Winterchaos "Gewohnheiten geben wir erst auf, wenn es nicht mehr anders geht"
Warum der Winter Verkehrsteilnehmer immer wieder unvorbereitet trifft und wie uns die Bahn viel Ärger ersparen könnte. Ein Gespräch mit dem Verkehrspsychologen Bernhard Schlag von der TU Dresden
© Jens Büttner/dpa

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Der Winter kommt und scheint uns zu überraschen. Einige Züge der Bahn blieben im Schnee stecken
DIE ZEIT: Ausnahmezustand auf den Straßen, Verspätungen auf dem Arbeitsweg – warum scheint uns der Wintereinbruch stets so zu überraschen?
Bernhard Schlag: Überraschend kommt er ja nicht, die meisten Leute verfolgen die Wetternachrichten auch mit großem Interesse. Aber im Verkehr ist unser Verhalten hochgradig habituiert, also stark durch Gewohnheiten bestimmt. Und die stellen wir nicht gern um.
ZEIT: Warum nicht?
Schlag: Weil Gewohnheiten im Alltag sehr nützlich sind. Die Ökonomen behaupten gern, gewohnheitsmäßiges Handeln sei weniger günstig als rationales, überlegtes Verhalten, doch das Gegenteil ist der Fall. Gewohnheiten sparen Zeit, Ressourcen und Planungsaufwand – dadurch lässt sich der Alltag sehr viel leichter bewältigen.
ZEIT: Aber wenn wir mit Sommerreifen im Stau stehen oder mit der Bahn im Eisregen liegen bleiben, versagt dieses Prinzip.
Schlag: Stimmt, aber wir stellen uns nun einmal nicht so schnell um, wie die Wetterlage es tut. Unsere Gewohnheiten geben wir erst auf, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zunächst weigern wir uns, den Bedarf dafür wahrzunehmen. Es greift ja auch enorm in unseren Alltag ein, wenn wir statt 20 Minuten plötzlich zwei Stunden für den Weg zur Arbeit einplanen müssen.
ZEIT: Gilt diese Trägheit auch für Verkehrsunternehmen wie die Deutsche Bahn?
Schlag: Eigentlich geht man davon aus, dass Unternehmen rationaler handeln als Individuen. Aber offensichtlich trifft das nicht immer zu. Dort sitzen eben auch Menschen, die Entscheidungen treffen. Und die unterliegen der gleichen Verzögerung in der Verhaltensanpassung.
ZEIT: Und im weiteren Verlauf des Winters normalisiert sich der Verkehr wieder?
Schlag: Ja, nach der erzwungenen Umstellungsphase richten wir uns auf die veränderten Verhältnisse ein. Wir fahren früher los, fahren weniger, verknüpfen Wege. Auch das kann zur Gewohnheit werden, wenn es wiederholt Vorteile bringt.
ZEIT: Empfinden wir Zeitverlust immer gleich?
Schlag: Nein, Wartezeiten und Stillstand stören uns besonders. Einen Stau auf der Autobahn etwa umfahren viele Menschen auf Nebenstraßen, auch wenn das am Ende sogar mehr Zeit kostet. Und ein langsam fahrender Zug stört uns weniger als ein Zug, der steht – selbst wenn Letzterer die Zeit bis zur Ankunft wieder aufholt.
ZEIT: Wäre das nicht ein guter Tipp für die Bahn?
Schlag: Das haben wir ihr schon empfohlen! Es ist besser, den Fahrplan langsamer und mit längeren Übergangszeiten zu gestalten, ihn aber zuverlässig einzuhalten. Die Kunden empfänden das als Gewinn – nicht weil sie insgesamt Zeit gewönnen, sondern weil die Fahrzeit kalkulierbarer würde.
- Datum 13.01.2010 - 14:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Verspätungen nimmt man schon in Kauf.
Viel schlimmer ist, daß man sich nirgends mehr auf den kleinen Bahnhöfen unterstellen kann z.B.bei schlechtem Wetter, bei Zugverspätungen etc.
