Google-Nexus Der neue Welt-Geist

Jetzt belehrt uns das Google-Handy darüber, wer, wo und was wir sind. Ist der Internetkonzern die göttliche Instanz unseres Zeitalters? Vier Deutungsversuche

Das Googletelefon Nexus bei seiner offiziellen Vorstellung am 5. Januar in Mountain View

Das Googletelefon Nexus bei seiner offiziellen Vorstellung am 5. Januar in Mountain View

An der lieben Hand der Daten - Hanno Rauterberg

Irgendwer knipst immer. Niemand ist mehr sicher vor all den Fotohandys und Videokameras, die blinkend, filmend, wachend die Welt in einen Bilderwust verwandeln. Der Mensch der Gegenwart liebt diesen Wust, er ist gern das Objekt der Objektive. Und doch wehrt er sich nun. Ausgerechnet sein Vorgarten soll bilderrein sein.

In vielen Städten protestieren nicht nur Datenschützer, auch die Bürger fühlen sich bedrängt. Sie hängen Schilder an ihre Gartenzäune: »Google Street View – Nein!« Seit fast zwei Jahren schon fahren die Autos des Internetkonzerns durch deutsche Lande, auf dem Dach einen Mast mit neun Kameras, die während der Fahrt alles filmen, jedes Kind, jeden Hund, jedes Schaufenster und natürlich auch den zerzausten Geranientopf. Das geht, finden viele Bürger, entschieden zu weit. 

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Smartphone Nexus One

Google wird greifbar: Seit dem 5. Januar verkauft der Konzern online sein eigenes Smartphone: Edel und rutschfest gummiert, ähnelt es technisch dem iPhone – nur ist es schneller.

Google-Angebote

Sämtliche Google-Angebote fließen zusammen: Karten lotsen zur nächsten Apotheke oder zeigen den Standort von Bekannten an, YouTube und GoogleNews melden stichwortorientierte Neuigkeiten. Durch ein Spracherkennungssystem soll das Tippen obsolet werden – bisher versteht es jedoch nur amerikanisches Englisch.

Personenerkennung

Eines der aufgespielten Programme kann indes Bilder einfangen und sie mit allen im Netz vergleichen: Prompt teilt das Gerät mit, vor welchem Gebäude man steht. Diese Technik soll bald auf Personenerkennung ausgeweitet werden.

Merkwürdig ist das schon. Niemand protestierte, als Google vor einigen Jahren per Satellit noch den letzten Winkel, jeden Hinterhof und jeden Gartenschuppen abfotografieren ließ, damit jeder bei Google Earth nachgucken kann, welcher Nachbar seinen Rasen ordentlich schneidet und wer sich einen Swimmingpool leistet. Warum also die Aufregung um die Street-View-Bilder von Fassaden, Jägerzäunen und Kirschlorbeerhecken? Google fotografiert doch nur, was ohnehin für alle zu sehen ist: den öffentlichen Raum.

Viele Menschen fühlen sich dennoch enteignet. Es ergeht ihnen wie jenen Ureinwohnern, die sich vor Fotografen fürchten, weil sie glauben, dass mit ihrem Bild auch ein Teil ihrer selbst von der Kamera geschluckt wird und ein anderer Macht über sie gewinnt. Solange Google nur auf Computerbildschirmen zu sehen war, hatte kaum jemand Angst vor dieser Macht. Man hörte zwar von der »Datenkrake«, die alles für immer verwahre, was wir ihr jemals an Suchbegriffen, E-Mails oder Fotos anvertrauten. Doch bislang störten sich nur wenige am Google-Gott, der alles von uns weiß, der jeden unserer Schritte sieht und dank des neuen Google-Handys immer bei uns ist, uns führt »an der lieben Hand«. Denn dieser Gott war ein abstrakter Gott, sein Reich waren die fernen Rechnerzentralen. Nun aber erscheint er uns, wird Auto, wird Kamera – wird bedrohlich.

