Ein Jahr US-Präsident Held des Rückzugs

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt – wo steht Barack Obama heute? Er ist der Präsident, der seinem Land zu neuem Ansehen verholfen hat und dabei zugleich dessen Abstieg bewältigen muss

Nie zuvor ist das Ansehen eines Präsidenten bereits im ersten Amtsjahr so schnell so tief gesunken.

Nie zuvor ist das Ansehen eines Präsidenten bereits im ersten Amtsjahr so schnell so tief gesunken.

Wer ist Barack Obama – jetzt, ein Jahr nach seiner Amtseinführung als Präsident der Vereinigten Staaten? Damals, am 20. Januar 2009, war er eine Sensation und eine Hoffnung. Heute ist er für die Ungeduldigen eine Enttäuschung – der Mann, der Amerika nicht neu und die Welt nicht friedlich gemacht hat. Für seine Feinde im eigenen Land ist er ein Verräter, ein vaterlandsloser Geselle, der die USA mit sozialistischen Experimenten kaputtreformiert und im Ausland schlechtredet. Für die routinierten Politikbeobachter ist er ein ganz normaler Präsident, der seine Erfahrungen mit der Wirklichkeit macht und von seinen Träumen Abschied nehmen muss. Aber dies sind keine normalen Zeiten, und dies ist kein normaler Präsident. Mehr als alles andere ist Barack Obama ein tragischer Held.

In filmreifer Symbolik greifbar war die Tragik am 1. Dezember des vorigen Jahres, dem warmen, mondhellen Spätherbstabend, an dem Barack Obama zur Militärakademie West Point aufbrach, um seine neue Afghanistanstrategie zu enthüllen. Obamas Hubschrauber hob vom Rasen des Weißen Hauses ab und flog zur Mall, der pharaonisch gewaltigen Prachtstraßenachse, die vom Kapitol bis zum Lincoln-Memorial führt, mit den historisch heiligen Stätten der Hauptstadt zur Rechten und zur Linken, in der Mitte der Obelisk des Washington-Monuments. Unter dem Präsidenten in seinem Helikopter lag die imperiale Szenerie eines modernen Roms – ein Sinnbild der Macht in majestätischer Schönheit. Aber die Botschaft des Auftritts, zu dem Obama unterwegs war, würde sich ganz anders anhören, nicht triumphal, sondern angestrengt. »Wir können es uns nicht leisten, die Kosten dieser Kriege einfach zu ignorieren«, bemerkte der Präsident – ein Eingeständnis, das George W. Bush, aber auch Bill Clinton nicht über die Lippen gekommen wäre. »Amerika, wir gehen durch eine Zeit schwerer Prüfung«, hieß es gegen Ende von Obamas Rede; fast klang es wie ein Verzweiflungs- und Hilferuf.

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Die Weltfinanzkrise hat den Kapitalismus in Frage gestellt

Denn der Niedergang amerikanischer Macht ist überall spürbar, im Großen wie im Kleinen, als welthistorischer Prozess wie im alltäglichen diplomatischen Frust. Die Vasallen des Imperiums werden aufmüpfig: Der afghanische Präsident Karsai, im Amt gehalten durch westliches Geld und westliche Waffen, regiert trotz westlichen Protests gegen seine massive Wahlfälschung einfach weiter. Die israelische Regierung des Hardliners Benjamin Netanjahu hat sich gegen amerikanischen Druck geweigert, den Siedlungsbau in den besetzten Palästinensergebieten komplett einzustellen. Inzwischen sind es die USA, die klein beigegeben haben und von ihrer Forderung wieder abgerückt sind.

Als der Präsident im vorigen November China besuchte, konnte die Führung des Landes ihn von jeder unkontrollierten Kommunikation mit der Bevölkerung abschneiden: Obamas gefährliches Charisma wurde erfolgreich neutralisiert. Bill Clinton hatte noch live vor den Kameras des chinesischen Staatsfernsehens den damaligen KP-Chef Jiang Zemin wegen der Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 zur Rede gestellt. Damals, in den 1990er Jahren, nach dem Untergang des Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion, standen die Vereinigten Staaten auf dem Zenit ihrer globalen Macht. Die Amtszeit von George W. Bush, mit Hybris und tiefem Fall, bedeutete den Wendepunkt. Barack Obama hat schon ein geschwächtes Amerika geerbt und muss nun als erster Präsident mit der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts zurechtkommen.

