An der lieben Hand der Daten - Hanno Rauterberg

Irgendwer knipst immer. Niemand ist mehr sicher vor all den Fotohandys und Videokameras, die blinkend, filmend, wachend die Welt in einen Bilderwust verwandeln. Der Mensch der Gegenwart liebt diesen Wust, er ist gern das Objekt der Objektive. Und doch wehrt er sich nun. Ausgerechnet sein Vorgarten soll bilderrein sein.

In vielen Städten protestieren nicht nur Datenschützer, auch die Bürger fühlen sich bedrängt. Sie hängen Schilder an ihre Gartenzäune: »Google Street View – Nein!« Seit fast zwei Jahren schon fahren die Autos des Internetkonzerns durch deutsche Lande, auf dem Dach einen Mast mit neun Kameras, die während der Fahrt alles filmen, jedes Kind, jeden Hund, jedes Schaufenster und natürlich auch den zerzausten Geranientopf. Das geht, finden viele Bürger, entschieden zu weit. 

Merkwürdig ist das schon. Niemand protestierte, als Google vor einigen Jahren per Satellit noch den letzten Winkel, jeden Hinterhof und jeden Gartenschuppen abfotografieren ließ, damit jeder bei Google Earth nachgucken kann, welcher Nachbar seinen Rasen ordentlich schneidet und wer sich einen Swimmingpool leistet. Warum also die Aufregung um die Street-View-Bilder von Fassaden, Jägerzäunen und Kirschlorbeerhecken? Google fotografiert doch nur, was ohnehin für alle zu sehen ist: den öffentlichen Raum.

Viele Menschen fühlen sich dennoch enteignet. Es ergeht ihnen wie jenen Ureinwohnern, die sich vor Fotografen fürchten, weil sie glauben, dass mit ihrem Bild auch ein Teil ihrer selbst von der Kamera geschluckt wird und ein anderer Macht über sie gewinnt. Solange Google nur auf Computerbildschirmen zu sehen war, hatte kaum jemand Angst vor dieser Macht. Man hörte zwar von der »Datenkrake«, die alles für immer verwahre, was wir ihr jemals an Suchbegriffen, E-Mails oder Fotos anvertrauten. Doch bislang störten sich nur wenige am Google-Gott, der alles von uns weiß, der jeden unserer Schritte sieht und dank des neuen Google-Handys immer bei uns ist, uns führt »an der lieben Hand«. Denn dieser Gott war ein abstrakter Gott, sein Reich waren die fernen Rechnerzentralen. Nun aber erscheint er uns, wird Auto, wird Kamera – wird bedrohlich.

In wessen Auftrag, zu welchem Zweck, fragen sich viele, sind die Abgesandten des Datengottes eigentlich unterwegs? Auch das macht ihn so unheimlich: Er ist omnipräsent – und doch weiß niemand, was er vorhat. Er scheint alles zu überwachen – und doch gibt es keinen identifizierbaren Wächter. Früher, zu Volkszählungszeiten, war es noch der Staat, gegen den man sich wehren konnte. Wer aber gegen Google protestiert, protestiert letztlich gegen alle. Denn alle sind bei Google und Google ist bei allen.

Das große Google-Versprechen ist Verfügbarkeit. Egal, wo ich bin, egal, was ich will – die Welt ist mein. Ich kann vergriffene Bücher lesen, abgelegene Landstriche durchwandern, in fremden Sprachen sprechen. Nichts geht verloren, alles ist im Blick: Die Welt hat sich aufgelöst in Daten, und alle Daten sind bei Google. Das ist schön und schrecklich zugleich. Bislang waren wir es, die Google nutzten, das Internet war uns ein Fenster zur Welt. Nun drehen sich die Verhältnisse um: Die Welt wird zum Fenster ins Internet, und nicht wir kommen zu Google, sondern Google kommt zu uns, im Kamera-Wagen. Und egal, ob wir von ihm erfasst werden oder unser Gesicht am Ende unkenntlich gemacht wird, fühlen wir uns betrogen. So hatten wir uns die Selbstvergottung des Menschen nicht vorgestellt. Wir wollten doch herrschen und nicht beherrscht werden. Unser Vorgarten gehört uns, und zwar aus Prinzip: weil wir uns selbst gehören wollen.