Die Geschichte des Kunstsammelns ist eine Geschichte der Fehlurteile. Denken wir nur an Monet, Cézanne, Gauguin oder van Gogh – sie alle wurden zu ihrer Zeit verkannt. Unter den damals von Kunstkennern ausgewählten Werken für die berühmten Pariser Salons des 19. Jahrhunderts findet sich kaum ein – aus heutiger Sicht – bedeutendes Werk. Weder die Realisten noch die Impressionisten fanden Anerkennung.

Die Gefahr, dass auch unsere Gegenwart an den wirklichen Meisterwerken vorbeisammelt, ist nicht zu leugnen. Doch das scheint keinen Galeristen, keinen Sammler zu irritieren. Sie alle glauben, die größten Künstler unserer Zeit erkannt zu haben, und widmen ihnen ganze Säle, weil doch die anderen Sammler und Galeristen (und alsbald Museen) dieselben Künstler sammeln. Warhol und Twombly, Richter und Kiefer, Hirst und Koons, Rauch und Doig sind die Heiligen unserer Tage, und ihre Werke werden verehrt wie die Schwarze Madonna von Tschenstochau.

Die großen und großzügigen Privatsammler, ob Erich Marx, Frieder Burda oder Udo und Anette Brandhorst, sammeln mehr oder minder das Gleiche. Und es ist kaum anzunehmen, dass sie dieses aus der selbst gewonnenen Erkenntnis von der höchsten Qualität der Arbeiten tun. Nahe liegt vielmehr der Verdacht, dass auch das Gefühl mitbestimmend ist, den geltenden Geschmackskonventionen genügen zu wollen. Die Kunstgemeinde, die in wenigen Wochen Künstlerinnen und Künstler zu höchstbezahlten Weltstars macht, ist klein und verschworen. Und jeder, der dazugehören möchte, kann es sich nicht leisten, auf den Erwerb von Kiefer, Richter oder Koons zu verzichten. Wenn wir von 20 Galeristen sprechen, die bestimmen, was weltweit führend ist, dann ist die Zahl wohl hoch gegriffen. Allein der Zugang eines Künstlers zu einer dieser Galerien zündet die Preisrakete mit der Folge, dass der Galerist für seinen neuen Künstler die Sammler problemlos findet.

Meine These ist: Mangels nachprüfbarer Qualitätskriterien definiert der Markt den Rang der Kunst und nicht die Kunst den Preis der Werke. Der Kunsthandel mit der teuersten Kunst wird vom Gossip einiger weniger bestimmt.

Ein Bespiel: Als die Brandhorsts 1993 eine Stiftung für ihre Sammlung gründen, besitzen sie noch kein einziges Werk von Warhol. Das erste Bild von ihm erwerben sie vier Jahre später, 1997. Bereits zehn Jahre nach der Stiftungsgründung zieren die Sammlung 40 Arbeiten von Warhol. Weil alle »Sammlerkollegen« ihn auch zum Größten (und Teuersten) erklären? Eine Sammlung zeitgenössischer Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren ohne Wahrhol: Das scheint ähnlich undenkbar wie Weihnachten ohne Christbaum.

Die Inkunabeln der Moderne erzielen Summen, die für kein Kunstwerk der letzten 200 Jahre bezahlt werden würden. Jackson Pollocks No. 5 aus dem Jahre 1948 wird 2006 für 140 Millionen Euro verkauft. Diesen Preis erzielt kein Dürer, kein Caravaggio. Gibt es dafür eine Erklärung, einen Qualitätsmaßstab? Der selbst ernannte Malerfürst und langjährige Akademiepräsident in Düsseldorf Markus Lüpertz formuliert in einer Polemik: »Sie können doch ein Bild von Gerhard Richter, das sechs, acht, zehn Millionen kostet, nicht mehr beurteilen. Da können Sie doch nicht mehr sagen, das ist schlecht.« Dieser mentalen Zugangssperre ist es vielleicht zu verdanken, dass Künstler, deren Werke auf diesem Preisniveau einmal angekommen sind, kaum mehr kritisiert werden. Dem Mainstream der Sammler folgt der Mainstream der Kritiker – und umgekehrt. Längst hat der Kunstmarkt den Merkvers »Was gut ist, ist auch teuer« pervertiert in die Erkenntnis »Was teuer ist, ist gut« (das ist ähnlich wie beim Rotwein, scheint mir).

Ein weiteres Beispiel: Es ist noch nicht lange her, da wurde bei Christie’s in London Martin Kippenbergers Paris Bar für 2,5 Millionen Pfund einem amerikanischen Sammler zugeschlagen. Christie’s bot das Bild im Katalog an mit dem Vermerk »Öl auf Leinwand, 1991, Martin Kippenberger«. Diese Angaben hatten einen kleinen und einen großen Fehler. Der kleine: Das Bild ist in Acryl und nicht in Öl gemalt. Der größere Fehler: Das Bild stammt nicht von Martin Kippenberger. Vielmehr hat es der Künstler und Plakatmaler Götz Valien gemalt – im Auftrag von Kippenberger. Und der Auftrag wurde auch bezahlt, nur 1000 Mark bekam Valien dafür. Auf der Auktion hingegen reichte die vermeintliche Kippenberger-Signatur, um einen neuen »Kippenberger-Rekord« zu erzielen.