Das Feuilleton der ZEIT hat in der Nr. 17/2009 auf zwei Seiten aus den Memoiren des großen Shoah - Regisseurs Claude Lanzmann, die in Frankreich unter dem Titel Ein patagonischer Hase erschienen sind, Passagen auf Deutsch vorabgedruckt, die Lanzmanns Zeit in Berlin nach 1945 betreffen. Die Memoiren wurden dabei als »Monument des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel - Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09).

Unabhängig von der großen Wertschätzung für Person und Lebenswerk Claude Lanzmanns sah es unsere Redaktion dennoch als journalistische Sorgfaltspflicht an, eine Entgegnung auf Lanzmanns Erinnerungen an seine Berliner Nachkriegsjahre zu veröffentlichen, da die vorabgedruckten Passagen über den Mitgründer der Freien Universität Berlin, Edwin Redslob, und die Situation an der FU offenbar nicht der historischen Wahrheit entsprechen. Der Text von Christian Welzbacher, der im vergangenen Jahr eine Biografie Redslobs veröffentlicht hat, erschien in der ZEIT (Nr. 2/10) unter der Überschrift Kleine Warnung an den Rowohlt Verlag. Es war unser Ziel, darauf hinzuwirken, dass die umstrittenen Passagen in Lanzmanns Buch diskutiert werden, bevor die deutsche Übersetzung in diesem Herbst im Rowohlt Verlag erscheint. Wir bedauern, dass in den Schlusssätzen des Artikels der Eindruck erweckt wird, dass eventuell weitere Passagen der Memoiren nicht den Fakten entsprechen, ohne dass diese Vermutung belegt wurde. Dass indes aus diesem Umstand die Schlussfolgerung gezogen wird, die ZEIT begehe einen »Rufmord an Claude Lanzmann«, wie es die FAZ am 12. Januar 2010 behauptet, ist verwegen. Und der zugleich erhobene Vorwurf einer Analogie zwischen den antisemitischen Protesten gegen Lanzmanns Film und dem Artikel in der ZEIT ist noch verwegener.

Leider wiederholt die FAZ in ihrem Artikel noch einmal die Behauptung von Lanzmann, dass der FU-Gründer Edwin Redslob ein Gedicht auf Emmy Göring verfasst habe, als handele es sich dabei um ein Faktum. Jochen Staadt, Zeithistoriker an der Freien Universität, veröffentlichte in Erwiderung auf Lanzmann bereits in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (Nr. 25/09) den Hinweis: »Redslobs Gedichte für Emmy Göring, von denen Lanzmann in der ›ZEIT‹ sprach, gab es nicht.« Es handele sich vielmehr um eine kommunistische Denunziation Redslobs aus dem Jahre 1950. Damals veröffentlichte im Ostteil der Stadt die Berliner Zeitung Gedichte von Redslob für die Porzellanmanufaktur Kopenhagen aus den vierziger Jahren, die diese zu Werbezwecken einsetzte, unter der fingierten Überschrift »An Emmy Göring«. »Völlig aus der Luft gegriffen«, so schreibt Jochen Staadt weiter, »ist Lanzmanns Aussage ›Der Rektor (Redslob) schrieb über die Grazie ihrer Hände, wenn sie den Hohen Herren Tee servierte‹. Grazie oder Teeservieren kommt in den Zeilen überhaupt nicht vor.«

Auch zu einer weiteren Passage des Buches, die das »braune Nest FU« (Lanzmann) betreffen, geben die Quellen dem Autor Christian Welzbacher und seiner Verteidigung Edwin Redslobs recht. Nicht nur wurde Redslob in seiner Funktion als »Reichskunstwart«, die er in den zwanziger Jahren innehatte, 1933 von den Nazis entlassen. Auch wurde er 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst auf den Schautafeln mit Zitaten als Freund der Expressionisten denunziert. Lanzmann schreibt in seinen Memoiren, dass Redslob 1950 sein Amt als Rektor der FU niederlegen musste, weil er nach einem Artikel von ihm in der Berliner Zeitung (der mit dem angeblichen Gedicht für Göring von der Redaktion angereichert wurde) nicht mehr tragbar war. Lanzmann: »Natürlich wurde Redslob gefeuert und mit ihm viele andere Leute an der Freien Universität.« Dazu wiederum ein Zitat aus der historischen Untersuchung von Jochen Staadt: »Weder der Rektor noch andere wurden wegen Lanzmanns Artikel entlassen.« Abschließend hält der Historiker nach Sicht der gesamten Akten fest, Lanzmanns Behauptung über eine »innerhalb der Universität bestehende Nazibürokratie« sei schlicht »unzutreffend«.

Gerade weil wir in der ZEIT diese offenbar unrichtigen Passagen aus Lanzmanns Memoiren vorabgedruckt hatten, war es uns nun wichtig, dass sie korrigiert werden, bevor sie in der deutschen Fassung von Lanzmanns Werk auch hierzulande zur offiziellen Lesart werden. Es geht uns also genau nicht darum, das Lebenswerk Lanzmanns zu schmälern oder die Bedeutung seiner großen Autobiografie. Es geht um Ruferhaltung, nicht um Rufmord.

Alexander Fest, der Verleger des Rowohlt Verlages, bei dem Lanzmanns Memoiren im September erscheinen werden, sagte der ZEIT gestern zu der Auseinandersetzung um den Wahrheitsgehalt der Nachkriegspassagen: »Sicherlich werden wir bald darüber sprechen, und Claude Lanzmann wird sich die Quellen und neu aufgetauchten Fakten noch einmal anschauen, bevor es zur deutschen Veröffentlichung kommt.«