DIE ZEIT: Ausnahmezustand auf den Straßen, Verspätungen auf dem Arbeitsweg – warum scheint uns der Wintereinbruch stets so zu überraschen?

Bernhard Schlag: Überraschend kommt er ja nicht, die meisten Leute verfolgen die Wetternachrichten auch mit großem Interesse. Aber im Verkehr ist unser Verhalten hochgradig habituiert, also stark durch Gewohnheiten bestimmt. Und die stellen wir nicht gern um.

ZEIT: Warum nicht?

Schlag: Weil Gewohnheiten im Alltag sehr nützlich sind. Die Ökonomen behaupten gern, gewohnheitsmäßiges Handeln sei weniger günstig als rationales, überlegtes Verhalten, doch das Gegenteil ist der Fall. Gewohnheiten sparen Zeit, Ressourcen und Planungsaufwand – dadurch lässt sich der Alltag sehr viel leichter bewältigen.

Europa in Schneeweiß. Eine Fotostrecke © ESA

ZEIT: Aber wenn wir mit Sommerreifen im Stau stehen oder mit der Bahn im Eisregen liegen bleiben, versagt dieses Prinzip.

Schlag: Stimmt, aber wir stellen uns nun einmal nicht so schnell um, wie die Wetterlage es tut. Unsere Gewohnheiten geben wir erst auf, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Zunächst weigern wir uns, den Bedarf dafür wahrzunehmen. Es greift ja auch enorm in unseren Alltag ein, wenn wir statt 20 Minuten plötzlich zwei Stunden für den Weg zur Arbeit einplanen müssen.

ZEIT: Gilt diese Trägheit auch für Verkehrsunternehmen wie die Deutsche Bahn?

Schlag: Eigentlich geht man davon aus, dass Unternehmen rationaler handeln als Individuen. Aber offensichtlich trifft das nicht immer zu. Dort sitzen eben auch Menschen, die Entscheidungen treffen. Und die unterliegen der gleichen Verzögerung in der Verhaltensanpassung.

ZEIT: Und im weiteren Verlauf des Winters normalisiert sich der Verkehr wieder?

Schlag: Ja, nach der erzwungenen Umstellungsphase richten wir uns auf die veränderten Verhältnisse ein. Wir fahren früher los, fahren weniger, verknüpfen Wege. Auch das kann zur Gewohnheit werden, wenn es wiederholt Vorteile bringt.

ZEIT: Empfinden wir Zeitverlust immer gleich?

Schlag: Nein, Wartezeiten und Stillstand stören uns besonders. Einen Stau auf der Autobahn etwa umfahren viele Menschen auf Nebenstraßen, auch wenn das am Ende sogar mehr Zeit kostet. Und ein langsam fahrender Zug stört uns weniger als ein Zug, der steht – selbst wenn Letzterer die Zeit bis zur Ankunft wieder aufholt.

ZEIT: Wäre das nicht ein guter Tipp für die Bahn?

Schlag: Das haben wir ihr schon empfohlen! Es ist besser, den Fahrplan langsamer und mit längeren Übergangszeiten zu gestalten, ihn aber zuverlässig einzuhalten. Die Kunden empfänden das als Gewinn – nicht weil sie insgesamt Zeit gewönnen, sondern weil die Fahrzeit kalkulierbarer würde.

"Entscheidend ist, dass wir überhaupt informiert werden"

ZEIT: Wegen der Konkurrenz zum Flugzeug gehe das nicht, heißt es. Dafür informiert uns die Bahn ausführlicher, warum der enge Zeitplan nicht eingehalten wird: wegen »Weichenstörung«, »Fahrzeugschaden« oder »Personen im Gleis«. Hilft das?

Schlag: Der genannte Grund ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir überhaupt informiert werden und dass der Grund glaubwürdig ist. Dann haben wir das Gefühl, dass man sich zumindest um unsere Belange kümmert und sich bemüht.

ZEIT: Über Verspätungen von 20 Minuten wird viel gemeckert, wenn sie länger als zwei Stunden dauern, kippt irgendwann die Stimmung im Zug. Woran liegt das?

Schlag: Man bildet dann eine Gemeinschaft leidender Individuen, und das hilft. Ich habe das erlebt, als der Sturm Kyrill den Zugverkehr im ganzen Land lahmlegte und wir eine Nacht im Erfurter Bahnhof stehen mussten. Wir haben damals gemeinsam die Bar geplündert, und niemand hat sich über die Verspätung beschwert. Entscheidend ist, dass die Bahnbediensteten sich dann nicht verdrücken, sondern auf die Fahrgäste zugehen. Auch Humor spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Regulierung des Ärgers.

ZEIT: Reagieren die Menschen heute anders auf den Wintereinbruch als vor 20 Jahren?

Schlag: Ja, wir fühlen uns heute noch stärker in ein Zeitkorsett eingebunden und reagieren deshalb sensibler gegenüber allen Faktoren, die uns darin stören.

ZEIT: Entscheidend ist nicht die Zeit, sondern das Erleben der Zeit?

Schlag: Ja, das ist im Moment auch ein großes Thema zwischen Psychologen und Ökonomen. In der Ökonomie ist es üblich, Zeit mit Geld abzuwägen.Beim Ausbau von Straßen und Schienenwegen wird der Zeitgewinn gern mit drei bis 20 Euro pro Stunde multipliziert. Das ergibt dann wahnsinnige Summen, mit denen sich jede Investition rechtfertigen lässt. Wir Psychologen sehen das sehr kritisch. Denn die Zeitdauer ist nicht nur ein Kostenfaktor. Manchmal ist sie auch ein Gewinn – wenn man im Zug ein gutes Buch liest oder eine interessante Sendung im Autoradio hört.

ZEIT: Heißt das, eine Verspätung kann auch glücklich machen?

Schlag: So weit würde ich nicht gehen. Aber wenn mein Zug komplett einschneit, dann werde ich mich den Rest des Lebens daran erinnern, das Ereignis trägt zur Identität bei. Ein Leben, das immer in den gleichen Bahnen verläuft und immer zum gleichen vorhersehbaren, kontrollierbaren Moment passiert, wäre ziemlich langweilig.

Die Fragen stellte Dirk Asendorpf