Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Zum zweiten Mal bin ich Angeklagter in einem Naziprozess. Das erste Mal war vor etlichen Jahren. In der Stuttgarter Staatsgalerie wurde eine Ausstellung eröffnet. Zu vorgerückter Stunde kletterte ein berühmter Künstler, schon recht betrunken, auf einen Tisch und rief: "Juden raus! Heil Hitler!" Ich war ein junger Kulturreporter und hielt dieses Detail der Vernissage für berichtenswert. Der Künstler, der sich am nächsten Morgen, wie seine Freunde versicherten, an nichts erinnern konnte, zeigte mich an. Ich hatte Zeugen und wurde freigesprochen. Auch die Karriere des Künstlers ging weiter. Hin und wieder googele ich ihn. Es geht ihm offenbar gut. Weshalb sollte ich so boshaft sein, seinen Namen zu nennen? Ich bin ein lieber Kerl, außer man reizt mich.

Der zweite Vorfall ereignete sich vor drei Wochen in Kreuzberg. Ich fuhr aus einer Parklücke heraus. Um aus der Parklücke herauszukommen, musste man einen Radweg überqueren. Ein Radfahrer musste bremsen, nicht etwa scharf, nur ganz normal. Ich weiß nicht, wie oft im Leben ich schon, mit Auto oder Fahrrad, bremsen musste, weil Leute ein- oder ausparkten. Ohne Einparken, Ausparken und Bremsen kann es meiner Ansicht nach überhaupt keine Mobilität und keinen Straßenverkehr geben. Der Radfahrer begann zu schimpfen. Er rief sinngemäß, dass ich ein Depp sei. Er sah, wie soll ich das jetzt ausdrücken, alternativ aus. Ich selber bin ja reaktionär.

Ich stieg aus und sagte: "Ich kann doch gar nicht anders, mein fortschrittlicher junger Freund, ich muss doch über den Radweg fahren." Eine ältere Radfahrerin, die eine augenscheinlich selbst gestrickte Wollmütze trug, kam hinzu. Auch sie musste bremsen, auch sie begann sofort damit, mich zu beschimpfen. Die Situation war sehr klischeehaft. Deshalb bin ich wieder eingestiegen. Nun begann der Mann, mit seinen Händen auf mein Auto einzuschlagen. Warum sind Menschen so? Warum so viel Gewalt, so viel Hass? Sind wir nicht alle Kinder desselben Gottes?

Ich habe das Fenster geöffnet. Ich habe gerufen: "Ihr Nazis!" Ich war wütend. Ich fand das so wahnsinnig ungerecht. Ich bin im Grunde ein rücksichtsvoller Fahrer. Ich wollte, dass sie sich ärgern, ich wollte ihnen so wehtun, wie sie mir wehgetan haben. Ich glaube, das ist mir auch gelungen. Sie schrieben meine Nummer auf, tauschten Adressen aus und riefen, dass sie mich anzeigen werden.

1990 formulierte der amerikanische Autor Mike Godwin eine sozialpsychologische Theorie. Godwin’s Law gilt inzwischen als empirisch bewiesen. Es besagt, dass seit etwa 1950 bei jeder größeren Meinungsverschiedenheit, weltweit und immer, irgendwann ein Vergleich mit den Nazis auftaucht. Dieser Vergleich habe nichts mit der realen Geschichte zu tun, sondern mit dem Wunsch des Sprechers, eine Diskussion zu beenden, indem er seinem Gegenüber jegliche Satisfaktionsfähigkeit abspricht. In diesem Sinne wurde zum Beispiel Angela Merkel mit den Nazis verglichen (von Hugo Chávez), Peer Steinbrück (von irgendwelchen Schweizern) sowie die Fluggesellschaft Air Berlin (von einem spanischen Politiker).

Ich werde meine Verteidigung vor Gericht auf Godwin aufbauen. Ich werde sagen, dass ich eben ein Kind meiner Zeit bin, und werde nachweisen, dass Angela Merkel und Peer Steinbrück, vor allem aber Air Berlin viel weniger mit den Nazis zu tun haben als diese fanatischen Radfahrer mit ihrem bedingungslosen Glauben an die historische Überlegenheit ihrer Sache. Meinen Vergleich, werde ich sagen, bedaure ich zutiefst, aber nur aus künstlerischen Gründen, weil er unoriginell ist.

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