Verkannt Sammeln wir die falsche Kunst?
Schon im 19. Jahrhundert wurden die wahren Meister verkannt. Heute scheint sich das zu wiederholen. Von Peter Raue
Die Geschichte des Kunstsammelns ist eine Geschichte der Fehlurteile. Denken wir nur an Monet, Cézanne, Gauguin oder van Gogh – sie alle wurden zu ihrer Zeit verkannt. Unter den damals von Kunstkennern ausgewählten Werken für die berühmten Pariser Salons des 19. Jahrhunderts findet sich kaum ein – aus heutiger Sicht – bedeutendes Werk. Weder die Realisten noch die Impressionisten fanden Anerkennung.
Die Gefahr, dass auch unsere Gegenwart an den wirklichen Meisterwerken vorbeisammelt, ist nicht zu leugnen. Doch das scheint keinen Galeristen, keinen Sammler zu irritieren. Sie alle glauben, die größten Künstler unserer Zeit erkannt zu haben, und widmen ihnen ganze Säle, weil doch die anderen Sammler und Galeristen (und alsbald Museen) dieselben Künstler sammeln. Warhol und Twombly, Richter und Kiefer, Hirst und Koons, Rauch und Doig sind die Heiligen unserer Tage, und ihre Werke werden verehrt wie die Schwarze Madonna von Tschenstochau.
Die großen und großzügigen Privatsammler, ob Erich Marx, Frieder Burda oder Udo und Anette Brandhorst, sammeln mehr oder minder das Gleiche. Und es ist kaum anzunehmen, dass sie dieses aus der selbst gewonnenen Erkenntnis von der höchsten Qualität der Arbeiten tun. Nahe liegt vielmehr der Verdacht, dass auch das Gefühl mitbestimmend ist, den geltenden Geschmackskonventionen genügen zu wollen. Die Kunstgemeinde, die in wenigen Wochen Künstlerinnen und Künstler zu höchstbezahlten Weltstars macht, ist klein und verschworen. Und jeder, der dazugehören möchte, kann es sich nicht leisten, auf den Erwerb von Kiefer, Richter oder Koons zu verzichten. Wenn wir von 20 Galeristen sprechen, die bestimmen, was weltweit führend ist, dann ist die Zahl wohl hoch gegriffen. Allein der Zugang eines Künstlers zu einer dieser Galerien zündet die Preisrakete mit der Folge, dass der Galerist für seinen neuen Künstler die Sammler problemlos findet.
Meine These ist: Mangels nachprüfbarer Qualitätskriterien definiert der Markt den Rang der Kunst und nicht die Kunst den Preis der Werke. Der Kunsthandel mit der teuersten Kunst wird vom Gossip einiger weniger bestimmt.
Ein Bespiel: Als die Brandhorsts 1993 eine Stiftung für ihre Sammlung gründen, besitzen sie noch kein einziges Werk von Warhol. Das erste Bild von ihm erwerben sie vier Jahre später, 1997. Bereits zehn Jahre nach der Stiftungsgründung zieren die Sammlung 40 Arbeiten von Warhol. Weil alle »Sammlerkollegen« ihn auch zum Größten (und Teuersten) erklären? Eine Sammlung zeitgenössischer Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren ohne Wahrhol: Das scheint ähnlich undenkbar wie Weihnachten ohne Christbaum.
Die Inkunabeln der Moderne erzielen Summen, die für kein Kunstwerk der letzten 200 Jahre bezahlt werden würden. Jackson Pollocks No. 5 aus dem Jahre 1948 wird 2006 für 140 Millionen Euro verkauft. Diesen Preis erzielt kein Dürer, kein Caravaggio. Gibt es dafür eine Erklärung, einen Qualitätsmaßstab? Der selbst ernannte Malerfürst und langjährige Akademiepräsident in Düsseldorf Markus Lüpertz formuliert in einer Polemik: »Sie können doch ein Bild von Gerhard Richter, das sechs, acht, zehn Millionen kostet, nicht mehr beurteilen. Da können Sie doch nicht mehr sagen, das ist schlecht.« Dieser mentalen Zugangssperre ist es vielleicht zu verdanken, dass Künstler, deren Werke auf diesem Preisniveau einmal angekommen sind, kaum mehr kritisiert werden. Dem Mainstream der Sammler folgt der Mainstream der Kritiker – und umgekehrt. Längst hat der Kunstmarkt den Merkvers »Was gut ist, ist auch teuer« pervertiert in die Erkenntnis »Was teuer ist, ist gut« (das ist ähnlich wie beim Rotwein, scheint mir).
