Der Fall Natascha Kampusch : "Ich bin stark"

Vor drei Jahren entfloh Natascha Kampusch ihrem Entführer - nach 3096 Tagen im Verlies. Mit unserem Autor Peter Reichard ist die Österreicherin wieder an den Tatort zurückgekehrt

Am 23. August 2006, gegen 13 Uhr, hastet eine junge Frau durch die Gärten einer Wohnsiedlung bei Wien. Sie hat einen günstigen Moment genutzt, um dem Mann zu entkommen, der sie als Zehnjährige auf dem Schulweg entführte, in ein winziges Verlies seines Hauses sperrte und wie eine Leibeigene hielt, achteinhalb Jahre lang. Dreitausendsechsundneunzig Tage und Nächte. Der jungen Frau gelingt die Flucht. Ihr Entführer nimmt sich das Leben. Von einem Tag auf den anderen kennt die ganze Welt ihren Namen – Natascha Kampusch. Und wartet darauf, dass sie ihre Geschichte erzählt.

Wer in einer Behörde die Nummer 134 zieht, muss sich auf eine lange Wartezeit einstellen. Aber er weiß, irgendwann kommt er dran. Genau das weiß ich nicht. Denn die Nummer 134 hat mir Natascha Kampuschs erster Medienberater verpasst, der seit Tagen mit kaum etwas anderem beschäftigt ist, als den Ansturm journalistischer Bittsteller listenmäßig zu erfassen. Meine Chance wird auf eins zu 400 schmelzen, so hoch ist am Ende die Zahl meiner Konkurrenten. Wir alle wollen dasselbe: mit Natascha Kampusch sprechen – über ihr Schicksal. Exklusiv natürlich.

Ich war, bevor ich Dokumentarfilmer wurde, in Hamburg Polizist gewesen, hatte als Kripofahnder in zwei internationalen Fällen Kidnapper gejagt. Warum nicht diese Erfahrung nutzen und Kontakt zu meinen österreichischen Exkollegen knüpfen? Und meine journalistisch tätige Frau einbeziehen, die einen besonderen Zugang zur Mentalität des Nachbarlandes hat – sie ist Österreicherin.

Wir reisen nach Wien und kehren mit dem Versprechen von Polizei und Staatsanwaltschaft zurück, dass sie unser Projekt unterstützen werden. Unter einer Voraussetzung: Natascha Kampusch muss sich daran beteiligen, das Wohl des Opfers stehe über allem. Wir sind beeindruckt von der amtlichen Fürsorge. Die auch uns vielleicht ein wenig zuteilwurde, wir wissen es bis heute nicht. Denn plötzlich gehen für uns alle Türen auf: Wir dürfen Natascha Kampusch treffen. Im Büro ihres Medienberaters Nummer zwei.

Wie sollen wir ihr begegnen?

Wir haben gehört, sie möge kein Parfum. Und keine Menschen mit überbordendem Temperament und heftigen Gesten. Nun, wir benutzen Duftwässer und reden mit Händen und Füßen. Für uns ist klar: Wir fahren zwar das alles ein wenig herunter, aber wir bleiben wir selbst. Denn aus meiner Zeit als Polizist weiß ich: Wer wie Natascha Kampusch über Jahre hinweg darauf trainiert ist, jedes Körpersignal, jede Bemerkung seines Peinigers zu deuten, um daraus einen winzigen Nutzen für das eigene Überleben zu ziehen, dem kann man nichts vormachen.

