Beziehungen In LiebesdingenSeite 2/2
Bedeutende Gesellschaftsromane, schreibt der New Yorker Großautor Jonathan Franzen in einem in Literaturkreisen inzwischen berühmten Aufsatz in Harpers Magazine von 1996, hätten schon immer eine Brücke zwischen subjektiver Erfahrung und gesellschaftlichem Umfeld geschlagen, aber das funktioniere jetzt nicht mehr. In einer Zeit, in der Erzählungen nicht mehr das einzige Fensterchen seien, das uns Einblicke in das Innenleben von Menschen und Häusern ermögliche, in der Dokumentationen, Chatrooms, Untersuchungsausschüsse und 80-stündige Fernsehserien das Innere nach außen kehrten (und uns dabei das lineare Lesen abgewöhnten), sei es für den Roman nicht mehr möglich, eine nachhaltige Wirkung in der Welt zu hinterlassen. »Was bleibt, ist die betäubende Stille der Irrelevanz.«

Ein alter, versilberter Tortenheber, eingraviert sind die Worte "Bravo Buttercremeschnitte"
Franzen bekam über dieses Problem erst (wie unoriginell) Depressionen und versuchte dann, den Informations- und Konsum-Overkill in seinen dritten Roman einzubauen. Mit dem Ergebnis, dass es ihm zunächst seine Geschichte zumüllte und er schließlich in einem verzweifelten Kraftakt den superunterhaltsamen, superintelligenten Megaseller Die Korrekturen hervorbrachte. Der etwas jüngere amerikanische Autor Dave Eggers hatte Erfolg, als er mit 30 das Genre der Memoiren für seine Jugenderinnerungen in Anspruch nahm und das Dokumentarische zum Mittel der Wahl für viele junge Schriftsteller machte. In Deutschland und Frankreich erhofften sich Autoren in letzter Zeit vor allem durch die kalkulierte Verletzung der Intimsphäre eine Aufmerksamkeit, die über die durchschnittliche Erstauflage anspruchsvoller Literatur, die etwa bei 2500 liegt, hinausgeht. Und der genialste zeitgenössische amerikanische Schriftsteller, David Foster Wallace, suchte die Rettung in einem Roman über die Langeweile als Gegenpol zur Kultur der Ablenkung. Der Roman war ein Grund dafür, dass Foster seine Antidepressiva absetzte. Fertig wurde er nie, im letzten Jahr brachte er sich um.
Man könnte daraus schließen, dass es im Moment frustrierend bis lebensgefährlich ist, so etwas wie eine ganz normale Liebesgeschichte zu erzählen. Es sei denn, man ist gar kein Schriftsteller, sondern ein eher visueller Mensch und ein Sammler wie Leanne Shapton, die eines Tages vor ein paar Jahren von der Nachlassauktion von Truman Capote kommt und den Gedanken fasst, dass man auch einfach die Dinge allein erzählen lassen könnte. Ihr Freund, ein ehemaliger Redaktionsdirektor des Magazinverlags Condé Nast, habe ihr geraten, die Geschichte mehr zu erklären, erzählt sie, aber in diesem Fall habe sie nicht auf ihn gehört. Wer die Bedeutenden Objekte und persönlichen Besitzstücke betrachtet, muss sich die Geschichte also ein bisschen selbst zusammensetzen, was einen natürlich umso stärker involviert. Und so gehen einem die Figuren so nahe, dass man sich Tage nach der Lektüre bei der Frage ertappt, ob es für die beiden wirklich keine andere Möglichkeit gegeben hat, als alles wieder aufzulösen.
Und im wahren Leben? Das Buch ist Stadtgespräch in New York, Übersetzungen erscheinen in neun Ländern. Brad Pitts Produktionsfirma hat sich eine Option auf die Filmrechte gesichert (Julia Roberts ging leer aus). Nächste Woche kommt es auf Deutsch heraus, Shapton arbeitet an einem neuen Buch. Ihr Freund habe befürchtet, dass es der Anfang vom Ende ihrer Beziehung sei, als sie ihm von ihrer Idee erzählte, aber sie habe das Projekt gebraucht, um mit alten Lieben abzuschließen. Inzwischen sind die beiden verlobt, sie leben in einem Loft im Greenwich Village, mit einem Esstisch, an dem 20 Personen Platz haben. Nichts Besonderes also, einfach nur die Attribute eines erfolgreichen New Yorker Paares. So ist sie eben, die Liebe im Zeitalter von Weleda: Alle glücklichen Paare gleichen einander. Und alle unglücklichen auch.
Es gibt nicht viele Methoden, uns Ablenkungssüchtigen davon zu erzählen – Aufräumen ist eine davon.
Welche Besitzstücke gehören zu Ihrem persönlichen "Nachlass der Liebe"? Mailen Sie uns an nachlass@zeit.de
- Datum 13.01.2010 - 19:06 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 14.01.2010 Nr. 03
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Der Berlin Verlag hat das hier beschriebene Buch "Bedeutende Objekte" von der New Yorker Autorin, Illustratorin und Künstlerin Leanne Shapton veröffentlicht, das die Geschichte einer Beziehung, ihre Blüte und ihr Scheitern, über einen erfundenen Auktionskatalog erzählt.
Im Laufe dieser Woche kommt nun einer der Originalgegenstände des Buches tatsächlich unter den Hammer. Leanne Shapton hat das rote Papierherz, das im Buch auf Seite 52 zu sehen ist und das Harold Lenore am Valentinstag schickt, zur Versteigerung freigegeben. Unter dem Namen des fiktiven Autkionshauses "Strachan und Quinn Berlin" wurde es auf Ebay eingestellt - die Auktion läuft bis Sonntag, Valentinstag. Der Erlös kommt einem guten Zweck zu gute - auf Wunsch der Autorin sinnigerweise einer paartherapeutischen Einrichtung.
Und hier ist der Link zu der genannten Auktion:
http://cgi.ebay.de/LOT-11...
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http://cgi.ebay.de/LOT-11...
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