Winterchaos "Gewohnheiten geben wir erst auf, wenn es nicht mehr anders geht"
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"Entscheidend ist, dass wir überhaupt informiert werden"

ZEIT: Wegen der Konkurrenz zum Flugzeug gehe das nicht, heißt es. Dafür informiert uns die Bahn ausführlicher, warum der enge Zeitplan nicht eingehalten wird: wegen »Weichenstörung«, »Fahrzeugschaden« oder »Personen im Gleis«. Hilft das?

Schlag: Der genannte Grund ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir überhaupt informiert werden und dass der Grund glaubwürdig ist. Dann haben wir das Gefühl, dass man sich zumindest um unsere Belange kümmert und sich bemüht.

ZEIT: Über Verspätungen von 20 Minuten wird viel gemeckert, wenn sie länger als zwei Stunden dauern, kippt irgendwann die Stimmung im Zug. Woran liegt das?

Schlag: Man bildet dann eine Gemeinschaft leidender Individuen, und das hilft. Ich habe das erlebt, als der Sturm Kyrill den Zugverkehr im ganzen Land lahmlegte und wir eine Nacht im Erfurter Bahnhof stehen mussten. Wir haben damals gemeinsam die Bar geplündert, und niemand hat sich über die Verspätung beschwert. Entscheidend ist, dass die Bahnbediensteten sich dann nicht verdrücken, sondern auf die Fahrgäste zugehen. Auch Humor spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Regulierung des Ärgers.

ZEIT: Reagieren die Menschen heute anders auf den Wintereinbruch als vor 20 Jahren?

Schlag: Ja, wir fühlen uns heute noch stärker in ein Zeitkorsett eingebunden und reagieren deshalb sensibler gegenüber allen Faktoren, die uns darin stören.

ZEIT: Entscheidend ist nicht die Zeit, sondern das Erleben der Zeit?

Schlag: Ja, das ist im Moment auch ein großes Thema zwischen Psychologen und Ökonomen. In der Ökonomie ist es üblich, Zeit mit Geld abzuwägen.Beim Ausbau von Straßen und Schienenwegen wird der Zeitgewinn gern mit drei bis 20 Euro pro Stunde multipliziert. Das ergibt dann wahnsinnige Summen, mit denen sich jede Investition rechtfertigen lässt. Wir Psychologen sehen das sehr kritisch. Denn die Zeitdauer ist nicht nur ein Kostenfaktor. Manchmal ist sie auch ein Gewinn – wenn man im Zug ein gutes Buch liest oder eine interessante Sendung im Autoradio hört.

ZEIT: Heißt das, eine Verspätung kann auch glücklich machen?

Schlag: So weit würde ich nicht gehen. Aber wenn mein Zug komplett einschneit, dann werde ich mich den Rest des Lebens daran erinnern, das Ereignis trägt zur Identität bei. Ein Leben, das immer in den gleichen Bahnen verläuft und immer zum gleichen vorhersehbaren, kontrollierbaren Moment passiert, wäre ziemlich langweilig.

Die Fragen stellte Dirk Asendorpf

 
Leser-Kommentare
    • hannam
    • 13.01.2010 um 15:07 Uhr

    Verspätungen nimmt man schon in Kauf.
    Viel schlimmer ist, daß man sich nirgends mehr auf den kleinen Bahnhöfen unterstellen kann z.B.bei schlechtem Wetter, bei Zugverspätungen etc.
    Früher -vor 20 Jahren-gab es hier auf jedem kleinen Bahnhof, den ich kennen, einen Warteraum. Warum sind die abgeschafft worden?
    Warum sind die kleinen Bahnhofsgebäude an ausländische Geldanleger verkauft worden (die sie entweder abreißen oder so lange stehen lassen, bis sie von selbst verfallen (Bad-Sulza, Auerstedt,Weißenfels, Bad-Kösen, Dornburg, Camburg,Göschwitz...u.v.a.)
    Warum wurde diese Häuser nicht kommunales Eigentum?
    Wissen die Bahnverkäufer, daß die Bahnkunden diesen Raub nie vergessen werden?
    Wer von den Bahnmanagern hat diese Vorschläge eingebracht?
    Bezwecketen sie damit eventuell den schnellen Wechseel der Fahrgäste von der Bahn zum Auto?
    Welcher umweltfreundliche Politiker hat diese Vorschläge befördert?

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    • diskus
    • 13.01.2010 um 19:43 Uhr

    Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(

    • diskus
    • 13.01.2010 um 19:43 Uhr

    Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(

  1. Interessanter Abschnitt, das:

    "Eigentlich geht man davon aus, dass Unternehmen rationaler handeln als Individuen. Aber offensichtlich trifft das nicht immer zu. Dort sitzen eben auch Menschen, die Entscheidungen treffen."