Dann steht sie vor uns. Blass und schmal. Ihr scheuer Blick streift unsere Gesichter, sie reicht uns die Hand am schnurgerade ausgestreckten Arm. Eine Schutzmaßnahme, wie wir noch lernen werden, mit der sie Menschen auf Distanz hält. Denn es gibt fast niemanden, dem sie vertraut. Wolfgang Priklopil, ihr Entführer, hat ihr Vertrauen in lauerndes Misstrauen verkehrt, weil sie ihm ausgeliefert war und nie wissen konnte, was er in der nächsten Sekunde mit ihr vorhatte. Wer Natascha Kampusch näherkommen möchte, muss sich ihr Vertrauen erarbeiten. Sagen, was er denkt, und denken, was er sagt. Sie nie hintergehen. Sie unterzieht uns einem Vertrauenstest, wir stehen unter Langzeitbeobachtung. Sie hofft, dass wir verstanden haben, was für sie wichtig ist. Das ist vor allem der Respekt vor ihrer Intimsphäre, allem Privaten. Was jedoch intim und privat ist, definiert sie anders als wir. Ihre Grenze zur Verletzung ist hauchdünn.

Natascha Kampusch wirkt unendlich traurig an jenem Märznachmittag 2007. Stumm hört sie sich an, warum gerade wir es seien, die besonders einfühlsam und professionell eine Fernsehdokumentation über ihr Schicksal machen würden. Wir versuchen, ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen. Stellen Fragen, die sie höflich beantwortet, mit zarter, leiser Stimme. Ich möchte sie umarmen. Reiße mich zusammen, unterlasse es. Dann, endlich, hat auch sie eine Frage. Ich soll ihr alles über Jakob von Metzler erzählen, über dessen Fall ich einen Dokumentarfilm gedreht habe.

Wir sind überrascht – wie kommt sie darauf? Sie habe das Drama um den Bankierssohn aus Frankfurt im Fernsehen verfolgt, sagt sie. Sie habe mit ihm und seiner Familie gelitten, aber ihre Gefühle unter Kontrolle halten müssen, da sie ja selber von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil kontrolliert worden sei.

Eine Stunde ist vergangen. Wir verabschieden uns und haben nun mit der eigenen Traurigkeit zu kämpfen, die Natascha Kampusch in uns auslöst. Wir wissen, dass sie Zeit brauchen wird, um ihr neues Leben zu ordnen. Dass sie gesund werden muss, soweit das bei ihrem Schicksal möglich ist. Dass sie sich stark genug fühlen muss, um sich an die Mitarbeit an unserem Film heranzuwagen. Das haben wir ihr gesagt. Wir wissen, dass wir nur dann glaubwürdig bleiben, wenn wir sie nicht drängen. Sie in Ruhe lassen, bis von ihr das Zeichen kommt: Ich bin so weit.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Natascha Kampusch

Jetzt ist also "Die Zeit" auch noch auf den fahrenden Zug aufgesprungen und bringt eine Live-Begegnung mit dem Verließ von Natascha Kampusch.

Diese Frau ist einfach mediengeil. Die meisten hier in Österreich können das medienwirksame Getue dieser Frau schon nicht mehr hören und sehen.

Kein Mensch kann mir erzählen, daß dieses Verhalten der besseren Verarbeitung des Erlebten dienlich ist.

Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber das Theater um diese Frau ist nur noch zum Kotzen.

Nachsatz

Wie Sie überhaupt auf die Idee kommen, irgendein medialer Auftritt oder überhaupt eine Öffentlichkeit könne zur Verarbeitung eines Traumas dienlich sein!? Das zeigt ebenfalls, daß Sie von Trauma wirklich gar keine blasse Ahnung haben.
Es ist wirklich unerhört, wie Sie einer Frau, die von der Öffentlichkeit so oder so ein weiteres Mal mißbraucht wurde, die Legitimität der von ihr gewählten Notwehr absprechen.
Das Wort 'mediengeil' finde ich im Zusammenhang mit Frau Kampusch wirklich unter jeder Gürtellinie.

Mediengeil?

Mediengeil sind Leute, die an Castingshows, Dschungel-Camps u.ä. teilnehmen. Mediengeil sind Leute wie die vierte Ehefrau von Lothar Matthäus, Sandy Meyer-Wölden und andere, die in ihrem Leben nichts geleistet haben und trotzdem als fleischgewordene Banalität die Medien beherrschen.

Und wie sie das Geschehene am Besten verarbeitet, sollte immer noch ihre Sache sein. Wen's nicht interessiert, der muss ja nicht einschalten.