Früher -vor 20 Jahren-gab es hier auf jedem kleinen Bahnhof, den ich kennen, einen Warteraum. Warum sind die abgeschafft worden?
Warum sind die kleinen Bahnhofsgebäude an ausländische Geldanleger verkauft worden (die sie entweder abreißen oder so lange stehen lassen, bis sie von selbst verfallen (Bad-Sulza, Auerstedt,Weißenfels, Bad-Kösen, Dornburg, Camburg,Göschwitz...u.v.a.)
Warum wurde diese Häuser nicht kommunales Eigentum?
Wissen die Bahnverkäufer, daß die Bahnkunden diesen Raub nie vergessen werden?
Wer von den Bahnmanagern hat diese Vorschläge eingebracht?
Bezwecketen sie damit eventuell den schnellen Wechseel der Fahrgäste von der Bahn zum Auto?
Welcher umweltfreundliche Politiker hat diese Vorschläge befördert?
Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(
Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(
Interessanter Abschnitt, das:
"Eigentlich geht man davon aus, dass Unternehmen rationaler handeln als Individuen. Aber offensichtlich trifft das nicht immer zu. Dort sitzen eben auch Menschen, die Entscheidungen treffen."
Der kleine aber feine Unterschied zwischen den Pendlern, die den Bahnverkehr tagtäglich nutzen und den für die Planung verantwortlichen Mitarbeitern ist der, dass letzteres vielleicht auch mit dem (verspäteten) Zug anreisen, aber abgesehen davon auch dafür bezahlt werden, damit genau sowas nicht passiert.
Siehe da, jedes Jahr die gleiche Überraschung: Im Winter ist es kalt. Dann fallen plötzlich 20cm Schnee und Tags darauf steht ein Hansel der S-Bahn Berlin vorm Mikrofon und erzählt was von "sibirischen Temperaturen", was wohl eine missglückte Umschreibung für "drei Tage lang minus 16°C" sein soll. Das ist durchaus kalt, aber weder kalt genug um es gerechtfertigt "sibirisch" zu nennen. ...oder den S-Bahn-Takt gleich wieder so weit auszudünnen, dass man sich als (inzwischen genervter) Pendler fragt, ob die Temperatur nicht eine willkommene Entschuldigung sind, um Zeit zu schinden, die die ausfallenden Wagen dann in der Werkstatt verbringen, weil die Hälfte aller fahrenden möglicherweise Züge immernoch notdürftigst gewartet ist.
...Ach, Humbug, die armen Züge frieren bestimmt nur und im Winter müssen nur die unartigen S-Bahnen raus. So wirds sein. Mit dem Börsengang wär das nicht passiert!
Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(
Die Gruende interessieren die Bahnkunden doch garnicht wirklich. Die wollen einfach krakeelen.
Gestern: "Personenschaden", der Zugfuehrer sagte das durch. Allgemeiner Unmut, Ruecksichtslosigkeit, aber na ja die Bahn.
Es war eigentlich genau, was Hr. Schlag fordert. Der Grund wurde sehr schnell genannt, er war plausibel. Die Verspaetung und die lange Wartezeit ergibt sich aus der notwendigen kriminaltechnischen Untersuchung. Das ist alles wohlbekannt. Aber bewirkt hat das nichts.
Manchmal glaube ich, die Bahn tut gut daran mit ihren Informationen so zurueckhaltend zu sein.
"Wegen der Konkurrenz zum Flugzeug..."
Wo gibt es denn im Regionalverkehr fuer die S-Bahn eine Konkurrenz durch das Flugzeug? Doch nur fuer den Eisenbahnminister der einen Hubschrauber nimmt weil es weiss dass seine Bahn zu spaet kommt...
Der groesste Teil der Bahn stht dcoh nicht in der Konkurrenz mit dem Flugzeug - im Gegenteil: Ohne Bahn kommt man nicht zum Flugplatz und nicht vom Flugplatz weg.
Da gaebe es so einiges zu verbessern durch Zuammenarbeit von Bahn und Flugverkehr!
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