Verkannt Sammeln wir die falsche Kunst?Seite 2/2
Was wäre eigentlich, wenn Valien die Paris-Bar noch einmal malte und auf den Markt brächte? Der Wert läge dann wohl allenfalls im vierstelligen Bereich bei absolut gleicher Qualität. Warum? Weil Qualität nicht der bestimmende Faktor beim Wert eines Kunstwerkes zu sein scheint. Der Preis erklärt sich nicht aus der Qualität (Peinture oder Originalität) des Bildes, sondern aus der Spielfreude eines Sammlers beim Roulette am Kunstmarkttisch.
Es ist einige Jahre her, da besuchte ich eine Galerie in New York, die für den nächsten Abend eine Tuymans-Ausstellung plante, alle Bilder waren noch verpackt. Ich wünschte der Galeristin beim Abschied eine verkaufsreiche Vernissage, und sie lachte: »Alle Bilder sind längst verkauft!« – »Aber die Käufer haben die Bilder doch gar nicht gesehen«, entgegnete ich. »Das ist bei Tuymans auch nicht nötig, die Sammler lassen mich wissen, welche Formate sie haben wollen. Und ich gehe streng, ganz streng in der jeweiligen Warteliste vor.« Den Preis der Bilder bestimmen nicht Motiv oder Qualität, für den Preis gibt es eine Formel: Höhe mal Breite, multipliziert mit einem Faktor X. Keine Amour fou zwischen Bild und Sammler bestimmt den Kauf, sondern die Lust und Last, einen Tuymans besitzen zu dürfen oder zu müssen (um satisfaktionsfähig zu bleiben im Kreise der millionenschweren Sammler). Auch dieses Beispiel belegt meine These: Hat ein Künstler einmal Höchstpreise erzielt, die Begehrlichkeit der großen Sammler geweckt, so ist es – der Geldvermehrung wegen – nur noch erforderlich, die Warteliste der Kaufinteressenten so lange und so schnell zu bedienen, bis die Wartenden sich an einer anderen, neuen Schlange angestellt haben.
Denken wir nur an jene Künstler, die vor 30 Jahren populär waren. Salomé zum Beispiel gehört zu den einst prominenten Jungen Wilden in Berlin, die Höchstpreise erzielten und heute – wie ich denke: leider – die Grenze des Unverkäuflichen streifen. Ein solcher Bedeutungsverlust verdankt sich nicht immer dem Zeitgeschmack, sondern oft dem Einfluss der Großen unter den Sammlern. So erwarb einst der Werbefachmann Charles Saatchi gleich 50 Bilder des Künstlers Sandro Chia – und trennte sich, warum auch immer, von heute auf morgen von all diesen Werken, warf sie auf den Markt, der Markt konnte sie nicht aufnehmen, die Preise fielen, und seitdem kann man Chia erstmals wieder zu normalen Preisen erwerben.
Erstaunlich, dass trotz der immer deutlicher werdenden Markthörigkeit kaum eine Auseinandersetzung über den Kunstwert der so hoch gehandelten Künstler stattfindet. Wir erinnern uns doch an die – insbesondere in der ZEIT – vehement geführte Diskussion um Wilhelm Nays angeblich »bunte Kleckse« oder um die Fett- und Filzkunst des Joseph Beuys. Wo gibt es heute eine ähnliche Diskussion um Neo Rauch, Damien Hirst oder Jeff Koons?
Wer wird recht behalten vor der Geschichte? Die Kunst und die Künstler, die heute Millionenpreise erzielen, oder die auf den Seitenwegen Arbeitenden, verkannt von der Mehrheit, gesammelt von wenigen? Diese Fragen wecken den unwiderstehlichen Wunsch, in hundert Jahren für einen Tag auf die Erde kommen und sehen zu dürfen, was da hängt in den großen Museen, wo die Kunstgeschichte die Hauptwege gebaut, die Nebenwege erkannt hat, Überraschungen nicht ausgeschlossen.
Peter Raue, 68, ist Rechtsanwalt und Kunstliebhaber in Berlin
- Datum 15.01.2010 - 11:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.2010 Nr. 03
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Wie wahr: Der Kaiser hat keine Kleider an. Jeder sieht es, aber keiner will es zugeben ...