Im Übrigen: Wieso sollte sich jemand, der jahrelang mit der Außenwelt keinen Kontakt hatte, so verhalten, wie es die Öffentlichkeit erwartet? Abgesehen von der Frage, ob man sich immer so verhalten soll, wie es alle von einem erwarten, kommt hier hinzu, dass sie während ihrer gesamten Jugend darum beraubt wurde, "normale" zwischenmenschliche Erfahrungen zu machen.

Im Gegensatz zu Ihnen

habe ich die Berichte über die Entführung und Gefangenschaft von N. Kampusch - in seriösen ö. Zeitungen - seit ihrer Flucht verfolgt.

Frau Kampusch hat sich schon sehr zeitig - mit Hilfe ihrer "Medienberater" - dem Boulevard anvertraut, und man konnte als unvoreingenommener Beobachter schon sehr stark spüren, daß es hier nicht um die Verarbeitung des Erlebten sondern um öffentliche Aufmerksamkeit und - vor allem - Geld ging. Öffentlichkeit hatte sie in den letzten 3 Jahren mehr als genug.

Im übrigen: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in dem Fall sind zwar jetzt abgeschlossen und die Eintätertheorie angeblich unzweifelhaft. Das liegt aber eher daran, daß die Staatsanwaltschaft keinen Zweifel aufkommen lassen will, daß etwas anderes auch möglich wäre und dient außerdem der Vertuschung der Pannen bei der Fahndung und der Befragung von N. Kampusch. Die Zweifel an Frau Kampusch Darstellung über den Tathergang und die Zeit der Gefangenschaft bleiben, und zwar auch bei Rechtssachverständigen.

Also, bleiben Sie mir vom Leib mit Ihren Anschuldigungen!

Das ist wohl eine Spur

zu persönlich, wenn ich auch Ihrer Annahme, daß es viele Priklopils gibt, ganz uneingeschränkt zustimmen möchte. Wobei er wie auch Herr Fritzl insofern Ausnahmen sind, als bei beiden Verbrechen das Moment der Kontrolle über die Maßen extrem war. Das ist letztendlich aber nur ein gradueller Unterschied.

Darin liegt für mein Empfinden auch die große Gefahr einer unseriösen und voyeuristischen Berichterstattung - alle Welt glotzt mit großem Lustgewinn nach Österreich und übersieht dabei die Gewalt in der nächsten Nachbarschaft. Zur Erinnerung: in Deutschland macht jedes 3.-4. Mädchen und jeder 5.-7. Junge Erfahrungen sexualisierter Gewalt vor dem 16. Lebensjahr. Ein Kind spricht im Durchschnitt mit 5 Erwachsenen, bevor ihm jemand glaubt. Die Freiheitsstrafen für Vergewaltigung von Kindern liegt unter denen für Eigentumsdelikte, wenn ein solches Verbrechen überhaupt zur Anzeige, noch viel unwahrscheinlicher, zur Verhandlung kommt. Alles Andere ist Dunkelziffer.

Die Kinder haben fast immer lebenslänglich. Überdies ist Vergewaltigung ein Verbrechen, bei dem zu allem Übel der Makel an den Betroffenen klebt. Das ist im übrigen ein Punkt, den ich bei Frau Kampusch ganz außerordentlich bemerkenswert finde - ihr ist es gelungen, diesen Makel abzustreifen. Wohl niemand sieht sie als geschändetes Opfer, sondern als Betroffene eines schrecklichen Verbrechens. Das wäre ohne ihre Flucht nach vorn in die Öffentlichkeit nicht möglich gewesen. Das 'mediengeil' zu nennen ist eine Frechheit!

@ 16: Merci

Merci, liebe Dame von Welt, für diese Anmerkungen.

Trotz aller Einfühlsamkeit im Vergleich zu anderen Artikeln über Natascha Kampusch bleibt ein ungutes Gefühl, das auch die Autoren des Dokumentarfilms wieder nur an einem "unerhörten", singulären Verbrechen interessiert sind.

Über die alltägliche sexuelle Gewalt gegen Kinder berichtet in Deutschland niemand - im STERN gab es im vergangenen Jahr einen Mini-Bericht dazu, ansonsten: Schweigen im Blätterwald.

Was mag in einem Kind vorgehen, das weiss, es wird am Abend / nachts wieder vergewaltigt werden? Wie bewältigt so ein Kind über Jahre den Schulalltag? Wie kommuniziert es mit Menschen, die ein normales, gewaltfreies Leben führen und sich nicht vorstellen können, wie es ist, in einem dauerhaften Ausnahmezustand zu leben?

Das wären Dinge, die ich einmal in der Medien-Berichterstattung thematisiert sehen möchte.

Lieber leanders

das möchte ich nicht thematisiert sehen! Und zwar aus dem Grund, daß mir schon beim Gedanken daran, wer das auch so alles mitlesen und sich daran aufgeilen würde, ganz anders wird. Es gab außerdem ab Ende der 80er für einige Jahre eine regelrechte Flut an Medienberichten über sexualisierte Gewalt mit der Folge, daß sich jede Kindergärtnerin als Expertin fühlt(e) und dieser Vorwurf auch die ultimative Waffe in so mancher Scheidung wurde. Außerdem und der wichtigste Grund - auch vergewaltigte Kinder haben eine Intimsphäre und es reicht wirklich, wenn der Täter m/w die verletzt. Es gibt überreichlich Mißbrauch mit dem Mißbrauch - ein schwieriges und sehr komplexes Thema.

Im übrigen - Sie können ganz sicher davon ausgehen, daß auch Sie von sexualisierter Gewalt Betroffene persönlich kennen - vielleicht erzählt Ihnen eines Tages jemand darüber im Vertrauen. Falls Sie sich mit der Thematik weiter beschäftigen möchten - ich fand diese Seite ziemlich informativ:
http://www.praevention.or...

Mir blieb beim Ausgangsartikel übrigens gar kein ungutes Gefühl, da der Autor und seine Frau mit großem Respekt und Vorsicht mit Frau Kampusch umgingen, nicht in sie hineininterpretierten, sondern bei ihren eigenen Emotionen und Reaktionen blieben. Oder auch so: glückliche Menschen gleichen sich, während Unglück sehr individuell ist. Das Thema IST schließlich Frau Kampusch, insofern hätte ich hier die Erweiterung auf sex. Gewalt im allgemeinen auch als respektlos empfunden.

Gute Frage

Haben sie den Artikel ueberhaupt gelesen?...
Ich habe mich nie sonderlich mit dieser Frau oder ihrem Schicksal auseinander gesetzt...

Und deshalb lese ich in diesem Artikel keine Fortsetzung von vorhandenen Informationen, suche nicht nach neuem...

Ich lese einen verflucht gut geschriebene Artikel ueber die Arbeit eines Journalisten mit dem wohl sensibelsten Bereich in den er sich vorwagen kann...

Danke

Sie sind vielleicht Beobachter,

@theobald tiger, nicht aber unvoreingenommen. Sondern bösartig.

Sagt Ihnen der Begriff 'Flucht nach vorn' etwas? Die hat nach meinem Eindruck Frau Kampusch ergriffen. Bei der desaströsen Schlammpfütze, die in Österreich unter Presse läuft, auch die einzige Möglichkeit, den verwendeten Dreck wenigstens ein bißchen mit zu bestimmen. Außer Standard und Presse gibt's doch nur Gosse.

Unerhört finde ich, wie Sie hier über eine Frau befinden, deren traumatisches Erleben Sie nicht im Mindesten nachvollziehen.

Der Artikel von Peter Reichard hebt sich wohltuend von so mancher Berichterstattung ab. Dafür danke. Ich grolle der Zeit immer noch wegen der furchtbaren Aufgeilerei an Amstetten - da hatte sie das österreichisches Niveau erreicht.