Mütter von Dichtern werden in vielen Dichterbiografien hingebungsvoll geschildert und analysiert. Goethes Mutter, die Frohnatur, die kalte Mutter Baudelaires, die Hüterin der Bigotterie bei Rimbaud, die dichtende Mutter Ernst Jandls, deren früher Tod sein ganzes Schreibleben überschattete. Alle sind machtvolle, das Unbewusste regierende Personen.

Von Rilkes Mutter war bisher einiges bekannt, das nicht übermäßig viel Sympathie weckt. Sophia Entz, die sich in der Ehe Phia Rilke nannte, entstammte einer Prager Fabrikantenfamilie. Sie wächst in einem der Familie gehörenden Barockpalais in der Herrengasse auf und heiratet 1873 den schmuck aussehenden Josef Rilke, der eine Militärkarriere anstrebt, es aber nicht bis zur Offizierslaufbahn bringt und den Dienst quittiert. Die gesellschaftlichen Wunschträume der Mutter, die der Sohn nahtlos übernimmt, kann der Vater nicht erfüllen, seine Qualität als Herzensbrecher hat keine Strahlkraft in die Zukunft des Kindes hinein. Phia Rilke rezitiert beim Staubwischen Gedichte von Friedrich Schiller und bringt ihrem Sohn schon als Volksschulkind Französisch bei.

Als Rilke acht Jahre alt ist, trennt sich das Paar, die Erziehung des Sohnes liegt fortan in den Händen der Mutter. Sie weiß sich keinen anderen Rat, als den Zehnjährigen in die Kadettenanstalt St. Pölten zu geben. Fortan gibt es keinen gemeinsamen Haushalt mehr zwischen Mutter und Sohn, aber idealisierte Erinnerungen.

So sind von Anfang an die Weichen gestellt. Der Sohn sucht den Schutz, die Nähe starker, sozial überlegener Frauen, Gönnerinnen, denen er nicht übermäßig nahe kommen muss, kommen darf. Projektion ist ein großes Thema und auch Abwehr. Durch Lou Andreas-Salomé und Ellen Key ist er früh mit der Psychoanalyse, mit den Fantasievorstellungen von zärtlicher Mütterlichkeit vertraut. Auch mit den so schmerzhaften Bemühungen, Mütterlichkeit und Kreativität zusammenzudenken und strikt voneinander trennend zu handeln und zu schreiben.

1134 Briefe des Dichters an seine Mutter aus den Jahren 1896 bis 1926 liegen nun erstmals vor, ediert von Hella Sieber-Rilke, der Ehefrau von Rilkes Enkel Christoph. Sollte eine solche prekäre Forschungsarbeit in einer Familie bleiben? Sollte ein Verlag nicht prinzipiell einem Familienmitglied einen neutralen Literaturwissenschaftler an die Seite stellen? Hella Sieber-Rilke neigt dazu, die Konflikte zwischen Mutter und Sohn unkommentiert zu lassen, andererseits regt dies auch zum eigenen Nachschlagen in anderen Quellen an.

Der 19-jährige Rilke hat sich nicht gescheut, die Mutter der ersten Freundin gegenüber ein "vergnügungssüchtiges, erbärmliches Wesen" zu nennen. Den Mut, die schwierige Beziehung abzubrechen, hat er als Zögling der Militäranstalt. Phia Rilke schreibt ihm zu seinem 21. Geburtstag, das Eis schmilzt, und der Sohn schreibt ihr artigst vier Tage später, berichtet von der "glänzenden Ablegung der Matura" und fügt auch altklug hinzu, "daß ich über das Ungesunde, Zersetzende meines ›Sturm und Drang‹ hinaus bin, ohne dabei der Jugend jubelhelles Junifeuer eingebüßt zu haben…" Und schon im nächsten Brief, eine Woche später, fordert er die Mutter auf: "Deine geistige Thätigkeit kennen zu lernen, erwarte ich, treuer Freude voll."