Oder erst einmal mit dem Weltchaos. Der Klimagipfel in Kopenhagen, mit seinen konfusen Verhandlungen und seiner Ergebnislosigkeit, hat die Anarchie der Gegenwart schlagartig sichtbar gemacht, aber zugleich das Selbstbewusstsein der Aufsteigerstaaten Indien, Brasilien, Südafrika und vor allem Chinas: vom Westen, auch von den USA, lassen sie sich nichts mehr vorschreiben, nicht einmal das Vernünftige. Die Erschütterung Amerikas ist mehr als Geopolitik, sie hat eine kulturelle und existenzielle Dimension. Die Weltfinanzkrise hat den Kapitalismus amerikanischen Typs und den gesamten American Way of Life in seiner globalen Vorbildrolle infrage gestellt. Die gewaltigen Haushaltsdefizite des Landes machen den Bürgern Angst. Nach einer Meinungsumfrage für den Fernsehsender NBC und das Wall Street Journal vom Ende des vergangenen Jahres erwarteten 39 Prozent der Befragten, dass in 20 Jahren China die führende Nation auf dem Globus sein werde; nur 37 Prozent prophezeiten diese Rolle weiterhin den USA. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kann man sich vorstellen, dass den Amerikanern die Last des Weltmachtdaseins wirklich zu schwer werden könnte, dass sie sich zurückziehen und ihre Ruhe haben wollen – nicht als bewusste und offizielle Politik, aber als Ausdruck eines diffusen Erschöpfungs- und Überforderungsgefühls, das im Staatskörper von unten nach oben hochkriecht.

Das ist die Situation, in der Barack Obama arbeiten muss. Sein Projekt ist: Amerikas Engagement an seine Möglichkeiten anpassen, zu Maß und Vernunft zurückkehren. Kein »Weiter so«, das unmöglich geworden ist, aber auch keine panische Flucht, sondern strategischer Rückzug auf die Positionen, die die Vereinigten Staaten verteidigen können und müssen. Wie Obama die Forderung nach einem unbegrenzten, den Sieg um jeden Preis herbeizwingenden Kraftakt in Afghanistan zurückgewiesen hat, war bezeichnend für seine politische Philosophie, es ist sein Motto und Programm: »Als Präsident weigere ich mich, Ziele zu setzen, die jenseits unserer Verantwortlichkeit, unserer Mittel oder unserer Interessen liegen.« Also werden die USA gegen Terror und Staatszerfall kämpfen, aber sie werden nicht, wie Bushs Vordenker es wollten, einen »Vierten Weltkrieg« gegen den »Islamofaschismus« führen oder der muslimischen Welt die Demokratie zu bringen versuchen. Bei allem Kosmopolitismus Obamas, bei aller globalen Faszination für den »Weltpräsidenten«: Mit einer fast harten Nüchternheit erklärt er sein Land zur Priorität.

Leser-Kommentare
  1. Barack Obamas Scheitern ist das Scheitern eines Größenwahns, eines kollektiven Größenwahns, deren Spitze er augenblicklich als Präsident verkörpert. In und mit Barack Obama wird das Ende einer langen Geschichte unaufhaltsam, unumkehrbar und unabänderbar weiter vorangetrieben. Der Glaube, der Kapitalismus habe den Komunismus besiegt, ist nur insofern richtig, als das der Komunismus dem Kapitalismus in seinem Scheitern vorausging.

    Um ein Despotentum zu bezwingen, ist ein noch größeres Despotentum erforderlich. Doch dieses Gesetz sagt nichts aus über den Wert eines vermeintlichen Bezwingers.

    Denn ein Killer, dieser einen anderen Killer killt, ist und bleibt ein Killer.

    Die Größe also, diese das Scheitern einer Kollektiven Ideologie eröffnet und vorantreibt, diese Größe ist nur dann eine wirkliche Größe, so sie nicht jenes vereinnahmt bzw. ersetzt, was sie beendet, sondern indem sie alle vergangenen Bezwungene und Bezwinger ganzheitlich transformiert.

    Wer einen Schritt zurücktritt, setzt einen Fuss in diese Größe. Es ist ein erster Schritt, kaum meßbar - und doch ein wirklicher Schritt.

    • Bug
    • 20.01.2010 um 13:29 Uhr

    Der schläft doch keine Nacht mehr.
    Dauernd ist er wie Superman unterwegs und rettet die Welt!
    Innerhalb eines Jahres hat der Typ sooo viel erreicht.
    -Er hat sich einen Hund gekauft!
    -Er hatte Wochen lang Pressekonferenzen, wie ein Popstar und hat erzählt, dass er die Welt retten wird!
    -Er war immer wieder im Urlaub, vor den ganzen Bühnenauftritten!
    -Er hat den Superschurken, die Killerfliege wärend eines Interviews gekillt!
    -Er dachte sich, wenns USA so kacke geht, dann sollte sich die Welt anpassen und hat die Welt noch mehr in die Krise getrieben!
    -Er bekam dafür, dass er an den Frieden gedacht hat, einen Nobelpreis UND ist dann extra nach Europa geflogen, hat Party gemacht und ihn abgeholt!!!
    -Für den Frieden hat er noch weitere Waffen und Soldaten in den Krieg geschickt! (Die Krise ist der Ausmaß der USA Kriege)

    ...
    Und nur das hat ER das ganze Jahr gemacht???
    Tut mir leid aber OBAMA ist PRÄSIDENT!!! ER DARF KEINE ZEIT FÜR URLAUB UND PARTYS HABEN!!! ER HAT DIE GESAMMTE VERANTWORTUNG ÜBER DIE WELT, DA DARF MAN NICHT CHILLN!!!
    Obama MÜSSTE täglich Unterwegs sein! Ihm liegen so viele Sachen auf den Schultern...
    ->> Selbst ANGELA MERKEL macht mehr als dieser "SUPERMAN"...