    Der kleine aber feine Unterschied zwischen den Pendlern, die den Bahnverkehr tagtäglich nutzen und den für die Planung verantwortlichen Mitarbeitern ist der, dass letzteres vielleicht auch mit dem (verspäteten) Zug anreisen, aber abgesehen davon auch dafür bezahlt werden, damit genau sowas nicht passiert.
    Siehe da, jedes Jahr die gleiche Überraschung: Im Winter ist es kalt. Dann fallen plötzlich 20cm Schnee und Tags darauf steht ein Hansel der S-Bahn Berlin vorm Mikrofon und erzählt was von "sibirischen Temperaturen", was wohl eine missglückte Umschreibung für "drei Tage lang minus 16°C" sein soll. Das ist durchaus kalt, aber weder kalt genug um es gerechtfertigt "sibirisch" zu nennen. ...oder den S-Bahn-Takt gleich wieder so weit auszudünnen, dass man sich als (inzwischen genervter) Pendler fragt, ob die Temperatur nicht eine willkommene Entschuldigung sind, um Zeit zu schinden, die die ausfallenden Wagen dann in der Werkstatt verbringen, weil die Hälfte aller fahrenden möglicherweise Züge immernoch notdürftigst gewartet ist.

    ...Ach, Humbug, die armen Züge frieren bestimmt nur und im Winter müssen nur die unartigen S-Bahnen raus. So wirds sein. Mit dem Börsengang wär das nicht passiert!

    • diskus
    • 13.01.2010 um 19:43 Uhr

    Dafuer gibt es eine sehr einfache, aber auch eine sehr traurige Erklaerung. Mein Vater hat sich bei der Bahn unter anderem sehr lange um die Erhaltung derartiger Warteraeume auf kleineren Bahnhoefen gekuemmert. Das Problem ist, dass es in Deutschland (leider allem Anschein nach wirklich ueberall) ein ernsthafter Sport ist, derartiges Bahneigentum/gemeinnuetziges Eigentum zu zerstoeren, indem es mit Graffitis verunstaltet oder auch z.B. angezuendet wird. Sie koennen sich ja mal den Spass machen und versuchen, eine Standard-Bahnhofsbeleuchtung kapputt zu machen. Das sind ueblicherweise super-stabile, kaum zerkratzbare, feuerfeste Materialien, an denen Grafitis sehr schlecht halten. Und diese Lampen sind schweineteuer. Die Bahn hat sehr viel Geld und Zeit und auch Kreativitaet in die Erhaltung der Warteraeume gesteckt, aber auf Dauer ist es einfach zu teuer, jede Woche (keine Uebertreibung) eine neue Lampe/Bank/Mauer einzubauen, nur damit die zwei Omas vom Dorf nicht im Dunkeln ueber den Bahnhof laufen. In Anbetracht der abstrusen Geschichten, die mir mein Vater von den neuesten "Ideen" im Wettruesten um den Bahnhof erzaehlt hat, verstehe ich sehr gut, dass sich die Bahn irgendwann nicht mehr diesen Stress machen wollte :-(

  2. Die Gruende interessieren die Bahnkunden doch garnicht wirklich. Die wollen einfach krakeelen.
    Gestern: "Personenschaden", der Zugfuehrer sagte das durch. Allgemeiner Unmut, Ruecksichtslosigkeit, aber na ja die Bahn.
    Es war eigentlich genau, was Hr. Schlag fordert. Der Grund wurde sehr schnell genannt, er war plausibel. Die Verspaetung und die lange Wartezeit ergibt sich aus der notwendigen kriminaltechnischen Untersuchung. Das ist alles wohlbekannt. Aber bewirkt hat das nichts.
    Manchmal glaube ich, die Bahn tut gut daran mit ihren Informationen so zurueckhaltend zu sein.

  3. "Wegen der Konkurrenz zum Flugzeug..."
    Wo gibt es denn im Regionalverkehr fuer die S-Bahn eine Konkurrenz durch das Flugzeug? Doch nur fuer den Eisenbahnminister der einen Hubschrauber nimmt weil es weiss dass seine Bahn zu spaet kommt...

    Der groesste Teil der Bahn stht dcoh nicht in der Konkurrenz mit dem Flugzeug - im Gegenteil: Ohne Bahn kommt man nicht zum Flugplatz und nicht vom Flugplatz weg.
    Da gaebe es so einiges zu verbessern durch Zuammenarbeit von Bahn und Flugverkehr!

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