Aus meiner Sicht ist Kunst dann und nur dann Kunst, wenn sie die Seele des Menschen anspricht. (Das trifft z.B. für Musik genauso zu.) Nicht jedes Kunstwerk spricht so zu jedem Menschen, und ein gewisses Maß an Vorkenntnis hilft, aber das ändert nichts am Prinzip.
inzwischen kenne ich viele bedeutende Museen in Deutschland und Europa und mir ist aufgefallen, dass drei Kernpunkte den frei fluktuierenden Kunstmarktes bestimmen: 1. Künstler, die mit marktwirtschaftlichen Methoden und geschickter PR aus dem Nichts in die erste Reihe gelangen, wobei ihnen die alte Formel hilft, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein wie ihr Talent zur Selbstinszenierung (z.B.: Tuymanns, Delvoye, Rauch, Hirst, Judd oder Schneider, aber auch die darunter spielende Liga mit LaFontaine, Wasmuth, Havekost oder Bisky), 2. Profilneurotische, wohlhabende Industrieparvenüs ohne Kunstverstand und Leidenschaft. Die Kunst nur benutzen und sich nur über Materielles und Erworbenes definieren können. Mit und ohne Hilfe von "kompetenten" Beratern erstehen sie alles, was en vogue ist und ihren Namen im Glanz eines anderen mitglänzen lassen, 3. Museen und Galerien, die zwangsläufig in dieses Dreeicksverhältnis eingebunden sein müssen, Profit und Ansehen suchen und "Marken" machen, um ein Stück des großen Geldkuchens abzubekommen. Diese verhalten sich wie Prostituierte oder Söldner oder Fußballprofis, wer sie bezahlt, dem schenken sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Dazu gehören aber noch Publizisten, Kritiker, Kunsthistoriker und Kuratoren.
Wenn diese Faktoren zusammenkommen, kann die schwachsinnigste Form kreativer Ergüsse selbst in die bedeutensten Museen und Sammlungen gelangen und dem Kunstliebhaber vorspiegeln, dass es die einzig wahre Kunst sei.
W. Neisser
Es kommt hin und wieder vor, dass ich mich ins grosse pariser Auktionshaus Drouot verirre. Dort kann man gute und - nach meinem Geschmack - sogar hervorragende Kunstwerke für um die hundert Euros kaufen, oft auch weit darunter. Allein deshalb, weil die Künstler unbekannt sind. Viel Schrott ist natürlich auch dabei, aber gerade grosse Auktionshäuser sind durch die zahlreichen Vorbesichtigungen eine gute Schule. Ich meide Marktschreier und Mainstream, die nur an Zahlen interessiert sind und deshalb an sich banale bildnerische Erzeugnisse zu epochalen Werken hochjubeln. Eine ganze Industrie lebt davon. Bekannt sein und von einem Mythos zehren ist alles. Wer gut ist, aber sich nicht vermarkten kann, bleibt im Dunklen.
Ein interessanter Artikel und ebenso interessante Kommentare. Danke!
Schon immer wurden die wahren Meister verkannt. Hatte Michelangelo für die Kapelle kassiert? Heute scheint sich das nicht nur zu wiederholen. Es ist so geblieben.
Wer sammelt die falsche Kunst?
Schon Baselitz und Lüperts waren eher Kunstprodukte, als echte, kreative Macher. Über ganz bestimmte politische Drahtziehereien wurden aus ihnen Staatskünstler. Andere, wie Polke oder Richter, hatten da nicht nur ein ähnliches Glück, sondern auch das nötige Talent.
Der heutige Marktwert eines "Stars" erhebt sich aus dem Hintergrund. Künstlich werden meist mittelmäßige Arbeiten zu Spitzenleistungen. In den bezahlten Medien wird über Ausstellungen in gemieteten Museen berichtet. Wir haben, auch wenn es nicht so scheint, die Schatten von Meister Vincent und anderen noch direkt unter unseren letzten Tritten.
Die sogenannten Sammler unterstützen aus persönlichen Regungen. Das ist nicht falsch, wie wir am Beispiel Beuys/van der Grinten sehen konnten, doch haben weder Kuratoren, noch Galeristen, noch Sammler ein vertrauenswürdig ausgeprägtes "Kunstverständnis".
Auch das war bereits immer so: Nur ein freier Künstler kann einen anderen Künstler sehen, erkennen und schätzen. Nur ein freier Denker kann einen anderen Denker verstehen.