In wessen Auftrag, zu welchem Zweck, fragen sich viele, sind die Abgesandten des Datengottes eigentlich unterwegs? Auch das macht ihn so unheimlich: Er ist omnipräsent – und doch weiß niemand, was er vorhat. Er scheint alles zu überwachen – und doch gibt es keinen identifizierbaren Wächter. Früher, zu Volkszählungszeiten, war es noch der Staat, gegen den man sich wehren konnte. Wer aber gegen Google protestiert, protestiert letztlich gegen alle. Denn alle sind bei Google und Google ist bei allen.

Das große Google-Versprechen ist Verfügbarkeit. Egal, wo ich bin, egal, was ich will – die Welt ist mein. Ich kann vergriffene Bücher lesen, abgelegene Landstriche durchwandern, in fremden Sprachen sprechen. Nichts geht verloren, alles ist im Blick: Die Welt hat sich aufgelöst in Daten, und alle Daten sind bei Google. Das ist schön und schrecklich zugleich. Bislang waren wir es, die Google nutzten, das Internet war uns ein Fenster zur Welt. Nun drehen sich die Verhältnisse um: Die Welt wird zum Fenster ins Internet, und nicht wir kommen zu Google, sondern Google kommt zu uns, im Kamera-Wagen. Und egal, ob wir von ihm erfasst werden oder unser Gesicht am Ende unkenntlich gemacht wird, fühlen wir uns betrogen. So hatten wir uns die Selbstvergottung des Menschen nicht vorgestellt. Wir wollten doch herrschen und nicht beherrscht werden. Unser Vorgarten gehört uns, und zwar aus Prinzip: weil wir uns selbst gehören wollen.

Leser-Kommentare
    • bibber
    • 16.01.2010 um 10:58 Uhr

    Vielleicht solltet Ihr mal wieder Holz hacken oder einen Garten umgraben, damit Ihr wieder zu Euch kommt.
    Jedes Gerät, jede Einrichtung ist ein Werkzeug, ein Instrument, mehr nicht. Wer das anders sieht, ist zutiefst zu bedauern und sollte mal eine wie oben genannte Therapie machen.

    Was Religion oder Spiritualität anbetrifft, hat diese bekanntlich nichts mit diesem irdischen Leben zu tun, daher heißt es ja auch "Re-ligio" = Rück-Bindung. Rückbindung zur geistigen Welt, die ja gerne geleugnet wird, wir sind ja so aufgeklärt. Religion löst keine Probleme, sondern kann nur trösten oder genauer gesagt vertrösten, nämlich auf das Jenseits, das Geistige, das Spirituelle, was Ihr ja leugnet.

    Daß viele Menschen Google nicht verstehen, hat damit zu tun, daß Ihr, die Schreiber der Presse, nie etwas Vernünftiges über Google schreibt. Solange Ihr das nicht tut, laßt bitte das Rumalbern über Dinge, von denen Ihr anscheinend gar nichts zu verstehen scheint.

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    • Komabe
    • 18.01.2010 um 11:43 Uhr

    Vollste Zustimmung, bibber!

    • Komabe
    • 18.01.2010 um 11:43 Uhr

    Vollste Zustimmung, bibber!

  1. Autor Nummer 1 hat zwar im Grunde Recht, dass Google alle unsere Schritte im Internet kontrollieren kann.
    Aber seine Angst, dass durch das Nexus One sich jetzt alles ändern würde halte ich für übertrieben.
    Im Internet kommt man fast nicht an Google vorbei. Oft gibt es keine Alternative, die uns einen so guten Dienst leistet. Bei SmartPhone sieht das allerdings anders aus. Man ist ja schließlich nicht verpflichtet das Google Handy zu kaufen und Alternativen gibt es reichlich. Das zeigen auch die eher verhaltenen ersten Verkaufszahlen.
    Ob sich das in Zkunft allerdings ändern wird, wird sich mit der Zeit zeigen. Jetzt finde ich diese These noch etwas übertrieben.