Ein weiteres Beispiel: Es ist noch nicht lange her, da wurde bei Christie’s in London Martin Kippenbergers Paris Bar für 2,5 Millionen Pfund einem amerikanischen Sammler zugeschlagen. Christie’s bot das Bild im Katalog an mit dem Vermerk »Öl auf Leinwand, 1991, Martin Kippenberger«. Diese Angaben hatten einen kleinen und einen großen Fehler. Der kleine: Das Bild ist in Acryl und nicht in Öl gemalt. Der größere Fehler: Das Bild stammt nicht von Martin Kippenberger. Vielmehr hat es der Künstler und Plakatmaler Götz Valien gemalt – im Auftrag von Kippenberger. Und der Auftrag wurde auch bezahlt, nur 1000 Mark bekam Valien dafür. Auf der Auktion hingegen reichte die vermeintliche Kippenberger-Signatur, um einen neuen »Kippenberger-Rekord« zu erzielen.
- Datum 15.01.2010 - 11:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Wie wahr: Der Kaiser hat keine Kleider an. Jeder sieht es, aber keiner will es zugeben ...
Aus meiner Sicht ist Kunst dann und nur dann Kunst, wenn sie die Seele des Menschen anspricht. (Das trifft z.B. für Musik genauso zu.) Nicht jedes Kunstwerk spricht so zu jedem Menschen, und ein gewisses Maß an Vorkenntnis hilft, aber das ändert nichts am Prinzip.
inzwischen kenne ich viele bedeutende Museen in Deutschland und Europa und mir ist aufgefallen, dass drei Kernpunkte den frei fluktuierenden Kunstmarktes bestimmen: 1. Künstler, die mit marktwirtschaftlichen Methoden und geschickter PR aus dem Nichts in die erste Reihe gelangen, wobei ihnen die alte Formel hilft, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein wie ihr Talent zur Selbstinszenierung (z.B.: Tuymanns, Delvoye, Rauch, Hirst, Judd oder Schneider, aber auch die darunter spielende Liga mit LaFontaine, Wasmuth, Havekost oder Bisky), 2. Profilneurotische, wohlhabende Industrieparvenüs ohne Kunstverstand und Leidenschaft. Die Kunst nur benutzen und sich nur über Materielles und Erworbenes definieren können. Mit und ohne Hilfe von "kompetenten" Beratern erstehen sie alles, was en vogue ist und ihren Namen im Glanz eines anderen mitglänzen lassen, 3. Museen und Galerien, die zwangsläufig in dieses Dreeicksverhältnis eingebunden sein müssen, Profit und Ansehen suchen und "Marken" machen, um ein Stück des großen Geldkuchens abzubekommen. Diese verhalten sich wie Prostituierte oder Söldner oder Fußballprofis, wer sie bezahlt, dem schenken sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Dazu gehören aber noch Publizisten, Kritiker, Kunsthistoriker und Kuratoren.
Wenn diese Faktoren zusammenkommen, kann die schwachsinnigste Form kreativer Ergüsse selbst in die bedeutensten Museen und Sammlungen gelangen und dem Kunstliebhaber vorspiegeln, dass es die einzig wahre Kunst sei.
W. Neisser
Es kommt hin und wieder vor, dass ich mich ins grosse pariser Auktionshaus Drouot verirre. Dort kann man gute und - nach meinem Geschmack - sogar hervorragende Kunstwerke für um die hundert Euros kaufen, oft auch weit darunter. Allein deshalb, weil die Künstler unbekannt sind. Viel Schrott ist natürlich auch dabei, aber gerade grosse Auktionshäuser sind durch die zahlreichen Vorbesichtigungen eine gute Schule. Ich meide Marktschreier und Mainstream, die nur an Zahlen interessiert sind und deshalb an sich banale bildnerische Erzeugnisse zu epochalen Werken hochjubeln. Eine ganze Industrie lebt davon. Bekannt sein und von einem Mythos zehren ist alles. Wer gut ist, aber sich nicht vermarkten kann, bleibt im Dunklen.
Ein interessanter Artikel und ebenso interessante Kommentare. Danke!
Schon immer wurden die wahren Meister verkannt. Hatte Michelangelo für die Kapelle kassiert? Heute scheint sich das nicht nur zu wiederholen. Es ist so geblieben.
Wer sammelt die falsche Kunst?
Schon Baselitz und Lüperts waren eher Kunstprodukte, als echte, kreative Macher. Über ganz bestimmte politische Drahtziehereien wurden aus ihnen Staatskünstler. Andere, wie Polke oder Richter, hatten da nicht nur ein ähnliches Glück, sondern auch das nötige Talent.
Der heutige Marktwert eines "Stars" erhebt sich aus dem Hintergrund. Künstlich werden meist mittelmäßige Arbeiten zu Spitzenleistungen. In den bezahlten Medien wird über Ausstellungen in gemieteten Museen berichtet. Wir haben, auch wenn es nicht so scheint, die Schatten von Meister Vincent und anderen noch direkt unter unseren letzten Tritten.