    Außerdem klingt dieser Artikel alles andere als NEUTRAL!
    Er wäscht die Weste Obamas weiß!!!

    Die Presse sollte NEUTRAL bleiben!!!

    Danke

  2. Vielleicht gehört Naivität dazu, auf eine bessere, gerechtere, friedlichere Politik zu hoffen, besonders vom Präsidenten der USA. Aber bei den Wahlen geht es nun mal um Wünsche, und die können, und sollen, von der Realität enttäuschte Erwartungen übertreffen.
    Allerdings hat Obama mit diesen Wünschen gespielt, sie bedient, und dann als Präsident - sicher unter Lobbydruck, aber dennoch als "mächtigster Mann der Welt" - einfach fallen gelassen. So etwas nennt man Betrug.

    Ach, und die Zeitgrenze für die Schliessung Guantanamos ist auch abgelaufen. Und das Gefängnis nicht geschlossen, es steht nicht einmal ein fester Zeitplan fest.

    Wie das so traditionell mit den politischen Versprechungen ist...

  3. ...gibt es niemals. Mein armes Herz musste heute schon einen Pulsanstieg von mind 20 Schlägen/Minute ertragen als ich die gleiche Nachricht bei der Konkurrenz lesen musste. Der gute alte Spiegel, langsam treibt er mich in den Wahnsinn. Ich kann mich noch gut an einen Artikel in der "kritischen" Zeitung erinnern, der die Kritik an Obama analysierte und der Kritik entgegentrat, aber Obama nicht in Schutz nahm. Heute ein anderes Bild. Meinungsmache, Niederreden und schlechte Nachrichten. Das ist das was der Leser fressen will.
    Nach dem Spiegel lese ich die ZEIT und Gott sei Dank wird das hier (dem Ruf der Zeitung entsprechend) etwas dialektischer angegangen. Obama hat nicht versagt, denn er ist meiner Meinung nach der ehrlichste, verantwortungsbewussteste und fortschrittlichste Präsident, den die USA gesehen haben. Doch genau darin liegt das Problem. Das Volk wie nach jahrelangen Lügen Ehrlichkeit und wählt sie auch. Wenn sich dann ein Präsident hinstellt und Fehler einräumt, die nicht mal von ihm verschuldet wurden, wird er als schwach und unterwürfig hingestellt. Die Menschen wollen Veränderung und das am besten gleich. Obama gibt Anstöße, macht Vorschläge und bewegt Dinge und wird vom System totblockiert. Wer hat versagt? -Obama!... Fortsetzung folgt....

  4. ...Leider sind die Politiker, mit denen Obama zusammenarbeiten muss und jedem einzelnen erklären muss, dass sich die Rolle der USA verändert hat, dass ein Festklammern an alten Illusionen keinen Sinn macht, aus einer Zeit, dem das Volk mit der Wahl von Obama den Rücken kehren wollte. Das Volk hat keine Weitsicht, das System ist kaputt, Vorgängerfehler schlagen durch und wer ist schuld? Genau der Mann, der das alles ändern will - Obama. Am liebsten würde ich mit Flugzeugbannern über die USA fliegen, auf denen steht: "Nicht mal Jesus könnte euer Land retten bzw. führen!"
    Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass auch Obama Fehler macht. Ich sage nicht er ist der Allheilsbringer, doch er ist die beste Wahl zu dieser Zeit und das darf man niemals vergessen.

  5. "Barack Obama hat schon ein geschwächtes Amerika geerbt und muss nun als erster Präsident mit der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts zurechtkommen.

    Oder erst einmal mit dem Weltchaos".

    genau: landung in der realität. mit vielen guten vorsätzen und absichten gewappnet. that's it. obama ist ein mensch. darf er ja schließlich auch sein. und er darf/muss seine erfahrungen sammeln. private menschen dürfen fehler machen. politiker nicht. das eigentlich tragische ist wohl, dass sie unfehlbar zu sein HABEN. kinder brauchen märchen.

  6. ...immer mehr auf sein reales Maß. Er wird in die Annalen der Weltgeschichte als Polithochstapler eingehen, der die Leute besoffen geschwatzt hat.

    Von all' den schönen Versprechungen ist nichts geblieben, und es wird sich während des Restes seiner Amtsperiode zeigen, daß außer heißer Luft nichts mehr kommt.

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