Wer vormittags am Berliner Hauptbahnhof in den Eurocity nach Wien steigt, kommt nach langer Fahrt durch die Tschechische Republik spätabends wieder im deutschen Sprachraum an. Als sei man wie Alice in das Land im Erdinneren gefallen: alles vertraut und merkwürdig anders. Ähnliche Wege sucht Gerhard Roth in seinen Büchern, fahndet in den Wiener Kellern Am Heumarkt nach "Mauerflecken", die noch nicht übertüncht wurden, um durch einen Spalt in die Blaubartzimmer der Volksseele zu blicken und der "Normalzeit" seine "Eigenzeit" entgegenzuhalten.

Roth ist Fraktalkünstler. Das große Ganze setzt er aus seinen Miniaturen zusammen. Auch sein neuer Essayband Die Stadt verbindet epische Breite und zergliedernden Blick: Wie schon 1991, als er mit Eine Reise in das Innere von Wien den siebenbändigen Zyklus Die Archive des Schweigens abschloss, gräbt Roth sich an oft ungewöhnlichen Erinnerungsorten tief ein in die Psyche der Stadt und entwirft dabei europäische Kultur- und Sozialgeschichte.

Eigentlich sollte Die Stadt der vorletzte Band seines zweiten Prosazyklus Orkus werden. 2003 hatte eine Ausstellung im Grazer Literaturhaus dies "Schattenreich der Zeichen" schon vorgestellt, als sich Roths Autobiografie Das Alphabet der Zeit (2007) noch dazwischenschob. Weiß man um diesen Zyklus, strahlen Roths Essays noch einmal heller auf und zeigen die Kunst dieses Meisters osmotischer Verfahren, wie Wendelin Schmidt-Dengler es nannte. Seit seinen Anfängen lässt Roth Motive, Muster und Figuren durch Buchgrenzen dringen und arbeitet an einem faszinierenden Großprojekt, das es immer noch zu entdecken gilt. Dieser Band aber steht durchaus für sich: als skurriler literarischer Reiseführer durch Wiens Archive und Museen und als scharfzüngige Analyse europäischer Gegenwart.

Die Abseiten der ehemals königlich-kaiserlichen Residenzstadt findet Roth diesmal an Orten steingewordenen Denkens wie der Nationalbibliothek und Grillparzers Hofkammer-Archiv, dem Uhrenmuseum und dem anatomischen Wachsfigurenkabinett des Aufklärers Joseph II. Seine Essays über den Neusiedler See und den Zentralfriedhof sind Reisen durch die Zeit. Sie kompilieren klug Zitate aus Forschungs- und Populärliteratur, Reportagen, historische Anekdoten oder schweifen zur Geschichte der Phrenologie ab. Eine unfassbare Fülle von Materialien.

Wer weiß, was die weltweit größte helminthologische Abteilung des Naturhistorischen Museums birgt? Bei Roth kann man lernen: Eingeweidewürmer, von denen 1729 Stück dem Naturforscher Johann Natterer zu verdanken sind, der sie aus Südamerika schickte. Solchen Enthusiasten hat Roth sein Buch gewidmet. Sie führen durch die Stadt, und Roth sorgt dafür, dass einen ihre komische Leidenschaft für die abwegigsten Gegenstände infiziert und man sich dabei ertappt, hingerissen einem uhrenphilosophischen Vortrag zu lauschen.

Ist das aber noch ein Buch über Wien? Sicher, war doch Wien eine Wiege der europäischen Kultur. Roths essayistische Parabeln entwerfen überregionale und zeitlose Gestalten des Wissens, zeichnen sie grausam, komisch und dumm. Vielleicht kein Zufall, dass Die Stadt nun als siebter und nicht sechster Band im Orkus stehen wird – nach der Genesis nicht der Tag der Menschwerdung, sondern der, an dem Gott die Augen schloss. "Nachtschrift" nennen die Blinden ihre Schrift. Ganz gegenwärtige Nachtschrift ist es, die Roth in diesem beeindruckenden Buch über die schönste Stadt Mitteleuropas entziffert hat.