Die sogenannten Sammler unterstützen aus persönlichen Regungen. Das ist nicht falsch, wie wir am Beispiel Beuys/van der Grinten sehen konnten, doch haben weder Kuratoren, noch Galeristen, noch Sammler ein vertrauenswürdig ausgeprägtes "Kunstverständnis".
Auch das war bereits immer so: Nur ein freier Künstler kann einen anderen Künstler sehen, erkennen und schätzen. Nur ein freier Denker kann einen anderen Denker verstehen.
Mein Tip: Sammeln Sie nicht "falsche Kunst", sondern "echte Fälschungen". In unserer Küche hängt "Jüngling mit Pfeife" im Originalformat, aber mit einem kleinen,roten LEVI´s-Zeichen auf dem blauen Anzug ... und vielleicht im Wert des PICASSO´s ...
Wer aus Leidenschaft sammelt, kann sozusagen nicht "falsch" sammeln. Wer aus spekulativen Gründen Kunst sammelt, kann Glück haben. Oder sich aber furchtbar irren.
Der von mir erstgenannte Sammler wird in der Regel mit seiner Sammlung zufrieden, vielleicht sogar glücklich sein.
Werner Schmalenbach, bis zu seiner Pensionierung 1990 erster Direktor der "Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen" in Düsseldorf, hatte ein relativ einfaches Rezept, um herauszufinden, ob ein Gemälde "Bestand" hat. Er lieh es sich in der Regel vor einem Ankauf für Tage oder gar Wochen aus. Sah es sich immer wieder - in Abständen! - an. Gefiel es ihm dann immer noch, so versuchte er das Bild zu erwerben. War Schmalenbach aber nicht mehr so sicher, ob dieses Werk eines bestimmten Künstlers "Bestand" haben wird, so nahm er von einem Ankauf Abstand. Oder er versuchte das Gemälde billiger als angeboten zu erwerben, um es gegebenenfalls gegen ein Spitzenwerk eines anderen Künstlers zu tauschen. Keine schlechte Idee! Auf diese Weise hat Prof. Schmalenbach (der dieses jahr 90 Jahre alt wird) bedeutende Werke des 20. Jhdt. zusammengetragen: Unter anderem Picasso, Klee, Ernst, Margritte, de Chirico, Matisse, Braque und Modigliani. Für relativ niedrige Preise, weil er eben früh die Qualität dieser Maler und ihrer Werke erkannt hat.
Was bleibt? Wer bleibt? Einiges wäre auch jetzt schon zu benennen. Andere Künstler und Werke ("Was halten wir heute vom früher allgegenwärtigen Bernard Buffet!?") stehen "auf der Kippe".
Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn Sammler die tatsächlich „falsche Kunst” sammeln würden und sicherlich würden diese dann auch entsprechend viele Gegenwartskünstler finden, die diesen Markt erneut bedienen würden, doch verfolgen diese „Industriekünstler” noch ein künstlerisches Anliegen oder sind sie nicht bereits mit den Retortenstars der TV-Shows gleichzusetzen? Ein vom Kunstadel hofierter Rebell ist leider auch nicht mehr als eine hochdekorierte Jahrmarktsattraktion.
Des weiteren fragt sich, welche Galeristen und Mäzene sich überhaupt in das beschriebene „Dunkel” hineinwagen, um nach den nonkonformistischen Künstlern zu suchen, sofern diese Dissidenten des Kunstmarktes sich überhaupt finden und vermarkten lassen wollen?
Gerade die heutigen Formen der kommentierenden Alltagskunst, wie Graffiti, Stencil-Art oder virtuelle Bildwelten genießen bereits ihr gemeinschaftliches Ansehen, die andere Verbreitungsformen vorfinden.
Für mich bleibt nicht die Frage nach dem Sammeln der „falschen Kunst”, sondern eher nach dem Vorfinden „echter Künstlern”, im Sinne einer aufrichtigen Verantwortung. Ein jeder Kunstschaffende mag sich selbst im Stillen fragen, wie er auf einen solch verlockenden „Seelenabverkauf” reagieren würde?
Ich als Künstler frage mich, ob ich nur käuflich oder auch bestechlich wäre oder nur ein Schauspieler in einem schrecklich komischen Stück wäre, der nach dem letzten Vorhang im heimischen Atelier ganz herzlich über das Publikum lachen würde?
Eine nette erkenntnis, doch ist hinreichend bekannt das kunst und markt sich einer hassliebe fröhnen. die hollywood allüren in form von durchgestylten künstlern dienen der wertsteigerung innerhalb einer szene, die von geld lebt, nicht von kunst! und wer sich am besten vermarktet, erntet den erfolg! also steht, wie so oft im leben, die durchsetzungsfähigkeit über der qualität.
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