  2. auf falsche Fährten zu locken und die wahren Interessen zu verschleiern. Normalerweise gibt man da die Stichworte ein, die man erläutert haben möchte etc.. Wenn man ein PC-Programm entwirft, dass GOOGLE mit einer Reihe von Zufallswörtern versorgt, meinetwegen auch aus dem Netz zusammenklaubt und das eine zeitlang laufen läßt, oder meinetwegen nach jeder echten Anfrage 4-5 Fakes hinterhersendent, so dürfte es GOOGLE schwerfallen, zwischen echtem und gefaktem Interesse zu unterscheiden. Gilt natürlich für alle Schnüffelmaschinen...

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    gibt es soweit ich weiß für firefox schon etwas länger

    gibt es soweit ich weiß für firefox schon etwas länger

  3. gibt es soweit ich weiß für firefox schon etwas länger

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    Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
    Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
    Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
    Wer die Macht von Google nicht gut findet, kann ja die Alternativen verwenden - nur so kann schließlich deren Macht & Einfluss erschüttert bzw. reduziert werden.

    Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
    Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
    Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
    Wer die Macht von Google nicht gut findet, kann ja die Alternativen verwenden - nur so kann schließlich deren Macht & Einfluss erschüttert bzw. reduziert werden.

  4. 5. Google

    Die Aufgabe, unser kollektives Gedächtnis zu verwalten, einem gewinnorientierten Unternehmen zu überlassen finde ich schwierig..

    Schön wäre es wenn das zustandekommen der Suchergebnisse wenigstens transparent wäre.. der Nachteil davon wäre wohl weitere Pagerank Optimierung.

    Zumindest sollte überprüfbar sein, dass kein Mensch direkten Einfluss auf die Suchergebnisse hat.

    Achja... statt Google mit sinnlosen Suchanfragen zu belasten kann man auch einfach einen Proxy wie z.B. www.scroogle.org benutzen.

  5. ....wieder so ein Artikel der besonderen Sorte:

    "Merkwürdig ist das schon. Niemand protestierte, als Google vor einigen Jahren per Satellit noch den letzten Winkel, jeden Hinterhof und jeden Gartenschuppen abfotografieren ließ, damit jeder bei Google Earth nachgucken kann, welcher Nachbar seinen Rasen ordentlich schneidet und wer sich einen Swimmingpool leistet."

    Merkwürdig? Also ich weiß ja nicht, ob die Autoren des Artikels GoogleEarth dann und wann benutzen. Den qualitativen Unterschied zwischen GoogleEarth und Google Streetview hier auf irgendetwas "Merkwürdiges" herunter zu putzen geht an jeglicher Realität vorbei. Mehr als Swimmingpools kann man nämlich in der Tat nicht erkennen, selbst in hohen Auflösungen. In Streetview kann man sich das Gardinenmuster ansehen... Klar, kann man relativieren, weil es periodistisch schön ins Bild passt. Genauso wie die Vorbehalte zu verschweigen, die es gegenüber Earth gab oder die Tatsache, dass eine Mobilisierung gegen StreetView teilweise gar nicht existiert.

    Und dann noch der Verleich mit "jenen Ureinwohnern"... wieder mal so ein kultureller Stereotyp, den wir uns vermutlich zur gleichen Zeit eingefangen haben, in der auch verbreitet wurde, die "Eskimos" hätten 100 Wörter für weiß, oder Schnee....

    "Viele Menschen fühlen sich dennoch enteignet. Es ergeht ihnen wie jenen Ureinwohnern, die sich vor Fotografen fürchten, weil sie glauben, dass mit ihrem Bild auch ein Teil ihrer selbst von der Kamera geschluckt wird"

    Schlecht.

  6. Ich empfehle, den Artikel zum gleichen Thema von Jaron Lanier in der FAZ zu lesen. Er spielt qualitativ in einer ganz anderen Liga und sollte die vier Kommentatoren beschämen.

    Laniers Artikel hat übrigens die Überschrift "Warum die Zukunft uns noch braucht". Das sagt eigentlich schon alles.

  7. Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
    Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
    Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
    Wer die Macht von Google nicht gut findet, kann ja die Alternativen verwenden - nur so kann schließlich deren Macht & Einfluss erschüttert bzw. reduziert werden.

    Antwort auf "So ein Programm"

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