit seines Daseins melancholisch gestimmt hat, klemmt sich hinter das Steuer des ersten Jeeps, und plötzlich strahlt sein Gesicht vor kindlicher Freude, als ginge es noch einmal auf Klassenfahrt. Glanz nimmt neben ihm Platz. Und Novak sagt ihm aus der Tiefe seines Herzens und mit Gerührtheits-Vibrato: "Mensch, Dieter, super Idee!"

Da ist man noch am Anfang von Dieter Wedels zweiteiligem Fernsehfilm Gier (15. Januar, 20.15 Uhr auf arte; 20./21. Januar, jeweils 20.15 Uhr in der ARD) und findet Hajo Novaks Enthusiasmus für eine eher banale Mallorca-Sause ein bisschen unangemessen. Harald Krassnitzer spielt diesen Novak, und er gibt ihm einen tränenfeuchten Hundeblick und eine Gefühlsweichheit, die bei ihm die Innenseite der Machthärte des Geldes zu sein scheint. Novak ist ein Mann des Weltschmerzes, der Sentimentalität und des Ennuis. Er hat zu viel, als dass ihn die Performance seiner Anlagen noch sonderlich umtriebe. Und er hat mit seiner leicht rührbaren Seele als Erster begriffen, dass es in Wahrheit gar nicht um Geld, sondern um Gemeinschaft geht.

Und hier wird Dieter Wedels Film interessant: Denn diese Gruppe von Millionären, die eine schrill, die andere fett, der eine fies, der andere larmoyant, ist in Wahrheit ganz und gar lächerlich – wenn sie besoffen um den Pool tanzen und sich, schreiend wie die Kinder, in voller Montur ins Wasser schubsen: Warum in Gottes Namen sucht sich Novak, der reiche Erbe, der alles hat, ausgerechnet diese stumpfsinnige Millionärscombo aus, um seiner Einsamkeit zu entfliehen? Dafür kann es nur einen Grund geben: Menschen mit ähnlichem Kontostand sind einem einfach sympathischer. Nur in der Gesellschaft von Geld kann sich das Geld entspannen.

Dieter Wedels neuer Fernsehfilm erzählt von der Psychologie des Geldes. Mit den Arbeiten dazu hatte er bereits vor der Finanzkrise begonnen. Trotzdem wirkt der Film jetzt so, als hätten sich all die Finanzmarkt-Nachrichten des vergangenen Jahres zu einer Geschichte verdichtet und zu Figuren verkörpert. Wedel gibt den Schurken, nach deren Blut der Volkszorn dürstet, ein Gesicht. Aber er tut es auf intelligente Weise.

Wie immer hat er auch für Gier nach der Wirklichkeit gearbeitet. Viele der Motive beruhen auf wahren Begebenheiten, auch wenn Wedel daraus seine eigene, erfundene Geschichte gemacht hat. Pikanterweise aber war sein Drehbuch der Wirklichkeit sogar um ein paar Monate voraus. Denn heute sehen wir die Geschichte des Vermögensverwalters und Hochstaplers Dieter Glanz, als wäre es die deutsche Nacherzählung der Geschichte Bernard Madoffs, jenes ehrenwerten New Yorker Menschenfreundes, dem alles, was an der amerikanischen Ostküste Rang, Namen und Geld hatte, seine Reichtümer aufdrängte und der fabelhafte Gewinne versprach, die er allerdings nicht erwirtschaftete, sondern – nach dem Kettenbriefprinzip – aus dem Geld immer neuer Investoren schöpfte. Und wenn man jetzt in Gier die Vertrauensseligkeit von Dieter Glanz’ Kunden allzu blauäugig findet, dann ruft man sich ins Gedächtnis, dass es die Wirklichkeit im Fall Madoff noch viel doller getrieben hat.

Verbrechen in Deutschland muss nicht spießig sein

Das ist ja überhaupt Dieter Wedels Spezialität: Er zerstreut unsere nagende Sorge, dass Deutschland nur das Zeug zu einem kleinen Tatort- Drama hat, dass das Land aber für die ganz großen Schweinereien einfach zu harmlos ist. Vom Großen Bellheim über den Schattenmann bis zum König von St. Pauli hat Wedel uns gezeigt, dass sich auch die richtig saftigen Intrigen, mafiosen Verstrickungen, korrupten Machenschaften und theatralischen Sexskandale mit deutschem Personal und deutschen Dialekten (besonders hervorzuheben: der Einsatz des Hessischen in seinen Filmen!) erzählen lassen: Verbrechen in Deutschland muss nicht kleinbürgerlich sein – das ist Wedels Versprechen.