Eine Wohnsiedlung am Rande der 100.000-Einwohner-Stadt Siegen am südlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens, weiß verputzte Fassaden, schwarze Schieferdächer. In einem kleinen Büro sitzt Nils Finkernagel, 32, zwei Computer, Ikea-Stühle und ein paar Produktproben füllen das Arbeitszimmer. Er ist Geschäftsführer des Startup-Unternehmens MaxiDoc mit zehn Mitarbeitern. Knapp 150 Kilometer südlich, in Walldorf bei Mannheim, in nicht ganz so idyllischer Lage sitzt die InterComponentWare AG (ICW). Inhaber ist Dietmar Hopp, SAP-Mitbegründer und einer der reichsten Männer des Landes. Eines haben die beiden gemein: Sie wollen mit der elektronischen Gesundheitskarte Geld verdienen.

Derzeit werden die ersten Karten in Köln und Düsseldorf ausgegeben. Sie speichern vorerst nur Daten wie Name, Alter und Versicherungsstatus des Patienten. Äußerlich unterscheiden sie sich kaum von den bisherigen Krankenversichertenkarten. Nur dass ein Foto des Besitzers die Vorderseite schmückt. Das soll Missbrauch verhindern. Doch irgendwann wird die neue Karte mehr können als die alte: Mit ihr soll man dann zum Beispiel elektronische Rezepte einlösen können. Der Apotheker müsste dann nicht mehr mühsam die Krakelschrift des Arztes entziffern und das Rezept hinterher einscannen, um es mit der Krankenkasse abzurechnen. Arztbriefe könnten auch gleich elektronisch verschickt werden.

50 bis 60 Milliarden Euro neuen Umsatz verspricht die Karte

Das Wichtigste jedoch: Die Karte könnte als Schlüssel für eine elektronische Patientenakte dienen, in der an zentraler Stelle alle wichtigen Untersuchungsergebnisse wie Blut- und Röntgenbilder und sonstige Befunde gespeichert werden. Arzt und Patient könnten mit einem elektronischen Heilberufsausweis und der Gesundheitskarte auf die Daten zugreifen, wenn der Patient diese freigibt. »Insbesondere für chronisch Kranke, die von mehreren Ärzten behandelt werden, ist das wichtig. Denn in der Vergangenheit sind viele Daten verloren gegangen oder wurden doppelt erhoben«, erklärt Franz-Joseph Bartmann, Vorstand der Bundesärztekammer.

Doch Kritiker sperren sich gegen diese Funktionen. Zu teuer, zu unsicher, zu unpraktisch, sagen sie. Deshalb ruht die größte technische Sozialreform Deutschlands zurzeit. Gesundheitsminister Philipp Rösler stoppte Ende Oktober die weitere Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte und will das weitere Vorgehen prüfen. Doch kommen wird die Karte, das ist im Sozialgesetzbuch festgelegt. Nur wie und wann ist im Moment noch ungewiss,

Um schließlich alle Funktionen erfüllen zu können, ist der Aufbau eines riesigen Netzes zwischen rund 80 Millionen Patienten, 100.000 Arztpraxen, über 20.000 Apotheken und 2000 Krankenhäusern notwendig. Telematikinfrastruktur nennt sich das Ganze. Und für diesen Aufbau ist die Gematik, die Gesellschaft für Telematikanwendungen im Gesundheitswesen, zuständig. Sie besteht aus Gesellschaftern der Spitzenverbände im Gesundheitswesen.

Auf die technische Alleskönnerkarte hofft in erster Linie der Bundesverband der Informationswirtschaft und Telekommunikation, kurz Bitkom. Rund 50 Unternehmen des Branchenverbandes sind in irgendeiner Form an dem Milliardenprojekt beteiligt. Nach einer Studie der europäischen Kommission birgt die Vernetzung des Gesundheitswesens ein Umsatzpotenzial von 50 bis 60 Milliarden Euro – klar, dass die deutschen IT-Unternehmen mitverdienen möchten.

»Es ist schade, dass das Projekt in Deutschland so langsam vorankommt«, sagt Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. »Andere Länder sind viel schneller.« In Deutschland geht das Projekt immerhin ins achte Jahr, und die Unternehmen hoffen immer noch auf die Vergabe der Aufträge.