Mein Tip: Sammeln Sie nicht "falsche Kunst", sondern "echte Fälschungen". In unserer Küche hängt "Jüngling mit Pfeife" im Originalformat, aber mit einem kleinen,roten LEVI´s-Zeichen auf dem blauen Anzug ... und vielleicht im Wert des PICASSO´s ...
Wer aus Leidenschaft sammelt, kann sozusagen nicht "falsch" sammeln. Wer aus spekulativen Gründen Kunst sammelt, kann Glück haben. Oder sich aber furchtbar irren.
Der von mir erstgenannte Sammler wird in der Regel mit seiner Sammlung zufrieden, vielleicht sogar glücklich sein.
Werner Schmalenbach, bis zu seiner Pensionierung 1990 erster Direktor der "Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen" in Düsseldorf, hatte ein relativ einfaches Rezept, um herauszufinden, ob ein Gemälde "Bestand" hat. Er lieh es sich in der Regel vor einem Ankauf für Tage oder gar Wochen aus. Sah es sich immer wieder - in Abständen! - an. Gefiel es ihm dann immer noch, so versuchte er das Bild zu erwerben. War Schmalenbach aber nicht mehr so sicher, ob dieses Werk eines bestimmten Künstlers "Bestand" haben wird, so nahm er von einem Ankauf Abstand. Oder er versuchte das Gemälde billiger als angeboten zu erwerben, um es gegebenenfalls gegen ein Spitzenwerk eines anderen Künstlers zu tauschen. Keine schlechte Idee! Auf diese Weise hat Prof. Schmalenbach (der dieses jahr 90 Jahre alt wird) bedeutende Werke des 20. Jhdt. zusammengetragen: Unter anderem Picasso, Klee, Ernst, Margritte, de Chirico, Matisse, Braque und Modigliani. Für relativ niedrige Preise, weil er eben früh die Qualität dieser Maler und ihrer Werke erkannt hat.
Was bleibt? Wer bleibt? Einiges wäre auch jetzt schon zu benennen. Andere Künstler und Werke ("Was halten wir heute vom früher allgegenwärtigen Bernard Buffet!?") stehen "auf der Kippe".
Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn Sammler die tatsächlich „falsche Kunst” sammeln würden und sicherlich würden diese dann auch entsprechend viele Gegenwartskünstler finden, die diesen Markt erneut bedienen würden, doch verfolgen diese „Industriekünstler” noch ein künstlerisches Anliegen oder sind sie nicht bereits mit den Retortenstars der TV-Shows gleichzusetzen? Ein vom Kunstadel hofierter Rebell ist leider auch nicht mehr als eine hochdekorierte Jahrmarktsattraktion.
Des weiteren fragt sich, welche Galeristen und Mäzene sich überhaupt in das beschriebene „Dunkel” hineinwagen, um nach den nonkonformistischen Künstlern zu suchen, sofern diese Dissidenten des Kunstmarktes sich überhaupt finden und vermarkten lassen wollen?
Gerade die heutigen Formen der kommentierenden Alltagskunst, wie Graffiti, Stencil-Art oder virtuelle Bildwelten genießen bereits ihr gemeinschaftliches Ansehen, die andere Verbreitungsformen vorfinden.
Für mich bleibt nicht die Frage nach dem Sammeln der „falschen Kunst”, sondern eher nach dem Vorfinden „echter Künstlern”, im Sinne einer aufrichtigen Verantwortung. Ein jeder Kunstschaffende mag sich selbst im Stillen fragen, wie er auf einen solch verlockenden „Seelenabverkauf” reagieren würde?
Ich als Künstler frage mich, ob ich nur käuflich oder auch bestechlich wäre oder nur ein Schauspieler in einem schrecklich komischen Stück wäre, der nach dem letzten Vorhang im heimischen Atelier ganz herzlich über das Publikum lachen würde?
Eine nette erkenntnis, doch ist hinreichend bekannt das kunst und markt sich einer hassliebe fröhnen. die hollywood allüren in form von durchgestylten künstlern dienen der wertsteigerung innerhalb einer szene, die von geld lebt, nicht von kunst! und wer sich am besten vermarktet, erntet den erfolg! also steht, wie so oft im leben, die durchsetzungsfähigkeit über der qualität.
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