Auch am Ende ist das Wort - Thomas Assheuer
Auch am Ende ist das Wort - Thomas Assheuer
Zu den unerfüllten philosophischen Träumen gehört die seltsame Idee, die Welt möge ihr innerstes Wesen auf einen Blick zu erkennen geben. Das Google-Handy arbeitet an diesem Traum, oder wie Technikschwärmer sagen würden: Es ist die entscheidende Prothese auf dem Weg zum absoluten Wissen. Tatsächlich braucht man das Gerät nur in die Hand zu nehmen und sein elektronisches Auge auf einen beliebigen Gegenstand in der äußeren Welt zu richten, auf eine Sehenswürdigkeit, ein Funktionsgebäude oder was auch immer. Sofort, so lautet Googles Versprechen, erscheint auf dem Display ein kleiner Text und informiert den Benutzer darüber, was er über das gezeigte Objekt unbedingt wissen muss. »Dies ist das Rathaus von Dinkelsbühl«. Vielleicht auch: »Hier trinkt Heidi Klum sonntags immer ihren Latte macchiato«. Oder: »Diese extravagante Wohnimmobilie steht für Sie leer und ist noch zu kaufen«.
Das schöne Spiel funktioniert aber nicht nur im Dickicht der Städte, sondern angeblich auch in der äußeren Natur. Berge, Flüsse und Seen werden von dem Gerät treffsicher im Display beim Namen genannt, auch mitteleuropäische Tierarten und gewöhnliche Pflanzen, sogar die Sternbilder am Nachthimmel werden aufgerufen und erkannt – und irgendwann auch menschliche Gesichter, so sie vorher in das digitale Gedächtnis eingespeichert wurden.
Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass im Auge des Benutzers nach kurzer Zeit Bild und Text eine unauflösliche Einheit bilden. Je länger man das Gerät benutzt, desto mehr werden die gezeigten Objekte mit dem Kommentar verschmelzen, den Google kurz und knapp im Display bereitstellt. Oder um es sehr altertümlich zu sagen: Googles künstliches Auge neutralisiert den Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Welt und Wissen. Die erklärende Schrift (»Das ist der Grüne Hügel«) scheint dann aus dem Innersten, aus dem »Sein« des abgebildeten Objekts hervorzukriechen. Das gilt auch umgekehrt. Während der Text im Display bildlich wird, verwandelt sich im Gegenzug das Bild zum Text. Die alte Epoche der Schrift fusioniert mit dem künftigen Zeitalter des Bildes, das Skripturale wird zum Komplizen des Ikonografischen. Alles ist Bild, alles ist Wissen.
Platonismus 2.0 könnte man diese Erfindung nennen, wobei die Pointe natürlich darin besteht, dass das, was dem Betrachter als zeitloses Wesen der Welt präsentiert wird, zuvor von anderen programmiert und eingegeben wurde – die Welt ist all das, was Googles Wort über sie offenbart hat. Ein Außerhalb der Google-Höhle gibt es nicht, sie ist geschlossen und sich selbst genug.
Oder um Theologen verständlich zu bleiben: Am Anfang war das Wort, und am Ende ist es auch. Google produziert einen irdischen Gottestext, der sich nicht mehr transzendieren lässt. Damit rückt die soziale Welt ins Jenseits der Kritik, und das werden die Machtmonopole dieser Welt gewiss gern zur Kenntnis nehmen. Denn was durch einen Bildtext gültig beschrieben und im Kameraauge unwiderlegbar präsent wird, das duldet keinen Zweifel und ist so wahr wie eine zweite Natur.
Im Auge Googles gibt uns die Realität keine Rätsel mehr auf, und niemand muss sich noch etwas bei ihr denken. Was das Gerät nicht erkennt, das gibt es auch nicht. Oder wie der fabulierende Netz-Fachmann, der Amerikaner Jeff Jarvis, sagt: »Wer nicht gesucht werden kann, wird auch nicht gefunden.« Den soll dann der Teufel holen. Thomas Assheuer
- Datum 15.01.2010 - 18:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
- Kommentare 11
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Vielleicht solltet Ihr mal wieder Holz hacken oder einen Garten umgraben, damit Ihr wieder zu Euch kommt.
Jedes Gerät, jede Einrichtung ist ein Werkzeug, ein Instrument, mehr nicht. Wer das anders sieht, ist zutiefst zu bedauern und sollte mal eine wie oben genannte Therapie machen.
Was Religion oder Spiritualität anbetrifft, hat diese bekanntlich nichts mit diesem irdischen Leben zu tun, daher heißt es ja auch "Re-ligio" = Rück-Bindung. Rückbindung zur geistigen Welt, die ja gerne geleugnet wird, wir sind ja so aufgeklärt. Religion löst keine Probleme, sondern kann nur trösten oder genauer gesagt vertrösten, nämlich auf das Jenseits, das Geistige, das Spirituelle, was Ihr ja leugnet.
Daß viele Menschen Google nicht verstehen, hat damit zu tun, daß Ihr, die Schreiber der Presse, nie etwas Vernünftiges über Google schreibt. Solange Ihr das nicht tut, laßt bitte das Rumalbern über Dinge, von denen Ihr anscheinend gar nichts zu verstehen scheint.
Vollste Zustimmung, bibber!
Vollste Zustimmung, bibber!
