Der Afrika-Cup in Angola hätte eigentlich ein fröhliches Sportfest werden sollen, eine Ouvertüre zur Fußballweltmeisterschaft, die in diesem Jahr erstmals in Afrika ausgetragen wird. Für die Éperviers, die "Sperber" aus Togo, war das Turnier schon vor dem Anpfiff zu Ende: Nach einem heimtückischen Anschlag, den Rebellen in Cabinda verübt hatten, flog die Mannschaft wieder nach Hause. Vorläufige Bilanz des Terrors: drei Tote, sechs Verletzte, traumatisierte Spieler – und ein dunkler Schatten, der auf den Weltcup 2010 in Südafrika fällt.

Man musste kein Prophet sein, um die Reaktion vieler Europäer vorherzusagen – sie verbanden die Tragödie in Angola geradezu reflexhaft mit Südafrika und fragten unisono: Wie sicher ist die WM im Land mit der höchsten Mordrate der Welt? Können "die da unten" ein solches Megaevent überhaupt wuchten? Die Südafrikaner sind das afropessimistische Geraune gewohnt, sie müssen es sich seit dem WM-Zuschlag im Mai 2004 ununterbrochen anhören. Doch diesmal platzte ihnen der Kragen. Danny Jordaan, der Chef des WM-Organisationskomitees, nannte die ewigen Sicherheitsbedenken "töricht". Und sein Sprecher Rich Mkhondo empfahl ausländischen Journalisten Nachhilfestunden in Geografie: "Sie müssen lernen, dass Afrika aus verschiedenen Ländern besteht."

Cabinda? Mancher Kommentar vermittelt in der Tat den Eindruck, als liege diese ölreiche Enklave irgendwo hinter Ouagadougou gleich neben Südafrika. In Wirklichkeit sind die WM-Städte der Kaprepublik weiter von Cabinda entfernt als Stockholm von Sarajevo. Wenn im Jahre 1992 ein afrikanischer Korrespondent vor dem Besuch der Fußballeuropameisterschaft in Schweden gewarnt hätte, weil auf dem Balkan ein Krieg tobte, hätte man ihn ausgelacht. In den Berichten über Afrika sind solche aberwitzigen Kontinentalsprünge ganz normal, gerne wird auch der gesamte Erdteil zu einer einzigen wabernden Krisen- und Konfliktmasse verschmolzen. So bedient man die eurozentrischen Stereotype vom finsteren, gewalttätigen, verlorenen Kontinent – eine Mischung aus rassistischen Vorurteilen und postkolonialem Überlegenheitsdünkel.

Man traut diesen "chaotischen" Afrikanern einfach nichts zu, eine Fußball-WM schon gleich gar nicht. In dieses immergleiche Zerrbild will allerdings nicht passen, dass die WM-Organisatoren in Südafrika bislang recht gut vorangekommen sind. Die prächtigen Fußballarenen wurden zum Beispiel früher fertig als beim Weltcup in Italien 1990. Natürlich gibt es wie immer und überall bei solchen Großprojekten auch Engpässe, Verzögerungen und Fehlplanungen, die größten Probleme bleiben der öffentliche Transport und die Kriminalität. Ein gewaltiges Heer von Polizisten, Soldaten, Reservisten, Spezialeinheiten und privaten Wachdiensten soll den reibungslosen Ablauf des Turniers gewährleisten, die Gesamtzahl der Einsatzkräfte wird auf bis zu 200000 geschätzt – mehr, als je bei einer WM im Einsatz waren.

In Zeiten des globalen Terrorismus kann niemand sagen, wie groß die Gefahr eines Anschlags wirklich ist. Für eine geringere Wahrscheinlichkeit spricht, dass Südafrika nicht im Zentrum der Geopolitik steht, es ist ein neutraler Staat im tiefen Süden, der keine Feinde hat und nicht von religiösem Wahnsinn geplagt wird. Aber als Gastland der Fußball-WM rückt es in den Fokus weltweiter Aufmerksamkeit, und Massenveranstaltungen sind für mörderische Attacken ideale soft targets, weiche Ziele. Deshalb treiben präventive Maßnahmen an allen Austragungsorten die Kosten in schwindelerregende Höhen. Bei den Olympischen Winterspielen, die demnächst in Vancouver beginnen, wurde der Sicherheitsetat um das Fünffache erhöht. In London explodieren vor den Sommerspielen 2012 die Ausgaben für Antiterrormaßnahmen.

In anderen Weltregionen nimmt man Südafrika übrigens ganz anders wahr. Nach einem Blutbad im März 2009 – islamistische Fanatiker hatten im pakistanischen Lahore das Kricket-Nationalteam von Sri Lanka mit Sturmgewehren und Handgranaten attackiert und sieben Menschen getötet – befürchtete der indische Kricket-Verband Terrorakte im eigenen Land und verlegte die Spiele der Indian Premier League kurzerhand in die Kaprepublik. Der Exodus einer ganzen Liga auf einen anderen Kontinent – nach Afrika! – ist ein Novum in der Geschichte des Sports. Während sich die Inder in ihrem "Exil" wohlbehütet fühlten, hegen die Deutschen nach wie vor Sicherheitsbedenken. Seit bekannt wurde, dass eine Firma unsere Nationalelf mit kugelsicheren Westen ausstatten wollte (was der DFB sogleich dementierte), reißt man am Kap Witze über die furchtsamen Krauts. Tenor: Mögen Ballack und Co. doch auflaufen mit ihren bleischweren Westen – dann mischen unsere Jungs sie richtig auf!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio