Gesellschaftskritik Über Geburtsmitteilungen

Der Schauspieler Matthew McConaughey und seine Frau Camila Alves sind zum zweiten Mal Eltern geworden und gaben dazu eine Pressemitteilung. Muss das sein?

Wollen, dass wir uns über ihr Baby freuen, aber nicht zu sehr: Matthew McConaughey und seine Frau Camila Alves

Wollen, dass wir uns über ihr Baby freuen, aber nicht zu sehr: Matthew McConaughey und seine Frau Camila Alves

Der amerikanische Schauspieler Matthew McConaughey und seine Frau Camila Alves sind zum zweiten Mal Eltern geworden. Die Familie schrieb eine Pressemitteilung: »Camila erholt sich sehr gut, und wir sind beide überglücklich, diese kleine Lady in unserer Familie begrüßen zu dürfen. Danke für all eure guten Wünsche und Gebete, die ihr uns geschickt habt. Ein weiterer gesegneter Tag. Wir danken euch. Lebt einfach euer Leben. Matthew und Camila.«

Pressemitteilungen zeichnen sich normalerweise durch die Glattheit aus, mit der sie durch alle Wahrnehmungsraster flutschen, aber dieses Exemplar bleibt irgendwie hängen: »Lebt einfach euer Leben.« Hä? Was soll uns das sagen? Lebt einfach euer Leben – so nach dem Motto, wenn ihr euren Träumen folgt, also euren eigenen, kleinen, aber sicherlich auch wertvollen Träumen und nicht dem frustrierenden Beispiel irgendeines unerreichbaren Hollywoodpaares, dann wird auch für euch alles gut? Oder eher im Sinne von: Get a life? Danke, dass ihr für uns gebetet habt, aber bitte werdet jetzt nicht obsessiv und lungert mit wirrem Haar in unserer Hofeinfahrt herum oder googelt die pre-school des Älteren oder so einen Quatsch.

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Gesellschaftskritik
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Oder impliziert es gar, dass Matthew und Camila es für möglich halten, dass es Leute gibt, die auf die Nachricht der Geburt ihres Kindes anders reagieren, als ihr Leben weiterzuleben, dass wir also mit dem Gedanken spielen könnten, uns umzubringen, oder dass wir nicht mehr in der Lage sind, unsere Arbeitsplätze aufzusuchen, weil ihr ein KIND bekommen habt? So eine Pressemeldung geht in die ganze Welt hinaus, bitte sagt jetzt nicht, dass ihr euch beim Verfassen vorgestellt habt, dass die Oma von Obama in Kenia Freudentänze aufführt oder die Eskimos über der freudigen Nachricht die Polkappenschmelze vergessen und Osama sagt: Camila hat ein Baby – Schluss mit dem Terrorismus!?

Etwas stößt einem zu, und das hält man für so großartig, dass man denkt, alle Menschen seien davon ähnlich begeistert wie man selbst. I hate to break the bad news, Matthew und Camila, aber das ist gar nicht so. Lasst es uns so versuchen: Wir leben unser Leben weiter, ihr lebt euer Leben weiter, und ein weiterer gesegneter Tag kann über die Erde kommen (hier schneit es, es ist so ein Traum!).

 
Leser-Kommentare
    • TDU
    • 15.01.2010 um 10:33 Uhr

    Was hätten sie schreiben sollen? Esst weniger Fleisch und fahrt Hybrid Autos, denkt ans Klima und an künftige Generationen, den Hunger in der Welt, und wir sind uns bewusst, dass es der Neuen besser geht als anderen? Und dass wir sie vor rosarot bewahren und ihr erstes Geschenk ein Fussball oder ein Werkzeugkasten sein wird? Und überhaupt unsere Selbstzweifel?

    Oder dass sie jetzt darauf achten, dass jeder seinen Teil zur Familienarbeit beiträgt, und sie gerade die väterliche Auszeit planen.

    Oder hätte sie laut über das bewusstseinverändernde Erlebnis eines zweiten Kindes reflektieren sollen. Vebunden mit dem Appell, das sowas ja für alle Zeiten zusammenschweisst, Scheidung ausgeschlossen.

    Vielleicht sehe ich es zu sehr aus deutscher Sicht, aber ich verstehe das so: Seht zu wie ihr klar kommt in einer solchen Situation, lasst euch nicht von den selbsternannten Beratern und Besserwissern auch staatlicherseits einlullen und erledigt, was in der Situation angesagt ist. Haltet vielleicht sogar zusammen.

    Genauso langweilig und genauso enttäuschend sowohl für den intellektuellen Boulevard als auch für den Regenbogen, mutmasslich.

  1. "Kümmert euch um euch selber und lasst uns in Ruhe!"

    • TDU
    • 15.01.2010 um 10:47 Uhr

    Scheinbar ist es schwer, in der Hochkunjunktur von Beratung und Lebenshilfe solche Appelle einfach nicht zu tun. Ein einfaches "Alles Gute weiterhin" könnte in einem Dankschreiben allerdings auch anders ausgelegt werden, unabhängig von der grundsätzlichen Überlegung, dass ein Dank vebunden mit guten Wünschen eher einem Geschäftsbrief angemessen sind.

  2. 4. ...

    ... und was soll dieser Artikel sein? Ein Essay?

    Eine Lächerlichkeit macht eine andere weder besser noch schlechter. In manchen Fällen wäre an solchen Stellen eher betretenes Schweigen angebracht.

    [ entfernt: Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/m.e. ]

    • TDU
    • 15.01.2010 um 11:26 Uhr

    Also für mich persönlich sind solche Artikel immer anregend. Denn als Knigge Begeisterter bin ich für Fragen der Etiquette vebunden mit dem schönen Schein der Worte immer offen.

    Papcaello (Nr.2) trifft vermutlich mitten ins kleine Schwarze.

    Dennoch könnte man der Verfasserin auch widersprechen.

    Denn es sollte und könnte durchaus ein legitimes "Freut Euch mit uns" geben. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

    Antwort auf
  3. Ich vermute stark, dass man mit dieser Form einer Pressemitteilung nur auf sich aufmerksam machen will.

    Wie Sie, Frau Faller, hier anmerken: Normalerweise sind Pressemittelungen Glatt, da jetzt aber hier Webspace benutzt wird, um darauf hinzuweisen "Schauen Sie mal, die haben ein zweites Kind bekommen, und schreiben noch einen Satz dazu der fragen aufwirft!" haben die Eltern ihr Ziel erreicht: Sie stehen in der Presse.

  4. "Wir sind uninteressant und haben nichts zu sagen - genau wie ihr. Schrecklich, dieses Erdbeben. Schönen Tag noch. Ach so, und wir haben uns soeben erfolgreich fortgepflanzt."

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