Autor Nummer 1 hat zwar im Grunde Recht, dass Google alle unsere Schritte im Internet kontrollieren kann.
Aber seine Angst, dass durch das Nexus One sich jetzt alles ändern würde halte ich für übertrieben.
Im Internet kommt man fast nicht an Google vorbei. Oft gibt es keine Alternative, die uns einen so guten Dienst leistet. Bei SmartPhone sieht das allerdings anders aus. Man ist ja schließlich nicht verpflichtet das Google Handy zu kaufen und Alternativen gibt es reichlich. Das zeigen auch die eher verhaltenen ersten Verkaufszahlen.
Ob sich das in Zkunft allerdings ändern wird, wird sich mit der Zeit zeigen. Jetzt finde ich diese These noch etwas übertrieben.
auf falsche Fährten zu locken und die wahren Interessen zu verschleiern. Normalerweise gibt man da die Stichworte ein, die man erläutert haben möchte etc.. Wenn man ein PC-Programm entwirft, dass GOOGLE mit einer Reihe von Zufallswörtern versorgt, meinetwegen auch aus dem Netz zusammenklaubt und das eine zeitlang laufen läßt, oder meinetwegen nach jeder echten Anfrage 4-5 Fakes hinterhersendent, so dürfte es GOOGLE schwerfallen, zwischen echtem und gefaktem Interesse zu unterscheiden. Gilt natürlich für alle Schnüffelmaschinen...
gibt es soweit ich weiß für firefox schon etwas länger
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Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
Wer die Macht von Google nicht gut findet, kann ja die Alternativen verwenden - nur so kann schließlich deren Macht & Einfluss erschüttert bzw. reduziert werden.
Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
Wer die Macht von Google nicht gut findet, kann ja die Alternativen verwenden - nur so kann schließlich deren Macht & Einfluss erschüttert bzw. reduziert werden.
Die Aufgabe, unser kollektives Gedächtnis zu verwalten, einem gewinnorientierten Unternehmen zu überlassen finde ich schwierig..
Schön wäre es wenn das zustandekommen der Suchergebnisse wenigstens transparent wäre.. der Nachteil davon wäre wohl weitere Pagerank Optimierung.
Zumindest sollte überprüfbar sein, dass kein Mensch direkten Einfluss auf die Suchergebnisse hat.
Achja... statt Google mit sinnlosen Suchanfragen zu belasten kann man auch einfach einen Proxy wie z.B. www.scroogle.org benutzen.
....wieder so ein Artikel der besonderen Sorte:
"Merkwürdig ist das schon. Niemand protestierte, als Google vor einigen Jahren per Satellit noch den letzten Winkel, jeden Hinterhof und jeden Gartenschuppen abfotografieren ließ, damit jeder bei Google Earth nachgucken kann, welcher Nachbar seinen Rasen ordentlich schneidet und wer sich einen Swimmingpool leistet."
Merkwürdig? Also ich weiß ja nicht, ob die Autoren des Artikels GoogleEarth dann und wann benutzen. Den qualitativen Unterschied zwischen GoogleEarth und Google Streetview hier auf irgendetwas "Merkwürdiges" herunter zu putzen geht an jeglicher Realität vorbei. Mehr als Swimmingpools kann man nämlich in der Tat nicht erkennen, selbst in hohen Auflösungen. In Streetview kann man sich das Gardinenmuster ansehen... Klar, kann man relativieren, weil es periodistisch schön ins Bild passt. Genauso wie die Vorbehalte zu verschweigen, die es gegenüber Earth gab oder die Tatsache, dass eine Mobilisierung gegen StreetView teilweise gar nicht existiert.
Und dann noch der Verleich mit "jenen Ureinwohnern"... wieder mal so ein kultureller Stereotyp, den wir uns vermutlich zur gleichen Zeit eingefangen haben, in der auch verbreitet wurde, die "Eskimos" hätten 100 Wörter für weiß, oder Schnee....
"Viele Menschen fühlen sich dennoch enteignet. Es ergeht ihnen wie jenen Ureinwohnern, die sich vor Fotografen fürchten, weil sie glauben, dass mit ihrem Bild auch ein Teil ihrer selbst von der Kamera geschluckt wird"
Schlecht.
Ich empfehle, den Artikel zum gleichen Thema von Jaron Lanier in der FAZ zu lesen. Er spielt qualitativ in einer ganz anderen Liga und sollte die vier Kommentatoren beschämen.
Laniers Artikel hat übrigens die Überschrift "Warum die Zukunft uns noch braucht". Das sagt eigentlich schon alles.
Dieses Firefox AddOn nennt sich "Track Me Not", und ist auf den einschlägigen FF-AddOn-Seiten zu finden.
Alternativ oder für andere Browser gibt es aber noch andere ernstzunehmende Suchmaschinen wie z.B. Ixquick (www.ixquick.com), wo keinerlei Daten des Suchenden gespeichert werden oder (wer auf Ökologie Wert legt) Ecosia (www.ecosia.org), die beide für den Normalsuchenden absolut ausreichend sind.
Ich selbst benutze beide und bin zufrieden, Google verwende ich nur noch bei "hartnäckigen Fällen", da dort (zugegebenermaßen)die meisten (nicht unbedingt die besten) Ergebnisse zu finden sind.
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