Der Opernball

Wenn doch wenigstens die Entführung aus dem Serail schon geschafft wäre! Hans-Joachim Frey, 44, weißes Haar, jungenhafte Züge, sitzt unruhig im Café des Dresdner Kempinski-Hotels Taschenbergpalais, das ihm dieser Tage als Büro und Bühne dient. Als Platz hat er einen Sessel gewählt, um nicht in einem der Kanapees zu versinken. Frey ist lieber obenauf. Dafür scheut er weder Aufwand noch Show.

Sobald am Montagabend Mozarts Serail in der Semperoper verklungen ist, lässt Frey Scharen von Handwerkern das ehrwürdige Haus stürmen. "Dann wird alles herausgerupft", sagt er, sämtliche Parkettsitzreihen, denn darüber wird in vier Tagen und Nächten ein neues Dresdner Parkett errichtet, als Grundlage für die selbst ernannte "schönste Nacht des Jahres", den fünften Semperopernball: 1,3 Millionen Euro teuer, Kartenpreise von 150 bis 1500 Euro; 2200 Gäste im ausverkauften Theater, Tausende davor beim Freiluftspektakel – das allerdings ist gratis.

Hinter den Kulissen dirigiert Frey etwa tausend Mitarbeiter, vom Kellner bis zum Staatskapellmeister. Für eine MDR-fernsehtaugliche Reminiszenz an höfischen Glanz in der früheren Residenzstadt. Für eine Nacht zwischen Kaiserwalzer und einer von 60 Köchen komponierten "Sinfonie von Kalb und Rind". "Wir bieten Klassik-Entertainment", sagt Frey, "das war für viele in Dresden, auch innerhalb der Oper, erst shocking." Über seinen Ball meint er: "Davon vibriert und spricht heute die ganze Stadt."

Der Niedersachse, seit 2007 Theaterintendant in Bremen und davor Operndirektor in Dresden, hat das Fest mit wenigen Mitstreitern aus dem Boden gestampft, mutig, mit freimütigem Größenwahn. Der Wiener Opernball bietet dreißig Minuten Auftaktprogramm – also macht Frey in Dresden neunzig. Wien lässt Debütantinnen in Weiß antanzen – seinen verordnete Frey die Signalfarbe Rot. Wien begrüßte als Stargast die frühere US-Außenministerin – Frey holte voriges Jahr Russlands Premier Wladimir Putin.

Durch die dubiose Verleihung eines "Sächsischen Dankordens" an den ehemaligen Dresdner KGB-Residenten Putin gelangte der Ball aus der MDR-Nische bis in Tagesschau und internationale Presse. In der Stadt selbst indes kam diese PR-Aktion des Kulturmanagers – wie sein Drang nach Society-Gepränge – nicht gut an; zumal in den kunstsinnigen Kreisen, für die "Kultur" und "Manager" zusammen kein Wort ergeben.

Dresden, pariert Hans-Joachim Frey, könne den "Mehrwert" dieses Balls gut gebrauchen. Die Stadt, klagt er, erscheine ihm manchmal zu abgeschottet: Sie sei sich selbst genug. Dies, so könnte man sagen, ist das Serail, aus dem der ehrgeizige Intendant die Dresdner mit Pomp zu entführen meint – zu einem Drittel stellen die Einheimischen das Ballpublikum, jeder zweite Gast kommt von außerhalb Sachsens. Allerdings gilt gerade dieser Semperopernball überregional als ein schillerndes Beispiel für Dresdens alte oder neu erwachsene Bürgerlichkeit; wie die alles überragende Rekonstruktion der Frauenkirche oder Uwe Tellkamps Roman Der Turm. Aber was genau soll das heute sein: das Dresdner Bürgertum? Und gibt es die Dresdner Gesellschaft? Sie definieren zu wollen gleicht dem Versuch, ein Stück Eierschecke an die Wand zu nageln. Die Antwort ist hier schon auf den ersten Blick komplizierter als in Hamburg, München oder Düsseldorf, wo großbürgerliche Familien mindestens seit der Gründerzeit das Terrain prägen.

Dresdens jüdische Wirtschaftselite mit ihren Stiftern und Mäzenen indes wurde im Nationalsozialismus ausgelöscht – oder vertrieben: "Diese Familien leben heute in Buenos Aires, São Paulo und New Yorks Fifth Avenue, aber definitiv nicht mehr in Dresden", sagt der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, Martin Roth. "Bestes Beispiel dafür ist unser treuer Unterstützer Henry Arnhold in New York." Die bedeutende Bankiersfamilie, der Dresden etwa das Arnhold-Bad verdankt, floh in der NS-Zeit. Roth glaubt, es werde noch lange dauern, bis ein vergleichbares neues Bürgertum in der Stadtgeschichte verankert sei. Nach dem Krieg gab der SED-Staat dem Industriebürgertum den Rest. Heute beherbergt die Stadt – wie ganz Ostdeutschland – keine einzige Konzernzentrale.