Deutsche Eltern sind masochistisch veranlagt. Sie lieben nicht nur das Dauerlamento über den Zustand der Familie, sondern ebenso die Kollektivbeschimpfung heutiger Väter und Mütter. Anders lassen sich die Erfolge der Katastrophen-Soaps und Krisenreports von der Erziehungsfront kaum erklären. Danach wird unser Nachwuchs entweder verhätschelt oder vernachlässigt, im schlimmsten Fall beides. Gerade Kinder aus der krisengebeutelten Mittelschicht bekämen angeblich alles, was sie wollten, nur nicht das, was sie brauchten: Zuwendung und Zeit.

Ihre Eltern werden angeblich aufgerieben von Job und Statussicherung, während die Kinder gegen den Dauerstress in Schule und organisierter Freizeit kämpfen. Da bleibe eben kein Raum mehr für das gemeinsame Erleben der Generationen. So lautet die allgegenwärtige Diagnose der Bestsellerbücher und Feuilletonanalysen.

Liest man dagegen die trockene Empirie der Sozialwissenschaftler, dann hellt sich das Bild der Familie als modernes Zerfallsprodukt deutlich auf. Das zeigt etwa ein Blick in die aktuelle Ausgabe des DJI-Bulletins, in der das Deutsche Jugendinstitut in München die aktuellen Befunde der Familienforschung zusammenträgt. Beispiel gemeinsames Essen: Die Zeit, da sich Eltern und ihre Kinder jeden Tag um den (von Mutter gedeckten) Tisch versammelten, um sich ausgiebig untereinander auszutauschen, sei so gut wie vorbei, heißt es häufig. Die isolierte Nahrungsaufnahme schreite voran.

Stimmt nicht, haben Ernährungsforscher der Universität Gießen ermittelt. Im Gegenteil: Regelmäßige Mahlzeiten spielen für das Familienleben weiterhin eine große Rolle. Heute dauern die bewusst inszenierten Zusammentreffen von Jung und Alt um Suppenschüssel oder Bratentopf sogar länger als noch vor zwanzig Jahren.

Überhaupt wächst die dem Nachwuchs gewidmete Zeit, anstatt zu schrumpfen. 1990 verbrachten Eltern mit ihren (unter sechs Jahre alten) Söhnen und Töchtern pro Tag vier Stunden und 52 Minuten. Heute ist es laut der letzten Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamts eine Dreiviertelstunde mehr. Gerade Väter spielen häufiger mit ihren Kinder und lesen ihnen mehr vor als früher, auch wenn weiterhin die Mütter den Großteil der sogenannten Beziehungsarbeit bewältigen.

Die gefühlte Krise der Familie ist sehr viel größer als die echte, wie auch die Angst vor dem sozialen Abstieg vieler (Mittelschicht-) Eltern in keinem Verhältnis zur realen Bedrohung steht. Das zeigte die jüngste Vorwerk-Familienstudie 2009. Danach gehen 52 Prozent der Eltern davon aus, dass Familien unter der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise besonders hart leiden. Wird nach der eigenen Betroffenheit gefragt, schrumpft die Zahl auf 7 Prozent.

"Mit unserer Erde geht es abwärts. Die Kinder folgen ihren Eltern nicht mehr. Der Untergang der Welt steht offensichtlich bevor." Schon vor 4000 Jahren beklagte eine mesopotamische Keilschrift den allgemeinen Verfall. Die Erde dreht sich bekanntlich immer noch, und die Familie ist wohlauf. Es gibt Anlass zur Hoffnung, dass dies auch in Zukunft so bleibt.